Anzeige

„Mit einem Orchester lässt sich vieles imitieren“

Eine acht Filme umfassende Retrospektive beim diesjährigen Filmfestival ist dem Schweizer Filmkomponisten Marcel Barsotti gewidmet. (Foto: Foto: oh)
Braunschweig: Stadthalle Braunschweig |

Filmkomponist Marcel Barsotti kommt zum Internationalen Filmfestival nach Braunschweig – Eröffnung am Montagabend mit Filmkonzert

Von André Pause, Braunschweig, 30. Oktober 2015. Etwa 25 000 Besucher werden in der kommenden Woche die Kinos in Braunschweig – und erstmals auch in der Region – stürmen: Filmfestzeit. Eine acht Arbeiten umfassende Retrospektive ist dabei dem Schweizer Komponisten Marcel Barsotti gewidmet. Den Auftakt zu dieser Werkschau sowie zum 29. Internationalen Filmfestival Braunschweig insgesamt macht am Montag das Filmkonzert zu Sönke Wortmanns Historiendrama „Die Päpstin“ in der Stadthalle. André Pause hat vorab mit Marcel Barsotti gesprochen.

? Herr Barsotti, die Liste Ihrer Filmkompositionen ist lang, ein Filmkonzert dann aber doch eine Premiere für Sie?

! Das Filmkonzert ist in der Tat eine Premiere für mich. Und dann gleich zweifach („Die Päpstin“ und „Dolphins“). Es gab schon viele Konzerte mit meiner Filmmusik, aber live zum Bild auf der Leinwand – das ist für mich das erste Mal.

? Im Vorfeld haben Sie betont, welch große Herausforderung die diese Musik für den Dirigenten und das Orchester darstellt. Es gibt bei der „Päpstin“ etwa 85 Minuten komponierte Musik zu hören. War das auch Ihre größte Herausforderung in Sachen Filmmusik?

! Das kann ich jetzt nicht sagen. Aber es gehörte sicherlich zu den langwierigsten und schwierigsten Werken: Zum einen, weil es viel Filmmusik gibt und das ganze sehr episch in Historie verpackt ist, zum anderen gab es den Film noch nicht, als ich damit begann, die Musik zu schreiben. Ich habe mit der Buchvorlage angefangen. Es ist schon eines meiner aufwendigsten Werke. Von daher ist es schön, dass gerade dieser Film als Filmkonzert stattfindet.

? Was hat, neben der musikalischen Komplexität, Ihrer Ansicht den Ausschlag dafür gegeben, „Die Päpstin“ als Konzertfilm zu zeigen? Es wären ja auch Filme wie „The Poet“ oder Ihre neueste Arbeit „The Power“ vorstellbar gewesen.

! Ich glaube einfach, dass vielen Personen diese Musik in Erinnerung geblieben ist. Darüber hinaus gab es viele Indizien dafür, den Film mal als Filmkonzert darzustellen. Das eine ist sicherlich die Länge des Films, das Epische – ähnlich übrigens wie beim „Wunder von Bern“, den man auch hätte zeigen können. Das musikalische Konzept der „Päpstin“ ist für ein Filmkonzert aber besser geeignet: Es gibt größere melodische Bögen, und der Film ist insgesamt auskomponierter. Man muss bedenken, dass das „Wunder von Bern“ 2002 war und die „Päpstin“ 2009. Die Entwicklung eines Komponisten schreitet im Laufe der Zeit ja auch voran. Ich glaube, dass „Die Päpstin“, auch wenn es danach noch weitere erfolgreiche Kinofilme mit meiner Musik gab, insgesamt am meisten in Erinnerung geblieben ist. Für eine Aufführung ist es ja auch wichtig, dass die Leute den Film kennen. Man möchte ja den Saal vollkriegen. Und da dies ein internationaler Film ist, der auch sehr erfolgreich in anderen Ländern lie, beispielsweise in Italien und Spanien, denke ich schon, dass es vernünftig ist, dieses Werk uraufzuführen.

? Einen Faden möchte ich noch einmal aufgreifen: Sie haben gesagt, dass die Arbeit an der „Päpstin“ ohne filmische Grundlage verlief. Im Normalfall ist die Arbeitsweise aber schon so, dass Sie auf den vollständig fertigen Film komponieren?

! Ja, so ist es. Man bekommt den Film, um sich von den Bildern inspirieren zu lassen und die ersten Musikthemen zu schreiben. Bei der „Päpstin“ gab es hingegen einen sehr aufwendigen Postproduktionsplan. Man wollte schon Musik am Set haben. Das gibt es in Amerika übrigens ab und zu, dass die Schauspieler mit einem MP3-Player rumlaufen und die Musik im Ohr haben. Hier war das auch der Fall. Es ging um die Inspiration am Set. Das ist natürlich ein Sonderfall und geht nur, wenn ausreichend Zeit und finanzielle Mittel zur Verfügung stehen.

? Wie sah der Arbeitsprozess zum Filmkonzert aus, in den Sie wahrscheinlich integriert waren?

! Ich war natürlich integriert. Wir mussten eine spezielle Partitur für dieses Konzert herstellen lassen. Sie muss ähnlich wie die damaligen Orchesteraufnahmen synchron zum Bild sein. Hier ist es so, dass der Dirigent Filmmaterial bekommen hat, bei dem die Musik extrahiert wurde. Es ist ein spezielles Band, das hergestellt werden musste. Man hört darauf nur O-Ton und Geräusche, also keine Musik. Der Dirigent braucht dann einen sogenannten Click dazu, eine Synchronität, damit er die 42 oder 43 verschiedenen Musiken synchron zum Bild dirigieren kann. Das ist schon ein relativ großer Aufwand, der für ein Filmkonzert betrieben werden muss. Man braucht ein paar Monate Vorlauf, weil die Partitur, die ich habe, nicht exakt eisetzbar ist für das Filmkonzert, unter anderem, weil Instrumente ersetzt werden müssen.

? Weil diese nicht vorhanden waren?

! Ja, das war in der Tat so. Wir mussten ein bisschen jonglieren. Manchmal findet man nicht das entsprechende Instrument. Mit dem Orchester lässt sich aber vieles imitieren. Man kann sich eine kleine Trommel ausleihen oder eine Holzflöte, die der Flötist spielen kann. Schwieriger wird es, wenn man an einer Stelle römische Blechfanfaren hat, die es fast gar nicht mehr gibt, und die auch nur sehr wenige Leute spielen können. Das kann man beispielsweise mit Trompeten imitieren. Was nie eins zu eins gelingen wird, im Grunde aber auch gar nicht nötig ist, weil der Zuhörer das nicht hört, wenn die Musik insgesamt gut rüberkommt und das Konzert als solches funktioniert – besonders auf der emotionalen Ebene, das ist eigentlich das Wichtigste. Wir haben uns aber schon bemüht, so viel wie möglich ins Original zu bekommen.

? Für Ihre Retrospektive sind sie die gesamte Filmfestwoche in Braunschweig. Wie sieht Ihr Programm aus?

! Wenn ein bisschen Zeit bleibt, würde ich gemeinsam mit meiner Frau gerne noch ein wenig von Braunschweig sehen wollen. Wir haben auch schon ein paar Termine. Die Retrospektive steht natürlich im Vordergrund. Ich werde bei all meinen Filmen anwesend sein, so dass ich danach mit dem Publikum sprechen kann. Außerdem gibt es verschiedene Panels und ein eigenes Werkstattgespräch. Wenn dazwischen noch Zeit ist, werde ich schauen, ob ich mir den ein oder anderen Film anschauen kann.

? Auch „Dolphins“ von Farhad Yawari wird als Filmkonzert (am 5. November im Städtischen Museum) zu erleben sein. Der Regisseur ist, nachdem er mehr als vier Millionen Euro Produktionsmittel eingeworben hat, spurlos verschwunden, was sich ein wenig hanebüchen anhört. Würden Sie diesen Film als Ihre bislang ungewöhnlichste Produktion bezeichnen?

! Es ist für mich eine der außergewöhnlichsten Produktionen gewesen, weil das Ganze a) fast noch vor meiner Karriere war, also meine ersten Gehversuche mit Orchesteraufnahmen zeigt und b), weil es ein Stummfilm ist. Die Herausforderung besteht darin, dass die Musik letztlich den Hauptpart des O-Tons übernimmt. Man muss mit der Musik ein bisschen anders an den Film herangehen. Meist eine Nuance auffallender und opulenter, eben weil es keine Sprache gibt, man versucht, mit der Musik die Dialoge komplett zu ersetzen, manchmal aber auch weitaus sensibler. Bei diesem Film ist letztlich viel zusammengekommen: Unter anderem war es die erste Zusammenarbeit mit dem NDR-Radiosymphonieorchester, mit einem ganz wundervollen Dirigenten und Solisten, die heute allesamt Stars sind, wie Daniel Hope, der auch im Film mitgespielt hat, oder Adrian Brendel am Cello.

? Sie haben Filmkomposition, Klavier und Klarinette studiert. War für Sie immer klar, dass Sie in Richtung Filmmusik gehen möchten?

! Es war nicht ganz klar. Während des Studiums war mir vor allem wichtig, Musik studieren zu dürfen, das Genre von der Pike auf zu erlernen. Ich war damals in der Unterhaltungsbranche tätig und hatte während meines Studiums schon verschiedene Musiken für deutsche Musikproduzenten geschrieben oder komponiert. Vorher gab es aber schon diese innere Stimme. Als ich als Zehn- bis Zwölfjähriger im Kino war und das erste Mal „Star Wars“ gesehen habe, war ich fasziniert von diesem Gedanken, selbst irgendetwas in dieser Richtung zu machen. Ich habe sozusagen erst meine Pubertät durchleben müssen, in der ich viel Pop- und Rockmusik geschrieben habe, bevor ich zur Filmmusik gekommen bin. Das war auch gut so, denn ich konnte die Pop-Elemente jederzeit auch in Filmmusiken wieder aufgreifen. Dazu kam ich dann allerdings doch relativ spät. Erst mit 33 Jahren bin ich das erste Mal in der Branche tätig geworden.

? Beim Film ist die Musik, anders als beim klassischen Konzert, nur ein Teil des Ganzen. Wird man als Filmkomponist zum genügsameren Menschen?

! Zurücknehmen muss man sich mit Sicherheit. In der Klassik ist es meist so, dass in das Werk des Komponisten – vielleicht etwas blöde ausgedrückt – nicht hineingepfuscht wird. Was daran liegt, dass im Vorfeld ein genaues Gespräch stattfindet, und weil man nicht das Problem mit der Dramaturgie und der Synchronisation zum Bild hat. Beim Film muss die Musik oft geändert werden, weil der Regisseur sagt: Das ist mir zu wenig emotional oder zu viel, dies ist mir zu groß oder zu klein, ich finde die Musik an der Stelle nicht richtig platziert. Das ist der normale Arbeitsprozess. Ich kann nur jedem Filmkomponisten der heute in das Geschäft geht raten, sich mit seinen Emotionen in diese Richtung zurückzunehmen. Man benötigt einen Konsens bei Filmmusik, alle sitzen an einem Tisch, wollen am Ende alle einen wunderbaren Film realisieren. Das bedeutet auch, dass man sich manchmal ein bisschen mehr in Demut und Pädagogik üben muss.

? Wäre die Popmusik noch mal eine Option für Sie?

! Eher nicht. Ich könnte mir vorstellen unabhängig vom Film symphonische Konzerte schreiben zu wollen. Ich bin aber auch so immer wieder konfrontiert mit Pop- oder Rockmusik, zum Beispiel zur Premiere des Horrorfilms „The Power“. Da gibt es haufenweise schwere E-Gitarren. Ich kann diese Rock- oder Popwelt in der Filmmusik, wenn es das richtige Thema, der richtige Film oder das richtige Genre ist, eigentlich voll ausleben.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.