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Auch Täter können hilflos sein

Leiter Henning Voß und die ehrenamtliche Helferin Christin Götzke besprechen sich kurz. Foto: T.A.

Der Verein Cura setzt sich für straffällig gewordene Menschen ein.

Von Andreas Konrad, 10.03.2015.
Braunschweig. Es sind oft nur die kleinen Vergehen, die am Ende lebenserschütternde Auswirkungen haben, weiß Christin Götzke. Die angehende Juristin – eigentlich angetreten, um Straffällige zu verurteilen – kümmerte sich ehrenamtlich um jene, denen eine Strafe zum Verhängnis wird.

Das deutsche Recht kennt das Prinzip der Ersatzfreiheitsstrafen. Wird eine Tat mit einer Geldstrafe belegt, und der Verurteilte bezahlt diese nicht, kann ersatzweise eine Freiheitsstrafe vollstreckt werden. „Häufig scheitert die Beitreibung von Ersatzfreiheitsstrafen jedoch nicht daran, dass die Verurteilten unwillig sind, die Strafe zu bezahlen. Vielmehr treten für mich anfangs kaum nachvollziehbare Schwierigkeiten auf – die Post der Staatsanwaltschaft konnte wegen Wohnungslosigkeit nicht zugestellt werden, der Verurteilte verfügt über keine Bankverbindung, der Verurteilte verliert seinen Job und kann sich die Geldstrafe in der ausgeurteilten Höhe nicht mehr leisten, die Sozialleistungen bleiben aus, der Verurteilte vergisst die Zahlung einfach, oder, oder, oder“, sagt Götzke. Da ein ‚oder‘ in einem verwaltungsjuristischen Akt aber nicht vorkommt und viele Betroffene auch bei einer Ladung zum Strafantritt noch hilflos oder gar nicht agieren oder reagieren, ist das Ergebnis oft dasselbe: Haft.

In solchen Fällen hilft der Verein Cura sowohl vor als auch nach der Haft. Leiter Henning Voß, die Sozialarbeiterin Kisten Borbe und eine Bürokraft in Teilzeit kümmern sich engagiert und unermüdlich um Lösungen und sind natürlich sehr dankbar für Götzkes ehrenamtliche und qualifizierte Unterstützung. „Das Problem ist der Verwahrvollzug, also Haftstrafen in der Regel unter sechs Monaten, in denen in der Justizvollzugsanstalt keinerlei soziale Betreuung stattfindet“, beschreibt Voß die Situation. „An manchen Tagen stehen hier 30 frisch entlassene Menschen vor der Tür, bei denen nicht viel geregelt ist. Kein Geld, kein Dach über dem Kopf, oft nur mit einem Koffer in der Hand“, so Voß weiter. So wird der Verein für viele schnell zu einem wichtigen Treffpunkt, entsprechend bunt ist das Treiben in den Räumen an der Münzstraße tagsüber auch.

„Für alle Probleme gibt es Lösungen“, macht Götzke Betroffenen Mut. „Die Mitarbeiter der Anlaufstelle können Ordnung ins Chaos bringen. Sie nehmen Kontakt zur Staatsanwaltschaft auf, stellen die Höhe der Strafe fest, vereinbaren eine Umwandlung in gemeinnützige Arbeit oder eine Ratenzahlung, falls möglich, oder richten für den Straffälligen eine Geldverwaltung ein, die gewähr leistet, dass die Raten entsprechend ankommen“, beschreibt Götzke. So konnte Cura auch dank der guten Zusammenarbeit mit den Rechtspflegern der Staatsanwaltschaft und den Sozialbehörden allein im ersten Halbjahr 2014 bereits knapp 32 000 Euro an Geldstrafen – das entspricht 2142 nicht vollstreckten Hafttagen – letztlich erwirtschaften. Denn neben den bezahlten Strafen steht zusätzlich eine Einsparung an Haftkosten, das Land Niedersachsen kostet ein Haftplatz 116 Euro pro Tag.

„Natürlich wurde ich vor meinem Praktikum oft gefragt, warum ich nicht lieber bei einer Opferschutzeinrichtung helfen würde. Für mich war aber ganz entscheidend, mehr über die Hintergründe von Straffälligen zu erfahren, und welche Hilfe möglich und sinnvoll ist. All diese Fragen wurden durch meine Tätigkeit bei Cura beantwortet“, zieht Götzke ein positives Fazit.

Fakten:
• Der Verein Cura besteht seit 1876 und wurde 1909 in das Vereinsregister eingetragen. Die Anlaufstelle in der Münzstraße 5 besteht seit 1980.
• Der Verein finanziert sich durch staatliche Zuwendungen, Spenden und durch Zuweisung von Geldauflagen durch die Justiz.
• Cura kümmert sich in erster Linie um Straffällige, die zu Geldstrafen oder Freiheitsstrafen auf Bewährung ohne Aufsicht durch einen Bewährungshelfer verurteilt sind.
• Internet: www.cura-bs.de
• Telefon: 1 61 66
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