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„Papa, wir kommen morgen wieder“

Aylin Yilmaz im Gespräch mit Ingeborg Obi-Preuß (NH-Redaktionsleiterin). Foto: Rasehorn

Vor einem Jahr wurde im Klinikum Wolfsburg ein Mann erstochen, Tochter vermisst Mitgefühl, Reue und Unterstützung.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 14.02.2017.

Braunschweig/Wolfsburg. Genau vor einem Jahr wurde der 85-jährige Braunschweiger Bekir Yilmaz (Namen von der Redaktion geändert) im städtischen Klinikum Wolfsburg erstochen. Genau vor einem Jahr verlor eine Tochter ihren Vater, ein Enkel seinen Großvater.

Grund war eine tödliche Verwechselung: Ein psychisch kranker Mann wollte im Krankenhaus seine Mutter töten und stach stattdessen auf Bekir Yilmaz ein. Und jetzt – ein Jahr später – droht die Tochter Aylin Yilmaz an diesem Schmerz zu zerbrechen.

Es gab einen Beileidsbrief aus dem Klinikum. Das wars. Keine Begleitung, keine Unterstützung, kein Schmerzensgeld. Ein trauriges Jahr.
„Dem Täter wird geholfen, aber ich sitze hier allein mit den Gedanken an die letzten qualvollen Minuten im Leben meines Vaters“, sagt Aylin und schaut wie versteinert aus dem Fenster.

Wer die Frau kennt, weiß, wie viel Kraft und Lebenslust bereits unter diesem Schicksalsschlag auf der Strecke geblieben sind. Die Zeit kann hier keine Wunden heilen, weil die Wunden jeden Tag wieder aufgerissen werden. Mit den Fragen nach dem Warum und nach der Schuld.
„Ja“, sagt Aylin, „mein Vater war alt, wäre er friedlich eingeschlafen, dann hätte ich dem Herrgott gedankt. Aber so? Wie in einem Film laufen Sequenzen aus den letzten Minuten im Leben meines Vaters vor meinen Augen ab. Hat er gelitten? Hatte er Angst? Hatte er Schmerzen? Wie soll ich jemals wieder zur Ruhe kommen?“

Die traurige Geschichte:

Am 14. Februar 2016 bekommt Aylin Yilmaz einen Anruf aus dem Pflegeheim bei Königslutter, in dem ihr Vater seit einigen Monaten wohnt: Verdacht auf Herzinfarkt. Der leicht demente Mann war ins Klinikum nach Wolfsburg gebracht worden.

Aylin und ihr 32-jähriger Sohn Ahmet springen sofort ins Auto und fahren ins städtische Krankenhaus nach Wolfsburg. Der Vater ist bereits auf der Intensivstation. „Dort sollte er einige Tage bleiben“, erinnert sich Aylin. Spät am Abend haben sie sich verabschiedet: „Papa, wir kommen morgen wieder.“
Doch am nächsten Tag kommt ein Anruf aus der Klinik: „Sie müssen sofort kommen.“ Ahmet und seine Mutter fahren nach Wolfsburg, dort wird ihnen mitgeteilt, dass der Vater tot ist. Ein offensichtlich verwirrter Mann habe ihn erstochen. Versehentlich. Er war in der Klinik schon als bedrohlich aufgefallen, seine Mutter war aus Sicherheitsgründen in ein anderes Zimmer verlegt worden. Und ausgerechnet in ihr „altes“ Zimmer hatte man Bekir Yilmaz gebracht. Er lag schlafend in seinem Bett, als der Täter eindrang. Der 40-Jährige erstach ihn im Glauben, seine Mutter zu töten. Ein grausiges Versehen.

Als Aylin Yilmaz das erfährt, bricht sie unter Tränen zusammen. „Ich weiß nicht einmal mehr, wie ich an dem Tag überhaupt nach Haus gekommen bin“, sagt sie heute. Die Polizei nimmt die Arbeit auf, der Täter wird rasch gefasst, die Leiche des Vaters obduziert, das Zimmer durchsucht, Spuren gesichert, Indizien gesammelt, Protokolle geschrieben und und und...

Im Juli schließlich kommt es zum Prozess. Der 40-jährige Täter schweigt, ist offensichtlich verwirrt, er kommt dauerhaft in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung. Damit ist der Fall offiziell zu Ende. Aber für die Angehörigen beginnt die Zeit der Trauer und des Schmerzes.

„Mein Vater ist in den 60er Jahren nach Deutschland gekommen“, erzählt Aylin, „und gerade in der letzten Zeit sind wir uns noch einmal besonders nah gekommen, ich war fast täglich bei ihm im Pflegeheim.“
Und nun der schmerzvolle Abschied. Die Klinik schickt ein Beileidsschreiben. Schluss. Kein Besuch, keine Blumen, keine persönliche Anteilnahme. Keine Hilfsangebote. Aylin Yilmaz kann es bis heute nicht fassen, die Tragödie wirkt nach. Sie ist ängstlicher geworden, schaut sich auf der Straße um, hat Schlafstörungen. „Wie kann so etwas in einem Krankenhaus passieren?“, fragt sie noch immer.

Um Antworten zu bekommen, wendet sie sich an eine Rechtsanwältin. Sie will aufrichtige Reue, sie will, dass das Krankenhaus seine Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Und ihre Anwältin rät ihr auch, einen Anspruch auf Schmerzensgeld zu formulieren. „Wenigstens um die Beerdigungskosten zu decken“, sagt Aylin leise, denn das Familienbudget ist knapp. Doch die Stadt Wolfsburg als Trägerin der Klinik weist alle Forderungen als „unbegründet“ zurück.

Aylin Yilmaz bleiben neben dem Schmerz auch alle Rechnungen, die Gebühren für den Anwalt kommen noch obendrauf. Über den Weißen Ring bekommt sie Kontakt zur Opferhilfe: Immerhin die Hälfte der Bestattungskosten, rund 1500 Euro, werden übernommen. Genau ein Jahr ist der Tod des Vaters heute her, Aylin Yilmaz wartet noch immer: auf echte Anteilnahme.
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