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Besondere Geschichte(n) des Klinikums

Vier Schwestern ließen sich mit einem Patienten fotografieren. Fotos: Klinikum
 
Der Grundriss des Luftwaffenlazaretts ahmt die Umrisse des Großflugzeugs Ju 90 nach.
Braunschweig: Klinikum Salzdahlumer Straße |

Zum 75-jährigen Bestehen wurde eine Festschrift herausgebracht mit vielen Fotos und Berichten von Zeitzeugen.

Von Martina Jurk

Braunschweig, 10.10.2015. Auf mehr als hundert Seiten verständlich und gut lesbar die 75-jährige Geschichte des Klinikum-Standorts an der Salzdahlumer Straße darzustellen, ist keine einfache Aufgabe. Doch sie ist gelungen. „Aller Ehren wert“, lobt Historiker und Regionalforscher Professor Dr. Gerd Biegel. Keine Geschichte der Medizin, sondern eine des Standorts. „Es ist interessant, welche kulturhistorische Bedeutung Krankenhäuser haben“, sagt er.

„Vom Luftwaffenlazarett zum Städtischen Klinikum“ heißt die Festschrift, die ab nächster Woche an der Information am Haupteingang zum Mitnehmen bereitliegt. Am heutigen Tag der offenen Tür gibt es sie ebenfalls, parallel zeigt eine Ausstellung viele historische Fotos, die auch in der Festschrift veröffentlicht sind.

Noch heute nennen ältere Braunschweiger das Klinikum „Die Luftwaffe“. Braunschweig hatte nach der nationalsozialistischen Machtergreifung ein Luftflottenkommando erhalten und unternahm besondere Anstrengungen, um sich eines der geplanten Luftwaffenlazarette zu sichern. Am 21. Oktober 1940 wurde es eröffnet, im Sommer 1941 weihte es Reichspropagandaminister Joseph Goebbels offiziell ein.

Eine Geschichte, die viele Menschen lieber ausblenden würden. „Das muss man hinnehmen. Das war eben die Zeit, in der das Klinikum entstand“, stellte Gerd Biegel klar. „Das ist die Stärke der Festschrift, dass die Ereignisse kritisch gewürdigt, Bilder, Texte und Aussagen von Zeitzeugen kommentiert werden“, betont Pressesprecherin Marion Lenz, unter deren Leitung das Buch entstand. Als Grundlage diente die Festschrift zum 60-jährigen Bestehen. Mitarbeiter Bernd Schneider hatte jahrelang Material gesammelt, das nun von der Historikerin Sabine Ahrens ergänzt und von Texterin Uta Löffler überarbeitet wurde. „Es ist ein Stück Stadtgeschichte“, unterstreicht Oberbürgermeister Ulrich Markurth, Aufsichtsratsvorsitzender der gemeinnützigen GmbH Städtisches Klinikum Braunschweig.

Geschäftsführer Helmut Schüttig nennt die wichtigsten Kapitel der Standortgeschichte: • Wie aus dem Militärhospital ein städtisches Krankenhaus wurde, • die Nachkriegszeit mit Entbehrungen und Improvisation, • der Pflegenotstand in den 1960er-Jahren, • die allmähliche Modernisierung durch die Einrichtung der ersten Intensivstation 1968, den ersten Funktionstrakt, das Bettenhaus 1978 mit einer Investitionssumme von 75 Millionen D-Mark, die Anschaffung eines Kernspintomographen 1991, den Neubau der Psychiatrie 2002, die Ansiedlung der Weiterbildung im eigenen Haus durch ein eigenes Institut, • die Selbstständigkeit durch eine gemeinnützige GmbH 2003, • Zentrenbildung, Verselbstständigung der Kliniken (unter anderem die Urologie) als Träger des medizinischen Fortschritts, • ständige Erweiterung der Notaufnahme bis hin zur • Umsetzung des Zwei-Standorte-Konzepts. „Die besondere Gründungsgeschichte, die lange Nachkriegszeit mit Entbehrungen, die starke Strukturentwicklung in der Medizin und Pflege, die GmbH-Gründung – wir können stolz sein auf diese Entwicklung“, lautet das Fazit des Geschäftsführers.

Auch der Ärztliche Direktor Dr. Thomas Bartkiewicz ist beeindruckt von der Festschrift: „Ich bin erstaunt, was die Klinik durchmachen musste, wie viele Mitarbeiter, gerade in der Pflege, schon lange dabei sind, manche länger als 40 Jahre, erstaunt auch über die rasante Entwicklung des medizinischen Fortschritts bis hin zum heutigen fast universitären Niveau.“

Von zukunftsweisenden Entscheidungen wie die Einrichtung einer eigenen Krankenpflegeschule mit angeschlossenem Wohnheim, Möglichkeiten der Fachweiterbildung und des dualen Studiums, die Veränderung der Führungsstruktur im Pflegedienst spricht Pflegedirektor Ulrich Heller. „Im Klinikum wurde von Anfang an die Zukunft neu gestaltet und nicht versucht, die Vergangenheit zu verbessern“, fasst Professor Biegel zusammen.

Erinnerungen:

In den 50er-Jahren mussten sich die Mitarbeiter auf die mangelhafte Ausstattung einrichten. Um Blutserum zu gewinnen, züchtete der Krankenhaus-Apotheker Schafe, Meerschweinchen und Kaninchen. Gärtner pflegten die Parkanlagen und bauten Obst und Gemüse an, einer von ihnen versorgte die Tiere.

Krankenschwester Else Diekmann erinnert sich an den Pflegealltag in den 60er-Jahren: Als Nachtschwester musste sie mehr als 30 Patienten pro Nacht betreuen. Schon ab Mitternacht begann sie die Patienten zu waschen und zu rasieren, damit dies bis zum Morgen um 5 Uhr beendet war.

Der leitende Stabsarzt der Zahn- und Kieferchirurgischen Abteilung, Oberstabsarzt Hans Maurer, war einer der Ersten, die plastisch-chirurgische Operationen ausführten. Dies erwies sich als Glücksfall für Patienten wie Uwe Brackmann: Ihm hatte eine Gewehrkugel den Unterkiefer zerrissen. Im Luftwaffenlazarett entnahm man ein Stück Knochen aus seinem Bein und setzte es in den Kiefer ein.
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