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„Bei uns kann jeder seinen Platz finden“

Monika Döhrmann (l.) und Ilse Bartels-Langweige gehören zum Leitungsteam des Mütterzentrums. Bartels-Langweige ist seit 1987 dabei. Fotos: Wiefel
 
Das Gründungsteam 1987: In der Stadtverwaltung hießen sie nur „diese Weststadtmütter“. Das erste Mütterzentrum war in der Lafferstraße untergebracht. Foto: oh

Kind der Frauenbewegung: 1987 entstand das erste Mütterzentrum in Braunschweig, heute steht es längst für alle offen.

Von Birgit Wiefel, 02.09.2017.

Braunschweig. Kerstin Beckmann schiebt Pilze und Kartoffelsalat zur Seite und schafft noch Platz für die geraspelten Möhren. Mittagszeit im Mütterzentrum. Salat satt für zwei Euro. Nach und nach strömen die ersten hungrigen Gäste in die Hugo-Luther-Straße 60A. Küchenkraft Kerstin begrüßt sie lächelnd. „Make things happen“ steht auf ihrem grauen T-Shirt – „Beweg’ etwas“ – kein Motto, könnte besser auf das Mütterzentrum passen. In diesem Jahr feiert es seinen 30. Geburtstag.

„Die Idee, etwas für Mütter zu tun, entstand in den 80er Jahren, mitten in der Frauenbewegung“, erzählt Ilse Bartels-Langweige. Die Sozialpädagogin ist von der erste Stunde an dabei und trieb das Projekt damals energisch voran. „Bei der Stadtverwaltung hießen wir irgendwann nur noch entnervt‚ diese Weststadtfrauen‘, aber am Ende kam man uns doch entgegen“, erinnert sich Bartels-Langweide lachend. Ein Treffpunkt nur für Mütter – den wollten sie und ihre rund 30 Mitstreiter unbedingt. „Frauen erkämpften sich damals Schritt für Schritt ihre Stimme – im Beruf, in der Politik, aber nicht unbedingt auch für Mütter, die noch einmal andere Bedürfnisse haben“, erinnert sich die Sozialpädagogin.

1987 entstand in einem Ladenlokal in der Laffertstraße der erste Treffpunkt – Improvisation auf 100 Quadratmeter. Ein langer Tisch zum Essen und Reden, eine kleine Nähstube, ein Kinderzimmer, eine Bücherecke. Alles niedrigschwellig, locker und mit einem irgendwie fürsorglich-mütterlichen Charme.

Das ist so geblieben – obwohl mit dem Umzug in die Hugo-Luther-Straße 2004 vieles größer, vieles professioneller, vieles noch einmal auf ganz neue Füße gestellt wurde. Seit dieser Zeit hießt es auch Mütterzentrum/Mehrgenerationenhaus. Das flache Gebäude mit dem freundlichen Garten davor ist längst für alle geöffnet. Männer kommen ebenso zum Mittagessen, wie Langzeitarbeitslose und Berufstätige aus den umliegenden Büros. Es gibt einen Secondhand-Laden, eine Kinderbetreuung, eine Wunschgroßelternvermittlung sowie sozialpädagogische und psychologische Beratung. Sieben hauptamtliche Mitarbeiter und an die 100 Ehrenamtliche aus ganz verschiedenen Schichten halten den Betrieb am Laufen. Mit der Neubenennung und dem Umzug wurde speziell die türkische Nachbarschaft mit einbezogen. Eine muttersprachliche Mitarbeiterin bildet die erste Brücke ins Haus. Die Integration klappt hervorragend, freut sich Monika Döhrmann vom Leitungsteam. Klammert aber auch die ersten Startschwierigkeiten nicht aus. „Am Anfang sind wir ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen“, erinnert sie sich schmunzelnd. So wurden übers Jahr ausgiebigst die türkischen Feste gefeiert, bis von den deutschen Besuchern irgendwann zur Weihnachtszeit ein Murren kam: „Der Dezember gehört jetzt aber mal uns.“

Kein Grund zur Sorge – der Austausch klappt gut. Für viele Besucher ist die Truppe längst zur zweiten Familie geworden. Beispiel „Oma Ernie“. Selbst Kriegsflüchtling hatte sie ein besonders großes Herz für Migranten. Als die alte Dame starb, nahm das ganze Haus daran Anteil. „Bei uns kann jeder seinen Platz finden“, sagt Ilse Bartels-Langweige über ihre kleine Oase in einer rastlosen Leistungsgesellschaft.
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