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Vier Blickwinkel auf das menschliche Universum

Die Fotografen Kalouna Toulakoun, Birte Kaufmann, Arne Schmitt und Sara-Lena Maierhofer (v.l.) kamen zur Eröffnung ihrer Ausstellung nach Braunschweig. Fotos: André Pause
 
Empathie als Strategie ist bei Birte Kaufmann Trumpf (l.), Arne Schmitt betreibt dagegen fotografische Architekturkritik.
Braunschweig: Museum für Photographie |

Das Museum für Photographie zeigt in seinen Torhäusern bis zum 3. April Arbeiten von Förderpreisträgern im Bereich Dokumentarfotografie.

Von André Pause, 09.02.2016.

Braunschweig. Dass jede Künstlergeneration das Genre Dokumentarfotografie neu definiert, das Spielfeld im Einzelfall vergrößert, zumindest aber neu vermisst, ist naheliegend. Zu welch faszinierend unterschiedlichen Ergebnissen Fotografen aufgrund ihrer Herangehensweisen, Sujets und Ausdrucksformen gelangen können, verdeutlicht die jetzt eröffnete Ausstellung „Dokumentarfotografie Förderpreise 10“ der Wüstenrot Stiftung, die bis zum 3. April im Museum für Photographie zu sehen ist.

Seit mehr als 20 Jahren schreibt die Stiftung den pro Kopf mit 10 000 Euro dotierten Preis gemeinsam mit der Fotografischen Sammlung des Museum Folkwang in Essen aus. Ausgezeichnet werden stets vier Künstler. Im aktuellen Fall hat sich die Fachjury um Florian Ebner, Leiter der Fotografischen Sammlung und letztjähriger Kurator des deutschen Pavillons der Biennale in Venedig, für Birte Kaufmann, Sara-Lena Maierhofer, Arne Schmitt und Kalouna Toulakoun entschieden. Ihre für die Schau im Rahmen eines freien Projekts entstandenen Werkreihen zeigen die Künstler nun in einer Wanderausstellung, deren erste Station Braunschweig ist.

Sara-Lena Maierhofer (Jahrgang 1982) versucht mit „The Great“ eine literarische Annäherung an den Mythos Silvio Berlusconi. Dabei verweigern sich ihre schwarz-weißen Bilder zumindest auf den ersten Blick der dokumentarischen Funktion. Meyerhofer lotet die Grenzen des Genres weiträumig aus, fügt symbolische Fragmente zusammen, damit Realität, Illusion und Interpretation verschmelzen können. Der Politiker und Medienmogul selbst ist nur auf einem Bild erkennbar. Die Wesenszuschreibungen erfolgen hernach metaphorisch, beispielsweise durch ein abgebildetes Kugelstoßpendel, bei dem Krafteinwirkung und Impulsweitergabe für den Laien ähnlich geheimnisvoll bleiben, wie die Machtstrukturen des politischen Geschäfts. Nur das Ergebnis ist vernehmbar.

Der Wahlkölner Arne Schmitt (Jahrgang 1984) setzt sich mit seiner fotografischen Analyse „Die neue Ungleichheit“ damit auseinander, wie Architektur die Gesellschaft repräsentiert, und macht am Beispiel Köln – das Pars pro Toto für andere Städte stehen kann – die baulichen Konsequenzen des neoliberalen Umwidmungsprozesses im Stadtraum sichtbar. Der Nachteil für alle Köln-Unkundigen: außer im prominenten Fall des eingestürzten Stadtarchivs erfordert die Arbeit eigentlich ein tieferes Eindenken in die Stadtgeschichte. Oberflächlich betrachtet bieten die Dreibild-Konstruktionen Schmitts freilich immer noch ästhetische Ansichten neuralgischer Punkte der städtischen Architektur.
Einfacher – weil plakativer – machen es dem Betrachter die Künstler Kalouna Toulakoun (Jahrgang 1978) und Birte Kaufmann (Jahrgang 1981). Toulakoun hat sich mit seiner Arbeit „In der Erwartung großer Stürme“ auf familiäre Spurensuche begeben. Er erzählt die Geschichte detailliert und linear, allerdings ohne menschliche Anwesenheit im Motiv, allein über die Umgebung oder ein bestimmtes Interieur.

Kaufmanns Werkreihe „The Travellers“ konzentriert sich im Gegensatz dazu komplett auf die handelnden Personen, Vertreter der noch heute nomadisch lebenden Minderheit in Irland und Großbritannien. Die Künstlerin hat – Empathie ist Strategie – das Vertrauen der porträtierten Gruppe gewonnen, und so deren Alltag kennengelernt. Die Beiläufigkeit des Moments sorgt für atemberaubende Aufnahmen voller Poesie.

Weitere Infos zur Schau finden Sie unter www.photomuseum.de. Geöffnet ist dienstags bis freitags von 13 bis 18 Uhr, sowie samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr. Ansprechpartnerin für das Vermittlungsprogramm ist Theresia Stipp, die unter der Rufnummer 7 50 00 oder via Mail an volontariat@photomuseum.de erreichbar ist.
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