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Zadar

Ein Reisebericht

Wo liegt eigentlich Zadar? Diese Stadt ist irgendwie komplett an mir vorbeigegangen. Ich kenne Split und einen Teil der Makarskaküste, aber noch nicht Norddalmatien in Kroatien. Ich wollte ans Meer, in die Sonne, und ich wollte mit dem Zug fahren. Nun bietet die Deutsche Bahn ein Europa Spezial an, für kleines Geld in alle großen Metropolen Europas. Zadar hatte ich nicht dazu gezählt, obgleich diese 3000 Jahre alte und heftig umkämpfte Stadt zur „Best Destination 2016“ auserkoren wurde, vor Paris, Prag, Mailand oder Rom!

168 EUR für zwei Personen hin und zurück mit der Bahn bzw. dem neuen IC-Bus klingt ja zunächst ganz gut, bis zur Buchung. Die Rückfahrt war schon mal nicht buchbar, da man vor Ort keine Verträge mit Busunternehmen habe. Hä? One-way buchen für den halben Preis hat ja auch einen gewissen Reiz, also los. Was mich an der Deutschen Bahn nervt, ist die Unsicherheit, ob das gekaufte Ticket zum Sparpreis mit Zugbindung am Abreisetag tatsächlich noch seine Gültigkeit behalten hat. Man muss also wirklich immer wieder nachfragen und kurz vor der Abreise prüfen, ob man nicht doch noch umbuchen muss. Wie unkompliziert war es dagegen, den Rückflug mit Ryanair zu buchen, 90 EUR für zwei Tickets - ohne Gepäck und Sitzplatzreservierung hätte ein Ticket 22 EUR gekostet! Es ist nicht besonders umweltbewusst, zu fliegen, ich wäre lieber mit der Bahn gefahren. Die DB muss sich dringend etwas einfallen lassen, um attraktiver zu sein als Billigairlines!
Viele Jahrhunderte war Zadar die Hauptstadt von Dalmatien, mit einflussreicher römischer Vergangenheit und wurde immer wieder abwechselnd beherrscht und verwaltet. Erst verscherbelte der König von Ungarn, Ladislaus der Großmütige, Zadar 1409 für 100.000 Dukaten an Venedig, dann übernahmen die Österreicher bis 1918 das Zepter, und schließlich blieb es bis 1947 in italienischer Hand.
Bisher wusste ich eher wenig über „die Kroaten“. Das Wissen, dass bereits im 17. Jahrhundert eine Art Krawatte von kroatischen Soldaten getragen wurde und das französische Wort "cravate" von deutsch "Krawat" kommt, was wiederum eine mundartliche Nebenform von "Kroate" ist, bringt einem das kroatische Volk ja nun nicht wirklich näher. Auch eine sexy Präsidentin wie Kolinda Grabar-Kitarović sagt nicht viel über das Land aus. Jedenfalls ist der Nationalpark Plitvicer Seen ganz in der Nähe von Zadar, da, wo Winnetou und Old Shatterhand mit den Utahs den Schatz im Silbersee versenkt haben, das ist doch schon mal was.
Bei den Plitvicer Seen eskalierte aber auch 1991 eine bewaffnete Konfrontation zwischen der kroatischen Polizei und serbischen Aufständischen, welche in ihrer Entwicklung zum Ausbruch des Kroatienkrieges führte. Mit dem Zerfall der Sowjetunion wandten sich in Osteuropa immer mehr Staaten von ihren kommunistischen Staatssystemen ab, und so strebte auch Kroatien die Unabhängigkeit an. Nach einem Referendum war die Mehrheit der Kroaten für die Abspaltung von der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, was Serbien heftig boykottierte und was von 1991 bis 1995 zum blutigsten und brutalsten Krieg der jüngsten Vergangenheit in Europa führte. Letztlich konnte Kroatien seine international anerkannte Staatsgrenze durchsetzen. „Referendum“ ist ja mittlerweile schon zum Unwort der Nation geworden, unfassbar, wie nach einer demokratischen Entscheidung ein derartiges Massaker angerichtet werden konnte!
In Kroatien scheint die Sonne im Sommer 11 Stunden am Tag, die Durchschnittstemperatur beträgt 30°C. Über schlechtes Wetter kann man sich in Kroatien also nicht beklagen, höchstens über den Mangel an Vokalen. Na vrh brda vrba mrda heißt z.B.: Auf dem Gipfel des Berges wackelt eine Weide. Das braucht man ja hoffentlich nicht so oft.
Während des Bürgerkriegs wurde Zadar viele Jahre eingekesselt und ständig von serbischer Artillerie beschossen. Die Altstadt ist heute jedoch völlig saniert. Man betritt die Altstadt von Zadar durch das Seetor. Gegenüber dem Fährpier sieht man den venezianischen Löwen und eine Erinnerungstafel an die Seeschlacht von Lepanto 1571, die Seeschlacht mit den meisten an einem Tag Gefallenen (38.000) im 5. Venezianischen Türkenkrieg. Oder man geht durch das Landtor (Nova Vrata) am Alten Stadthafen Fosa in die Altstadt. Diese Stadt ist wirklich uralt, leider riecht sie auch an vielen Ecken so, manche offene Haustür verströmt einen Geruch von feuchtem, fast modrigem Gemäuer. Und dennoch ist es zauberhaft, durch die engen Gassen zu schlendern. Die uralten, hellen Steinplatten sind so glatt geschliffen wie Marmor.
Der italienische Einfluss ist besonders in den Restaurants noch spürbar, kaum ein Lokal, das z. B. Bruschetta nicht auf seiner Speisekarte anbietet. Bruschetta war ursprünglich mal ein Arme-Leute-Essen aus Mittel- bis Süditalien und wird traditionell u.a. aus frischen Tomaten, Olivenöl, Knoblauch und knusprigem Ciabatta hergestellt. Hier allerdings gibt es in jedem Lokal eine neue Variante, am Marktplatz neben der Stadtwache gibt es ein köstliches Bruschetta mit Krabben: unbedingt probieren!
Ein Muss ist die Meeresorgel von Nikola Basic. Der Architekt ließ 35 Pfeifen aus Polyethylen in die Steinstufen an der Uferpromenade einbauen, die sieben Akkorde aus fünf Tönen spielen. Die Brandung lässt die Wellen klagende Klänge erzeugen, die ein wenig an traurige Walgesänge erinnern und bei entsprechendem Wind in der ganzen Stadt zu hören sind. Welche Stadt sonst kann man schon am Klang erkennen?
Direkt daneben befindet sich der „Gruß an die Sonne“, auch eine Konstruktion von Basic, die aus einem 22 m großen Kreis aus 300 Sonnenkollektoren besteht, die 46.500 kW Strom im Jahr produzieren und in Form eines Amphitheaters angelegt sind. Auf den Steinwürfeln rund um diese Anordnung sind alle Planeten des Sonnensystems mit ihren Umlaufbahnen dargestellt.
Alfred Hitchcock behauptete, hier im Mai 1964 den schönsten Sonnenuntergang der Welt erlebt zu haben. Ich wollte nicht glauben, dass ausgerechnet an dieser Stelle etwas Besonderes geschehen könnte, bis ich es mit eigenen Augen erlebt habe. Wieso nur dachten wir, wir seien die Einzigen, die dieses farbenprächtige Naturschauspiel erleben wollten? Natürlich füllte sich innerhalb von Minuten die gesamte Promenade mit hunderten von Menschen. Und dann, von einer Minute auf die andere, sah man kaum eine Farbe an diesem Abendhimmel, die es nicht gibt, ein fantastischer, spektakulärer Anblick, der nur wenige Minuten dauert, aber einem den Atem raubt und ein Leben lang in Erinnerung bleibt!
Am Abend sitzen wir auf der Dachterrasse, sie ist Treffpunkt für Gäste aus aller Welt. Wir sitzen dort, schauen über die Altstadt von Zadar und die vielen Möwen. An einem Tisch sitzt ein Pärchen aus Frankreich, an einem anderen Tisch sitzt eine Kroatin, die sich zu mir umsetzt, als ein weiteres Pärchen kommt, welches sich als Bruder und Schwester aus Dänemark herausstellt. Sie wollten am nächsten Tag weiter nach Dubrovnik reisen. Die Frau neben mir ist äußerst selbstbewusst, sehr schön und zierlich und bewegt sich elegant und vorsichtig wie eine Katze. Ihre rot geschminkten Lippen lächeln spöttisch als sie fragt „Dubrovnik?“ Sie erzählt, wie zwei andere Touristen nach Dubrovnik wollten: „Wie kommen wir nach „King`s Landing?“ "Die jahrtausendealte Geschichte von Dubrovnik interessiert hier wohl niemanden mehr", beklagt sie sich, "sondern nur, wo Königin Cersei im Film die Treppe heruntergejagt wurde." Es ist eine Beleidigung, die Schönheit Dubrovniks auf eine Szene in Game of Thrones zu reduzieren.
Wir kommen ins Gespräch und ich habe endlich die Chance, ihr – als Kroatin – zu sagen, wie beeindruckt ich bin, dass Kroatien sein Referendum in 1991 durchgesetzt hat. Sie lächelt, wieder belustigt, aber da ist noch etwas anderes. „Und, was haben wir davon?“, fragt sie, fast zynisch.
„Und Kolinda?“, hake ich nach. Sie beugt sich nach vorn und schlägt die Hände vor dem Kopf zusammen, genausogut hätte sie statt „Kolinda!“ „ach, du meine Güte!“ ausrufen können. „Kolinda macht, was man ihr sagt. Wir hatten gerade Wahlen“, erzählt – ich nenne sie mal Maìna – enttäuscht. „Unsere Staatspräsidentin ist eine Marionette, und unser ehemaliger Premierminister ist nur Kroate auf dem Papier": Oreškovićs Eltern wanderten noch in den 60er Jahren nach Kanada aus, er spricht noch nicht einmal Kroatisch! Sein Vorgänger erklärte im Juni seinen Amtsverzicht und Orešković wurde, ebenfalls im Juni, abgesetzt. Die konservative Opposition hat zwar knapp vor den Sozialdemokraten gewonnen, aber die Zukunft des Landes hängt jetzt wohl von den kleinen Parteien ab. „Nichts hat sich verändert“, sagt Maìna resigniert. „Im Grunde haben wir keine Regierung!“.
Wir haben viele Themen und sind plötzlich bei Janis Joplin gelandet, dieser unglaublichen Frau, die als der „hässlichste Mann“ an ihrer Highschool gekürt wurde, die so talentiert war und die einfach nur frei sein wollte. „Freedom`s just another word for nothing left to lose“ singen wir. Und wieder quittiert Maìna neben mir diesen Satz zwar mit Zustimmung, aber wieder ist da auch etwas anderes. Und als sie beginnt zu erzählen, bekommt das Zitat von Janis Joplin eine völlig andere Bedeutung.
„Das war mein 9/11“, beginnt sie. Am 13. September 1991 setzt ihre Mutter sie in den Bus, der sie aus der Stadt Zadar herausbringen sollte, damit sie in Sicherheit vor den Angriffen der Jugoslawischen Volksarmee und serbischen Paramilitärs ist. Sie fährt eine Weile mit Bekannten, Nachbarn und Verwandten in eine ungewisse Zukunft und versteht nicht ganz, warum ihre Mutter selbst nicht mitkommt, denn sie empfindet dies nicht als Sicherheit, ohne sie. Und dann wird der Bus angehalten. Soldaten steigen ein und übernehmen das Kommando. Der Bus wird umgeleitet. Nach einiger Zeit voller Angst befiehlt man ihnen, auszusteigen und in ein Gebäude zu gehen. Von diesem Tag an wird Maìna Tag und Nacht vergewaltigt. Sie war 17 Jahre alt. Nichts, was vorher war, hatte mehr eine Bedeutung und alles, was danach kam war untrennbar von dem, was sie dort erlebte. Als sie erkennbar schwanger ist, schafft sie es irgendwie, aus dem Lager zu entkommen.
Maìna telefoniert, und etwas später kommt eine hochgewachsene, dünne junge Frau auf die Terrasse. Nebeneinander sehen beide eher wie Schwestern, als wie Mutter und Tochter aus. „Wir alle, besonders wir Frauen, haben einen hohen Preis für unsere Unabhängigkeit bezahlt.“
Auch das ist Kroatien.
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