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Wolfenbüttel in den 50er & 60er Jahren

Im Zeichen des sog. Wirtschaftswunders
 
Die Kuba-Musik- und Fernsehtruhe: Jeden Fingerabdruck sah man auf dem polierten Holz.
Wolfenbüttel: Schlossmuseum |

Eine faszinierende Ausstellung aus der Zeit der Tütenlampen und Cocktailsessel im Schlossmuseum Wolfenbüttel

Da steht sie, die NSU-Qickly. Genau so besaß ich sie; Farbe: Ein schmutzig-blasses Grün; zwei Gänge; es gab sie auch in hellblau. Aber das Gefährt hatte keinen Sozius. Leider bedeutete das, ich konnte kein Mädchen mitnehmen.

Selten hat mich ein Museumsbesuch so begeistert. Hier fand ich all die Dinge, die mir aus meiner Kindheit und Jugend so vertraut waren; auch wenn ich nicht in Wolfenbüttel sondern bei Braunschweig aufgewachsen bin. Aber zur Begeisterung gesellte sich beim Rundgang durch die Räume nach und nach auch eine sanfte melancholische Stimmung. Kein Wunder - das alles liegt schließlich mehr als fünfzig Jahre zurück. Ich habe die Zeit erlebt und bin darüber älter geworden.

Stoffmuster, Schriftzüge, Eierschneider, Zigarettenspender, Wahlplakate. Im Fernseher laufen Werbefilme – alles ist mir noch oder wieder vertraut. Die elegante Musik- und Fernsehtruhe Kuba Stereo, Modell Meran, Nussbaum und Ahorn poliert. So oder ähnlich stand sie auch bei uns im Wohnzimmer. Jeden Fingerabdruck sah man darauf.

Mein Ghettoblaster hieß damals Kofferradio. Damit saßen wir abends an der Dorfstraße auf dem Brett, wo der Bauer sonst seine Milchkannen abgestellt hatte. Wir hielten den Apparat im angewinkelten Arm und hörten Radio Luxemburg mit Camillo Felgen. Und wir fühlten uns schon ziemlich erwachsen.
Viele der ausgestellten Gegenstände kann man noch auf dem Flohmarkt entdecken
In einer Vitrine zusammen mit anderen Fotoapparaten die Agfa Click: Es war die erste Kamera meiner Frau; wir haben sie auch aufgehoben. Mein erster Fotoapparat dagegen war die elegante Bilora Bella in taubenblau und hellgrau von der Firma Niggeloh & Kürbi. Für die doppeläugige Rolleiflex reichte mein Taschengeld leider nicht.

Am Garderobenständer die Damen- und Herrenoberbekleidung: Der Mantel - Salz und Pfeffer. Ich darf ihn sogar anprobieren. Puh, war der schwer. Habe ich so gar nicht in Erinnerung. Derweil ist meine Frau in den Persianermantel geschlüpft. Das war damals ein Statussymbol. Wer sich einen Persianer leisten konnte, hatte es geschafft.

Aber die Ausstellung informiert nicht nur über Schöner Wohnen mit Nierentisch und Musiktruhe, Wirtschaftswunder, Toast Hawaii und Feldschlößchen Export. Der DDR-Volksaufstand 1953 findet genauso Erwähnung wie der Umgang mit der NS-Vergangenheit oder die damalige Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen im Nachkriegsdeutschland.
Wir Älteren können in dieser Ausstellung noch einmal in unsere Kinder- und Jugendzeit eintauchen, sitzen in Gedanken bei Toscani in Wolfenbüttel oder bei Coletti auf dem Bohlweg in Braunschweig. Und unsere Kinder und Enkel bekommen einen Eindruck, wie ihre Eltern und Großeltern als Kinder oder Jugendliche ohne Smartphone und WLAN die Tage und Abende verbracht haben: Mit einem Roller, auf Rollschuhen, mit Hula-Hoop oder beim Tipp-Kick. Interessanter kann man Zeitgeschichte kaum vermitteln. Wer diese Ausstellung nicht gesehen hat, hat etwas versäumt. Also ich gönne mir jetzt erst einmal einen Lufthansa-Cocktail.
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