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Smells like ... Sex

Arbeit von Julia Barbee, Foto: Lisa Talbot
Wolfsburg: Kunstverein Wolfsburg |

Heutzutage lernen sich viele Menschen auf Dating-Plattformen kennen. Man schreibt sich erst eine Kurznachricht, dann mehrere, telefoniert und trifft sich vielleicht zum ersten Mal. Er sah auf den hunderten von Bildern die ausgetauscht wurden und die ihn beim Sport, beim Essen mit Freunden und daheim in der Küche zeigen immer fantastisch aus. Er hat die gleichen Interessen, er hört gute Musik, zieht sich hervorragend an. Und dann nimmt man sich beim ersten Hallo-Sagen zaghaft in den Arm und es passiert: nichts. Irgendetwas fehlt. Die Ausstellung im Kunstverein Wolfsburg möchte sich genau dieser Leerstelle der Digitalkultur widmen: dem Geruch.

Geruch und Sexualität bilden eine untrennbare Einheit. Vermutlich entscheidet sich unsere Partnerwahl sogar zum größeren Teil über den Körpergeruch. Dating-Plattformen im Netz, die auf visuelle Reize fokussiert sind, haben dennoch einen hohen Zulauf. Zeitgleich wird individueller Körpergeruch immer mehr zu einem gesellschaftlichen Tabu. Obwohl die Antitranspirante unter den Deodorants aufgrund ihrer Krebsgefahr in der Medienkritik stehen, werden sie nach wie vor angeboten und gekauft. Warum? Stellt Schweiß eine Bedrohung für das geschlossene, optimierte Körperbild unser zeitgenössischen Gesellschaft dar? Durch Antitranspirante entsteht Geruch nur noch in sehr geringem Maße, sie wirken wie eine Versiegelung. Unsere Geruchsidentität wird damit kontrollier- und formbar. Doch verzichten wir durch den Versuch den eigenen Körpergeruch auszuschalten oder vollkommen umzucodieren freiwillig auf eine komplexere Form der Kommunikation? Wird die Erfahrungswelt unserer auf den Sehsinn konzentrierte Zeit gekennzeichnet von Oberflächenfixiertheit und damit eindimensional? Die Bilderflut der Digitalkultur könnte jedenfalls durch die Abwesenheit des Duftes zu einer Abwesenheit des Geschichtenerzählens werden. Diese Verbindung zieht der Philosoph Byung Chul Han 2009 in seinem Essay „Duft der Zeit“: „Die Erzählung lässt die Zeit duften. Die Punkt-Zeit ist dagegen eine Zeit ohne Duft. Die Zeit beginnt zu duften, wenn sie eine Dauer gewinnt, wenn sie eine narrative Spannung oder eine Tiefenspannung erhält […].“

Gerade der Duft des Körpers transportiert Intimität und Nähe, er berührt uns unmittelbar. Das Ausstellungsprojekt Sex Smells bringt zeitgenössische Positionen zusammen, die sich diesem Geruch und dem ästhetischen Umgang mit Körperflüssigkeiten widmen. Dabei wird nicht nur unsere Körperwahrnehmung im Spannungsfeld von Ekel und Anziehung untersucht, der Besucher wird auch angehalten, sich auf eine andere Form der Wahrnehmung einzulassen. Der Titel der Ausstellung Sex smells ist damit sowohl der Werbeformel Sex sells entgegengerichtet, rekurriert aber auch auf die Konstruktion von (Geschlechter-)identität (engl.: sex), die zu einem Großteil über Geruch funktioniert.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von Julia Barbee, Peter de Cupere, Sarah Schönfeld, Clara Ursitti
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