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Solawi oder: Wir „kaufen“ uns einen Landwirt

Solidarische Landwirtschaft: In Groß Dahlum beginnt das erste Projekt in der Region Braunschweig – 40 Mitstreiter werden noch gesucht.

Von Marion Korth, 17.02.2013.

Braunschweig/Groß Dahlum. Eine junge Frau auf der Suche nach einer betrieblichen Zukunft für den familieneigenen Bio-Gartenbaubetrieb, eine Schar Menschen, denen nicht egal ist, wie ihr Gemüse angebaut wird. Gemeinsam wagen sie etwas Neues, das erste Projekt zur solidarischen Landwirtschaft im Großraum Braunschweig.

41 Enthusiasten haben bereits ihre Anteile gezeichnet und sich damit verpflichtet, sich mit einem festen monatlichen Betrag von ungefähr 70 Euro an den Betriebskosten zu beteiligen. Sie kaufen Obst und Gemüse nicht mehr ein, sondern teilen sich die Ernte mit Gleichgesinnten. Mirijam Seng kauft schon jetzt saisonal das ein, was gerade wächst, auch wenn ihr Sohn hin und wieder meckert, weil er im Winter Tomaten auf dem Teller vermisst. Das Solawi-Projekt findet er trotzdem gut. Seine Mutter ahnt, dass sich einiges verändern wird. „Wir sind es gewohnt, einen bestimmten Preis für eine bestimme Ware zu zahlen, aber jetzt wird am Verteilerpunkt entschieden, wer wie viel von was mitnimmt“, erläutert sie. In einer Tauschkiste soll ungeliebtes Gemüse wieder in Umlauf gebracht werden, damit nichts weggeschmissen werden muss. Zwei Solawi-Teilnehmer haben sich bereiterklärt, den Gemüse-Fahrdienst von Groß Dahlum nach Braunschweig gegen eine kleine Spende zu übernehmen. Bei der zeitraubenden Erdbeerernte wird ebenfalls wieder Einsatz gefordert, da werden die Solawi-Teilnehmer selbst mit Hand anlegen müssen.
Im vergangenen Jahr spitzte sich die Krise zu. Als die Bohnen gerade reif waren, bekam Lea Nagel am Telefon von einem Bio-Händler zu hören: „Danke, wir haben die Bohnen zum halben Preis im Großmarkt gekauft.“ Die Konkurrenz der großen Agrarbetriebe, die nach EU-Öko-Verordnung arbeiten, drohte den Kleinbetrieb zu erdrücken. Immer öfter blieben die Nagels auf ihrem guten Bio-Gemüse sitzen und brachten es zur Tafel. „Früher haben wir auf Verdacht angebaut, jetzt erhoffe ich mir mehr Planungs-
sicherheit“, sagt Lea Nagel. Sich auf die Anbauwünsche der Kunden und den direkten Kontakt mit ihnen einzulassen, scheut sie nicht. „Wir sind markterprobt“, sagt sie und lacht. Ihre Schwester Sarah (32) managt unter eigenem Firmendach den Hofladen und die Marktbesuche, die studierte Ökolandwirtin Lea (28) organisiert und leitet den Anbau. Die Hacke wird sie vorerst allerdings eher selten in die Hand nehmen: Tochter Ronja, knapp vier Monate alt, beansprucht ihre Mama ganz schön. Eine Gärtnerin und ein Gärtner sorgen dafür, dass alles wächst und gedeiht. Angebaut wird „querbeet“ von A wie Aubergine bis Z wie Zucchini, außerdem Melonen, Stangenbohnen, Porree oder Paprika.
Sarah und Lea haben den Bio-Betrieb von ihrem Vater Hilmar Nagel übernommen. Der kommt beruflich eigentlich aus einer ganz anderen Ecke: „Als Ingenieur hatte ich mit Schacht Konrad zu tun, das gab für mich den Ausschlag“, sagt Nagel. Er entschloss sich zur persönlichen Kehrtwende, baute mit Ehefrau Sybille Timm-Nagel in 30 Jahren den kleinen Demeter-Betrieb auf. Seine Erfahrung: „Wer lesen kann, kann auch gärtnern.“ Zudem war er schon als Kind mit den Eltern im Garten gewesen. Für seine Töchter gilt das Gleiche. „Wir sind im Garten groß geworden“, sagt Lea. Der Betrieb ist ihr ans Herz gewachsen, aufgeben kam nicht in Frage. „Jetzt gehen wir den Weg des Ausprobierens“, sagt sie. Bis zu 100 Menschen könnten von April bis Dezember von der zwei Hektar großen Fläche mit Gemüse und Obst der Saison versorgt werden. Mitstreiter werden noch gesucht.
„Die solidarische Landwirtschaft ist der einzige Weg, um kleine Betriebe zu schützen“, sagt Heiner Schrobsdorff, der mit seinem Solawi-Engagement ein Zeichen setzen will. Überall schießen solche und ähnliche Initiativen aus dem Boden, die Erfahrungen seien gut, das System – so kompliziert es sich erst einmal anhört – spiele sich ein. Und es ist erweiterungsfähig. Zwölf Hühner halten die Nagels zum Spaß. „Wenn wir mehr Land hätten, dann wäre mehr möglich“, sagt Hilmar Nagel und grübelt über eine Tierhaltung nach.

INFO

Eine Informationsveranstaltung für Interessenten findet am Dienstag (19. Februar) von 18 bis 20 Uhr in der Evangelischen Familienbildungsstätte, Dietrich-Bonhoeffer-Straße 1a in Wolfenbüttel statt.
Bei diesem Treffen wird das Konzept der solidarischen Landwirtschaft allgemein vorgestellt und auch konkrete Erfahrungen von Höfen, die bereits nach diesem System wirtschaften. Weiterhin wird berichtet, wie sich die Solawi in Groß-Dahlum aus dem Demeterhof der Familie Nagel entwickelt hat, für die noch weitere Teilnehmer gesucht werden. Infos auch unter: www.solawi-dahlum.de . m
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