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„Weniger reden, mehr machen“

Der Blaulicht-Verleger Dominik Bartels fühlt sich auch auf der Bühne wohl. Foto: Jörg Schwedler
 
Dominik Bartels überzeugt mit ganz viel Wortwitz. Foto: Matthias Stehr

Bücher abseits des Mainstreams – Der Blaulicht-Verlag will den Stil seiner Autoren unverfälscht wiedergeben.

Von Maria Lüer, 07.03.2017.

Helmstedt. Unüberschaubar erscheint der Buchmarkt mit seinen bis zu 90 000 Neuerscheinungen im Jahr. Dennoch wird er von einigen wenigen Verlagshäusern dominiert, die sich zu noch größeren Verlagsgruppen zusammengeschlossen haben. Die Konsequenz: Die meisten Buchtitel haben heute eine geringe Halbwertszeit. Der Helmstedter Blaulicht-Verlag hat sich zur Aufgabe gemacht, die Nischen, die der große Mainstream zwangsläufig hinterlässt, zu füllen: Es geht um Literatur, die nicht auf Massenkompatibilität getrimmt ist und trotzdem begeistert. Wir sprachen mit Verlags-Inhaber Dominik Bartels.

?Welche Idee steht hinter dem Blaulicht-Verlag?

!Der Blaulicht Verlag wurde von einigen Enthusiasten gegründet, die nicht mehr den 35. Schwedenkrimi oder den 28. historischen Liebesroman in den Buchhandlungen sehen wollten. Damals hatten wir noch die wahnwitzige Idee, dass die Buchhandlungen auch ein Interesse daran haben, ihren Kunden eine möglichst breite und vielfältige Produktpalette anzubieten. Aber das spiegelt nicht die Realität wider. Es wird eingekauft und verkauft, was mit möglichst großem Werbebudget und öffentlichkeitswirksamen Tamtam in den Markt gedrückt wird. Wir gehen ganz bewusst einen anderen Weg, indem wir Inhalte und Autoren verlegen, die wir selbst interessant und unterhaltsam finden. Zudem haben wir den Vorteil, dass wir mit unseren Nischenprodukten keine riesigen Auflagen stemmen müssen. Es ist alles etwas kleiner, familiärer und weniger profitorientiert.


?Welche Akzente setzen Sie in Ihrem Verlagsprogramm?

!In den letzten Jahren hat sich bei uns ein Schwerpunkt in Sachen Lesebühnenautoren und Poetry SlammerInnen gebildet. Das liegt vor allem daran, dass wir selbst fest in dieser Szene verwurzelt sind und uns jede Menge guter Autoren über den Weg laufen. Trotzdem haben wir auch schon Kinderbücher, gesellschaftskritische Romane und Thriller verlegt. Der Grundsatz lautet bei uns immer: Es muss uns gefallen. Und klar, ein Buch sollte sich immerhin so gut verkaufen lassen, dass wir die Kosten für die Produktionen wieder reinholen.


?Was halten Sie von Tradition? Worauf legen Sie in Ihrer Verlagsarbeit wert?

!Von einer Tradition kann man sich im Verlagsgeschäft nichts kaufen. Ich kenne keine Leserin und keinen Leser, der sich ernsthaft dafür interessiert, in welchem Verlag ein Bestseller erschienen ist. Die Leute kaufen Bücher aus den unterschiedlichsten Beweggründen heraus, aber niemals nach dem Verlagsnamen. Wir legen großen Wert auf originelle, qualitativ hochwertige und kreative Cover, die zum Inhalt des Buches und auch zur Persönlichkeit des Autors passen. Dazu kommt ein Lektorat, dass weniger akademisch und literaturwissenschaftlich geprägt ist. Wir wollen den Stil unserer Autoren möglichst unverfälscht wiedergeben. Und zu guter Letzt bringen wir unseren Autoren eine große Wertschätzung für ihre Arbeit entgegen. Bei uns landen die Titel nach einem halben Jahr nicht auf irgendwelchen Grabbeltischen, wo sie dann für zwei oder drei Euro verschleudert werden.


?Ihr Verlag wurde 2008 gegründet. Binnen kürzester Zeit haben Sie sich einen Namen gemacht. Wie konnte das so schnell gehen?

!Das liegt in erster Linie daran, dass wir immer wieder den Kontakt zu potenziellen Lesern suchen. Wir präsentieren uns auf Poetry Slams, Lesebühnen und anderen Veranstaltungen. Dazu haben wir das Glück, Autoren in unseren Reihen zu haben, die sehr, sehr gut vernetzt sind und äußerst loyal zu uns stehen, auch wenn wir keine horrenden Vorschüsse zahlen. Wenn man dann noch ein wenig Gespür für wirklich gute Geschichten und kommende Senkrechtstarter hat, steigert sich der Bekanntheitsgrad in wenigen Jahren doch spürbar. Wobei man sagen muss, dass es überall in Deutschland sehr gute, engagierte und kreative Indie-Verlage gibt.


?Sehen Sie sich als Kleinverlag – oder wo sind Sie einzuordnen?

!Kommt darauf an, wie man den Begriff Kleinverlag definiert. Wir würden uns eher als Independent-Verlag bezeichnen. Es gibt keinen großen Mutterkonzern, zu dem wir gehören, und es gibt auch keine Anteilseigner, die jedes Jahr eine fette Dividende erwarten. Insofern sind wir unabhängig und nur unserem eigenen Geschmack verpflichtet. Aus diesem Grund wählen wir unsere Autoren und Titel auch gezielt aus. Etwa drei bis sechs Neuerscheinungen schaffen wir in jedem Jahr. Der Vorteil dieses eher bescheidenen Outputs besteht darin, dass bei uns jeder alle Bücher des Verlagsprogramms kennt und mindestens gelesen hat. Wir wachsen zwar auch stetig, was neue Autoren und neue Bücher angeht, aber eben in einem ganz gesunden und beherrschbaren Ausmaß.


?Sie sind selbst auch als Poetry Slammer unterwegs, ein Schriftsteller als Verleger sozusagen: Was ändert sich für Autoren in Ihrem Verlag? Die Honorare?

!Es gibt seit einigen Jahren die unschöne Entwicklung, dass man in vielen Verlagen nur noch Betriebswirtschaftler auf der Führungsebene findet. Da wird am Ende eben nicht nach künstlerischen Aspekten sondern nach ökonomischen Fakten entschieden. Gesucht wird vor allem, was sich gut verkaufen lässt, unabhängig von der Qualität oder der Originalität. Nach dem Welterfolg des „Medicus“ beispielsweise wurde der Buchmarkt in der Folge mit Mittelalterromanen von allen möglichen Verlagen geflutet. Das bedeutet für Autoren im Umkehrschluss, dass sie ein Gespür dafür entwickeln müssen, was gerade Trend oder Massengeschmack ist – zumindest sollten sie das, wenn sie einigermaßen von ihrer Arbeit leben können wollen. Bei den Honoraren setzen sich wiederum andere Mechanismen in Gang. Ehemaligen Bundeskanzlern wird schon mal ein Millionenhonorar als Vorschuss angeboten, ohne das bislang eine einzige Zeile geschrieben worden ist. Da setzen die großen Publikumsverlage auf die Gleichung: Promistatus plus Voyeurismus gleich Verkaufserfolg. Geht in aller Regel auch auf. Für noch unbekannte Autoren heißt das konkret, wenn du bisher ein unauffälliges und unaufgeregtes Leben in einem verschlafenen Nest mitten in Niedersachsen geführt hast, ist es schlichtweg egal, wie gut dein Manuskript ist. Ohne gute Beziehungen, einflussreiche Fürsprecher oder eine krasse Biografie gibt es kaum Chancen auf eine Veröffentlichung in einem der großen Verlagshäuser.


?Was ist bisher Ihr größter verlegerischer Erfolg?

!Ein Kurzgeschichtenband der Bloggerin, Moderatorin und Autorin Ninia LaGrande aus Hannover. Ihr Buch „... und ganz, ganz viele Doofe!“ ist nicht nur verkaufstechnisch unser Toptitel. Ninia hat durch ihre mediale und digitale Präsenz sowie ihre Verbundenheit zu unserem Verlag unendlich viel für uns und unsere Arbeit getan. Sie gab uns,
auch finanziell, den Spielraum, weitere tolle Projekte zu verwirklichen und anderen Autoren die Chance einer Veröffentlichung zu ermöglichen.


?Um das Ansehen der Verlage steht es derzeit gar nicht mal so gut. Immer mehr, durchaus renommierte, Autoren nutzen mittlerweile Selfpublishing. Wie steuern Sie dem entgegen?

!Dem steuern wir überhaupt nicht entgegen, weil es absolut legitim ist, wenn Autoren diesen Weg gehen und für sich entscheiden, dass sie damit besser dran sind. Es gibt aber nach wie vor genügend Autoren, die lieber schreiben möchten als sich der absoluten Selbstvermarktung zu widmen. Wenn man nämlich keinen prominenten Namen in der literarischen Welt besitzt, wird es auch über diesen Weg schwer, seine Leser zu finden. Es gibt einige wenige Autoren, die mit Selfpublishing ihr Glück gefunden und große Auflagen generiert haben. Aber wie so oft im Leben trifft der Scheinwerfer der öffentlichen Aufmerksamkeit nur die Spitze des Eisbergs. Zehntausende von Selfpublishern machen die bittere Erfahrung, dass auch dieser Weg nicht dazu führt, sich von der großen Masse der Neuerscheinungen lösen zu können. Es gibt auf den einschlägigen Plattformen absolut keine Qualitätskontrolle und so ist es für den interessierten Leser schwer bis unmöglich, die sicherlich auch dort vorhandenen Perlen zu finden.


?Wie sehen Ihre nächsten Projekte aus?

!Wir haben gerade einen Vertrag über die erste Biografie in unserer Verlagsgeschichte abgeschlossen. Aber wie das bei uns so ist und wie man auch erwarten konnte, handelt es sich dabei um eine nicht gerade alltägliche Geschichte. Willow ist der erste deutsche Skateboarder gewesen, der in den USA einen Profivertrag erhalten hat. So etwas wie eine Ikone der deutschen Skateboard-Szene. Jetzt ist er Anfang 30, lebt in Köln und hat zwei Kinder. In seiner Biografie erzählt er unverblümt von den Erfolgen aber auch von den Schattenseiten des Daseins eines Skateboardprofis. Natürlich ist das wieder ein Nischenprodukt, aber da liegt eben auch unsere Kernkompetenz. Außerdem ist Willow ein cooler Typ, der wirklich eine Menge erlebt hat.


? Wer sind Ihre Top-Autoren?

!Alle unsere Autoren sind top. Sonst hätten wir sie doch nicht verlegt. Wir messen das nicht an irgendwelchen Verkaufszahlen.


?Warum haben Sie gerade Helmstedt als Verlagsstandort gewählt?

!Der Standort ist für einen Verlag in der heutigen Zeit nicht ganz so wichtig wie vielleicht noch vor 30 oder 50 Jahren. Helmstedt wurde es in erster Linie deshalb, weil alle Verantwortlichen des Verlags in unmittelbarer Nähe wohnen oder arbeiten. Alle unsere wesentlichen Arbeiten laufen ohnehin online ab. Und auch hier gilt: Wo der Verlag seinen Standort hat, interessiert weder die Leser noch die Autoren. Entscheidend ist, dass man gute Arbeit leistet.


?Was verbinden Sie persönlich mit der Region Helmstedt?

!Ich wohne, lebe und arbeite in Helmstedt. Und das sehr gern. Es gibt viele Menschen, die ein schlechtes Bild von Helmstedt und Umgebung haben, aber ich bin enorm viel unterwegs in Deutschland und weiß deshalb, was ich an der Kreisstadt habe. Zu meinen Street Poetry-Abenden im Brunnentheater kommen regelmäßig mehr als 500 Besucher. Und zwar aus der ganzen Region. Offensichtlich bietet die Stadt Helmstedt also durchaus auch Dinge an, die andere gern hätten und wo es sich lohnt, zu uns zu kommen. Und auch das Kulturcafé Pferdestall, wo ich viele verschiedene Veranstaltung mitzuverantworten habe, ist ein lebendiges Beispiel dafür, dass in Helmstedt durchaus Projekte am Start sind, die man selbst in größeren Städten vergeblich sucht. Lebensqualität ist eben ein Faktor, den man selbst durchaus beeinflussen kann. Aber auch hier ist nur ein Grundsatz entscheidend: weniger reden, mehr machen.
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