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Vier Minuten springen, tanzen, lächeln

 

Gardetanz ist schweißtreibender Sport: Zu Besuch beim Training der Löwengarde und Tillgarde der BKG von 1872.

Von Birgit Leute, 30.01.2015.

Braunschweig/Königslutter. „In einer Reihe!“. Heike Fennens energische Stimme übertönt noch die Marschmusik. Aufmerksam verfolgt die Trainerin jeden Schritt, jeden Sprung, jede Drehung der kostümierten Truppe. Feinschliff für die Löwengarde vor dem großen Auftritt.

Der Karneval geht in seine heiße Phase: Noch rund eine Woche blieben Heike Fennen und ihrer Löwengarde bis zum Auftritt bei der Prunksitzung und dem Kinderkarneval der Braunschweiger Karneval-Gesellschaft von 1872. Jetzt muss jeder Schritt sitzen.

Hochleistungssport

„Und was auch nicht gut war, war der Sprung. So geht der: ’Zack, zack, zack“, macht Fennen vor und schlägt bei jedem „Zack“ grazil mit einem Bein ans andere. Die zehn- bis 14-jährigen Mädchen nehmen es gelassen. Sie wissen: Gardetanz ist vor allem eines – Hochleistungssport. Einmal in der Woche trainieren sie in einer Turnhalle in Königslutter. Matten und Bänke sind zur Seite gerückt. Die empfindlichen Beine der Tänzerinnen stecken in Gymnastikhosen, um warm zu bleiben für die turnerischen Höchstleistungen, die die aktuelle Choreografie verlangt: Spagat, Räder und immer wieder Sprünge, die das Bein bis zur Nasenspitze führen. Vier Minuten dauert der Tanz, die Musik treibt pausenlos, es gibt keine Erholungsphase. Am Ende stehen die Mädchen erschöpft und tief atmend in der Endpose.

„Manchmal lächeln meine Mitschüler über mich. Gardetanz – das sei doch bloß Rumgehüpfe“, erzählt die 13-jährige Rebecca. Sie weiß es besser. Mit sechs Jahren meldete ihre Mutter sie an. Damals noch in der Tillgarde für Mädchen bis zehn Jahre. Inzwischen ist Rebecca Tanzmariechen der Braunschweiger Karneval-Gesellschaft von 1872, also Solotänzerin, wenn man so will. Sie brennt für den Tanz, genau wie die zehnjährige Christina, die noch in diesem Jahr zu den „Großen“, in die Löwengarde, kommt. „Ich habe damals ein Hobby gesucht und mir die Gardetänze angesehen. Sie haben mir sofort gefallen“, erzählt sie mit leuchtenden Augen.

Viel Eigeninitiative

Ohne den Einsatz von Eltern, Trainer und Betreuer wäre die Aufgabe gar nicht zu stemmen. Für die Uniformen greifen die Mütter oft selbst zu Nadel und Faden. 500 Euro kostet eine Ausstattung, hinzu kommen die Kostüme für die Showtänze, die die Gruppen ebenfalls im Repertoire haben. „Außerdem brauchen wir auch Fahrdienste“, sagt Heike Nerger. Gemeinsam mit Sandra Laube ist sie Jugendministerin bei der Braunschweiger Karneval-Gesellschaft und hat nicht nur den Braunschweiger Karneval, sondern sozusagen die ganze „Branche“ im Blick.

Strenges Reglement

Denn: Für Gardetänze gibt es ganze Meisterschaften. Die Konkurrenz in Niedersachsen ist stark, obwohl das Bundesland im Gegensatz zum Rheinland gar nicht sofort mit Karneval in Verbindung gebracht wird. „Am besten sind die Garden aus Hasewinkel. Die trainieren jeden Tag“, erzählt Laube. Bei den Meisterschaften geht es aufs Ganze, das Reglement ist beinhart. „Wenn da ein Mädchen stürzt, darf ihm nicht geholfen werden. Der Tanz muss weitergehen“, erzählt Laube von Unfällen auf der Bühne. Die Jury achtet auf jede Einzelheit: Ob die Sprünge akkurat sind, wie das Kostüm geschneidert ist, und ob die Schnürsenkel ordentlich im Stiefelschaft stecken.

Trotz der Konkurrenz spielen die Braunschweiger ganz oben mit. Bei den jüngsten Niedersachsenmeisterschaften im karnevalistischen Tanzsport in Hannover belegten die Junioren der Tillgarde den zweiten Platz. Das Tanzmariechen Rebecca in ihrer Kategorie sogar den ersten Platz. Auf der Fensterbank in der Turnhalle reihen sich die Pokale. Nachwuchsprobleme – die kennen die Garden nicht. „Wir haben eher Platz- als Nachwuchsmangel“, sagt Heike Nerger.
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