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Alltag in der Landesaufnahmebehörde: Alles eine Frage der Organisation

Michael Lewin ist seit Dezember LAB-Standortleiter in Braunschweig. Fotos: T.A.
 
Ein Lichtblick ist das Spielzimmer: Angela Kasper zeigt die Karten, mit denen die Kinder die ersten Worte Deutsch lernen.
Braunschweig: LAB |

LAB-Standort Braunschweig hat eine neuen Leiter – „Nur“ 1800 Flüchtlinge aktuell: Situation entspannt wie lange nicht.

Von Marion Korth, 17.02.2016.

Braunschweig. Der Häuserblock soll demnächst saniert werden, er hat es nötig, wie einige andere auch. An diesem Tag sind wieder viele Füße durch Flure und über Treppenstufen gelaufen. Ein Pulk Kinder steht im ersten Stock vor der Flügeltür. „Hallo“, rufen einige, als wir an ihnen vorbeigehen. „Das ist sie, die versprochene Insel.“ Michael Lewin, seit dem 21. Dezember 2015 neuer Leiter des Standorts Braunschweig der Landesaufnahmebehörde, öffnet die Tür zum Spielzimmer.

Pause vom Alltag

Die Insel im Meer der Eintönigkeit. Puppenhaus, Duplosteine, Malstifte. Gelbe Wände und geblümte Vorhänge. Kontrastprogramm zur Welt draußen, wo alles zweckmäßig, quadratisch, praktisch, gut ist, aber ziemlich grau. Wo der Spielplatz mit Schaukel und Rutsche verlassen in Wind und Nieselregen liegt. Nach der Mittagspause dürfen die Kinder um 13 Uhr wieder ins Spielzimmer, nicht vorher und nicht mehr als 30 auf einmal. „Wenn es zu viele sind, muss ich sie wieder wegschicken, auch wenn es mir leidtut“, sagt Angela Kasper. Die kleinen Jungs auf dem Flur können ganz schön wild sein, aber sie behält die Nerven und greift durch, wenn es sein muss. „Ich wusste, worauf ich mich einlasse, man muss konsequent sein“, sagt die Erzieherin. Die oberste Regel im Spielzimmer lautet: Hier wird nicht geschlagen. Wer sich nicht benimmt, wird aus dem Zimmer geschickt – das will keiner. In einem Kasten liegen selbst gemalte Täfelchen. Jedes Bild steht für ein Wort – Deutschunterricht für die Jüngsten. „Ich bin immer wieder fasziniert, wie schnell die Kinder auch ohne Vorkenntnisse Deutsch lernen“, sagt Michael Lewin. Und er ist froh über jede Beschäftigung, die ihnen geboten werden kann. Das gilt auch für die Erwachsenen, für die Deutsch-Vorbereitungskurse organisiert werden sollen.

Die Situation in diesem Februar ist so entspannt wie lange nicht. Ausgelegt ist die Aufnahmeeinrichtung für 750 Menschen. 1800 Flüchtlinge sind derzeit auf dem Gelände in der Kralenriede, aber keine 4500 mehr. Einige Leichtbauunterkünfte werden immer noch gebraucht. „Konstant durchgeheizt auf 22 Grad“, sagt Lewin beim Rundgang. Die anderen wohnen in den Häusern und Container, Familien und alleinreisende Frauen möglichst getrennt von den anderen. Vier bis fünf Menschen in einem Zimmer. Manche größere Familien möchten unbedingt zusammenbleiben. „Die reißen wir nicht auseinander, dann sind es auch schon einmal acht in einem Zimmer, aber nur auf eigenen Wunsch“, fügt Lewin an.

Mittagszeit, die Essensausgabe läuft. Die Schlange vor dem Speisesaal ist so kurz, dass alle unter das neu gebaute Regendach passen, eine echte Verbesserung. Hühnchen mit Reis, keine Kohlrouladen. Die meisten verschwinden mit der versiegelten Aluschale gleich wieder aufs Zimmer, niemand lasse seine Sachen gern lange allein. Das bisschen Privatsphäre, das bleibt, soll nicht gestört werden. „Wir gehen nicht in die Zimmer“, sagt Lewin. Jedenfalls nicht ohne Grund. Die Disziplin der Flüchtlinge sei sehr groß, Konflikte gebe es trotzdem. „Gewalt akzeptieren wir nicht“, betont Lewin. Auch nicht innerhalb der Familien. Frauen als Freiwild – ein schwieriges Thema. „Der Schutz der Frauen ist ein Punkt, der mir wichtig ist“, sagt Lewin. Er plant, Duschzeiten nur für Frauen mit zusätzlicher Bewachung auf dem Flur einzurichten, um ihr Sicherheitsgefühl zu erhöhen. Auch gibt es eine Projektidee, um Rückzugsräume außerhalb der LAB für Frauen anzubieten.

Keine Kristallkugel

Der Hinweis auf Beratungsmöglichkeiten, das Grundgesetz als Leitfaden allen Handelns, sind die Bausteine für das neue Leben in Deutschland. Das Erstgespräch und die Integrationskurse die Gelegenheiten, um davon etwas zu vermitteln. Lewin: „Wir wollen die Eckpunkte transparent machen.“ Wenn das gelingt, ist schon viel erreicht.
Neun Wochen verbringen die Flüchtlinge im Schnitt in den niedersächsischen Unterkünften, bevor sie auf andere Kommunen verteilt werden. Mittlerweile ist die Registrierung gut organisiert, wird tagesaktuell abgehakt. „Eine Baustelle weniger“, freut sich Lewin. An weiteren organisatorischen Veränderungen wird gearbeitet. Ein Stichwort dabei ist die Beratung über die freiwillige Rückkehr ins Heimatland.

Eine Kristallkugel für den Blick in die Zukunft hat Michael Lewin nicht auf dem Schreibtisch stehen. Aber da sind die Krisenherde in der Welt und das nahende Ende des Winters. „Ich sehe schon die Möglichkeit, dass die Flüchtlingsströme wieder steil ansteigen.“ Den Standort Braunschweig bestmöglich darauf vorzubereiten, ist sein Ansinnen. Derzeit zum Beispiel, indem Ausweichflächen vorbereitet werden, damit die Häuser auf dem Gelände eines nach dem anderen saniert werden können.

„Wir packen das an“

Die 125 Mitarbeiter und die rund 100 zusätzlich eingesetzten Kräfte haben anstrengende, zehrende Wochen und Monate hinter sich. Das weiß der neue LAB-Standortleiter. Gerade deshalb freut er sich über deren Einsatz und das Arbeitsklima. „Wir packen das an“, das sei die Haltung, die verbindet.
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