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Zu kalt, zu einsam, zu teuer

Zum November gibt das Centro Italiano den Standort Petzvalstraße auf – Mitgliederschwund.

Von Birgit Leute, 13.10.2010.

Braunschweig. An den Wänden hängen Fotos von Faschingsfeiern und Kinderfesten. Rund 20 Jahre sind sie alt. „Solche Momente gibt es nicht mehr“, bedauert Cristina Antonelli vom Centro Italiano. Sie gibt der Lage die Schuld. Der Verein will den Standort deshalb zum November aufgeben.

Petzvalstraße. Links eine Reihe von Firmengebäuden, rechts die Lagerhallen der Lebenshilfe. Ganz am Ende der Stichstraße steht das Gebäude mit der Nummer 50 – die Internationale Begegnungsstätte, eingerichtet im Jahr 2001 durch die Stadt. Zwei Vereine haben hier noch ihr Domizil: die Tunesische Vereinigung und das Centro Italiano. Alle anderen, darunter der Deutsch-Palästinensische Verein und das Deutsch-Arabische Kulturzentrum, haben das zweigeschossige Gebäude inzwischen verlassen.
„Kein Wunder“, meint Antonelli. Die Lage sei einfach trostlos. „Wo sollen denn hier unsere Kinder spielen?“, zeigt sie auf die nüchternen Lagerhallen und Rolltore. Was fehle, sei ein bisschen Grün, ein Spielplatz. „Seit Jahren beobachten wir, dass immer weniger Familien mit kleinen Kindern zu uns kommen“, bedauert die Vereinssprecherin.
2001 zog das Centro Italiano in die Internationale Begegnungsstätte. Zuvor war der Verein an der Frankfurter Straße zu Hause, musste das Gebäude aber durch den Bau des Artmax-Komplexes aufgeben. „Damals hatten wir noch viele italienische Familien als Mitglieder“, erinnert sich Antonelli. Rund ums Jahr gab es Kinderfeste, Sprachkurse und Spielenachmittage. Die Mütter und Älteren seien leicht in den Flachbau gekommen, „außerdem gab es eine Grünfläche zum Spielen“, sagt Antonelli.
Das änderte sich mit dem Umzug. Nicht schlagartig, aber schleichend. Zunächst einmal mussten Kinderwagen und Kinder nun in den zweiten Stock gehievt werden. Eine steile Treppe führt zum Centro, einen Aufzug gibt es nicht. „Der Ortswechsel ist damals heftig unter den Mitgliedern diskutiert worden. Schon da war klar, dass das Haus schwierig zu erreichen, einsam gelegen und im Dunkel nicht gut beleuchtet war, aber wir hatten einfach keine Alternative“, erzählt Antonelli.
Je mehr Mieter wieder auszogen, desto ungemütlicher wurden zudem die langen Linoleumflure. Antonelli steht im Partyraum – liebevoll mit Girlanden geschmückt, aber verwaist. „Im Winter bleiben die Räume trotz Heizung kalt. Wir schaffen es gar nicht, das leer stehende Gebäude warm zu bekommen“, sagt sie.
Die Folge: Die jüngeren Familien kehrten dem Centro den Rücken, übrig blieben die Italiener der ersten Generation, die sich immer noch am Wochenende zu einem Plausch zusammenfinden, den Kontakt mit Landsleuten brauchen, weil sie sich nicht wirklich in der deutschen Sprache zu Hause fühlen.
„Bei unserer Gründung vor
fast 40 Jahren waren wir mehr als 100 Mitglieder, die sich regelmäßig trafen, heute sind es gerade einmal zehn bis 15“, nennt Antonelli Zahlen. Für den Verein wird der Schwund zum Problem: Zwar bezuschusst die Stadt einen Teil der Mietkosten und fördert auf Antrag auch die Aktivitäten der Vereine, doch die sinkenden Beiträge reichen nicht mehr, um die laufenden Kosten zu decken. Bei ihrer jüngsten Sitzung beschloss der Vorstand deshalb, den Standort aufzugeben.
„Ein Kapitel italienischer Einwanderungsgeschichte geht damit zu Ende“, sagt Antonelli verbittert. Natürlich sei die Gemeinde in Braunschweig nie so stark gewesen wie die in Wolfsburg, aber mit rund 1700 ansässigen Italienern doch die fünftgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe.
„Ein Kulturzentrum ist immer noch wichtig. Auch für die Italiener der dritten Generation wie mich“, betont Antonelli. Das Interesse an den eigenen Wurzeln sei stark, ebenso die Lust, die Sprache der Eltern und Großeltern zu sprechen. „Selbst Neuzugezogene brauchen ab und zu eine Anlaufstelle – und sei es, um rechtliche Fragen zu klären“, weiß die Dolmetscherin am Landgericht.

Fakten
•1650 Italiener leben derzeit in Braunschweig.
• Es gibt drei italienische Vereinigungen: das Centro Italiano, die Deutsch-italienische Vereinigung und den SC Leoni.
• Inzwischen gibt es ein neues Konzept für ein „Haus der Kulturen“. Entworfen wurde es von den Migrantenorganisationen, der Verwaltung, dem Ausschuss für Integrationsfragen und dem Rat.
Es soll nicht die Vereine und Standorte ersetzen, sondern vielmehr zu einem Treffpunkt für Migranten und Deutsche werden. Informationen unter www.HdK-BS.de.
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