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„Acht Minuten Nachdenken“

Orchesterdirektor Martin Weller (Foto: Thomas Ammerpohl)
Braunschweig: Stadthalle Braunschweig | „Acht Minuten Nachdenken“, Von Ingeborg Obi-Preuß, Braunschweig, 5. Januar 2016. Große Begeisterung – harsche Kritik. Eigentlich der Idealzustand für einen Künstler und sein Werk, aber Orchesterdirektor Martin Weller ist auch „ein wenig erstaunt“ über einige Reaktionen: „Man kann doch nicht über 70 Jahre lang ausschließlich Werke aus der Strauss-Dynastie zu Neujahr spielen“, reagiert er auf Beschwerden, die ihn unter anderem direkt am Telefon erreichten. Das bloße Wiederholen der Wiener Klassiker – das mache kaum noch ein Orchester.
„Wir wissen schon, dass wir in erster Linie Unterhaltungsmusiker sind“, fügt er an, „aber es kann doch nicht angehen, dass wir an der Tagesaktualität völlig vorbei arbeiten.“
„Sound of the City“ – das Programm für das Neujahrskonzert 2016 war ursprünglich mit dem Hintergrund „50 Jahre Stadthalle“ aufgestellt worden. Die Planungen hatten vor gut einem Jahr begonnen. Städte als Sehnsuchtsorte sollten im Mittelpunkt stehen, Metropolen, in denen Kunst- und Musikgeschichte geschrieben wurde und wird.
„Jetzt aber erleben wir ein ganz anderes Europa“, sagt Weller, „die Metropolen sind auseinandergerückt. Nicht geografisch, aber politisch.“ Der Sehnsuchtsort „Stadt“ sehe sich mit einer nie dagewesenen Zahl an schutzsuchenden Menschen konfrontiert.
Und es sei Sache der „Stadtgesellschaft“, die Zukunft und das Zusammenleben zu organisieren. „Es ist eben nicht die Zeit, um an Neujahr nur und ausschließlich zu feiern“, erklärt Weller die Programmänderungen. Die Musik von Charles Ives „Central Park in the Dark“ gehöre zu den Stücken, die auch die eher dunkle Seite einer Metropole thematisierten. Es gehe um Bedrohung, um unklare Situationen. „Für mich passt diese Musik zu dem Werk ‘Der Schrei’ von Edvard Munch“, spricht Weller von Auswahlkriterien. Es gehe um das gemeinsame Bewusstsein des Bürgertums, um die künftige Aufgabenstellung der Stadtgesellschaft unter neuen Vorzeichen. „Acht Minuten Nachdenken in einem sonst durchaus auch fröhlichen Programm, das muss ja wohl möglich sein“, erklärt Martin Weller seine Haltung.
Auch das Stück „Time Spuare Ballet“ von Leonard Bernstein symbolisiere perfekt den aktuellen Rahmen. „Bernstein hat es wie kein anderer geschafft, Musikstile aus ganz verschiedenen Kulturen zusammenzuführen“, erklärt der Orchesterdirektor. Und das beschwingt und melodisch. „Wir wollen ja auch feiern und unterhalten“, fügt Weller an, „mit Stücken wie ‘Berliner Luft’ in der Zugabe haben wir das ja auch durchaus betont.“
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