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„Wir werden uns wehren“

Diskussionsforum über Hochspannungsleitungen – Kritik an Plänen der Energiekonzerne.

Von Marc Wichert, 23.03.2011

Braunschweig. Der Unfall im japanischen Atomkraftwerk Fukushima lässt den Ausbau von erneuerbaren Energien dringender denn je erscheinen. Darüber scheint in Deutschland Einigkeit zu herrschen. Nur über die Umsetzung wird noch gestritten – ein Besuch beim Energiecafé im Haus der Wissenschaft.

Axel Schomberg hatte es nicht leicht an diesem Abend. Der Leiter des Bereichs Asset Management Leitungen des Energie-Unternehmens Tennet Tso GmbH war für viele der etwa 110 Teilnehmer des Diskussionsforums zum lebenden Beschwerdekasten geworden. „Alles Lüge“, schimpfte die eine. „Ihre Bosse wollen doch nur Gewinne. Unsere Interessen sind Ihnen scheißegal“, beschwerte sich ein anderer.
Das 5. Energiecafé stand unter dem Motto „Netzausbau für erneuerbare Energien? Hochspannungsleitungen in der Diskussion“. Eingeladen waren Axel Schomberg, Professor Dr. Michael Kurrat vom Institut für Hochspannungstechnik und elektrische Energieanlagen der TU Braunschweig, Guido Franke als Vertreter der Bürgerinitiative Südkreis und Kai-Uwe Rothe, Geschäftsführer der Braunschweiger Netz GmbH.
Kurrat sprach über die Grundlagen der Stromerzeugung, erklärte ein hochkomplexes Thema auch für Laien verständlich. Aber die Laien waren an diesem Abend wohl eher in der Minderheit. Bei der späteren Diskussion zeigte sich, dass die meisten Zuhörer selbst schon fast Experten sind.
Konkret ging es um die geplante Trasse von Höchstspannungsleitungen zwischen Wahle im Landkreis Peine und Mecklar in Hessen. Hintergrund ist der laut Gutachten dringend benötigte Ausbau des deutschen Stromnetzes. Die Deutsche Energie-Agentur schätzt in einer Studie (siehe Infokasten), dass bis zum Jahr 2020 bis zu 3600 Kilometer neue Leitungen gebaut werden müssen, da zukünftig mehr regenerativer Strom erzeugt werde – vor allem in Windparks im Norden. „Dieser Strom muss dahin transportiert werden, wo weniger Strom erzeugt wird“, erklärte Kurrat. Bei den Planungen geht es um die Alternativen Erdverkabelung oder oberirdische Freileitungen. Für die Erdverkabelung spreche, dass das Landschaftsbild verschont bleibe. „Wirtschaftlich sinnvoller sind aber die Freileitungen“, meinte der Professor. Daher favorisieren auch die Stromkonzerne die oberirdische Variante.
Der Großteil des Publikums war jedoch gegen die Trasse. Wie der Landwirt, der bereits jetzt 400 Meter entfernt von einem Strommast lebt und die Spannung und den Strom fast schon spüren könne. Erbost fragt er in Richtung Schomberg: „Haben Sie schon mal unter so einer Leitung gestanden?“
Schweigen bei Schomberg, Applaus im Publikum. Viele befürchten, dass ihre Grundstücke an Wert verlieren. Auch Einbußen im Fremdenverkehr werden befürchtet. Die meisten Teilnehmer machen sich Sorgen um Elektrosmog und Landschaftsverschandelung.
Ein Zuhörer, nach eigenen Angaben Elektroingenieur, meinte jedoch: „Wenn Sie neben einem Taxi stehen, bekommen Sie mehr Strahlung ab. Ich verstehe die Aufregung nicht.“
Georg Franke von der Bürgerinitiative betonte dagegen, man wolle nicht wie bei Stuttgart 21 erst auf die Straße gehen, wenn schon alles beschlossen sei. Lieber solle man doch vorher die Bürger miteinbeziehen. Wieder Zustimmung im Publikum.

Info
Netzstudie II
In ihrer Netzstudie II hat die Deutsche Energie- Agentur (dena) untersucht, wie das Stromsystem bis 2020/2025 ausgebaut werden muss, um die Integration eneuerbarer Energien zu gewährleisten. Windenergie nimmt schon jetzt den Hauptanteil bei den Erneuerbaren ein. Windkraft wird im Norden und da zukünftig vor allem in der Nordsee produziert – daher muss der Strom über weite Strecken transportiert werden. In der Studie wurden alle vorhandenen technischen Möglichkeiten analysiert. Die von Bund, Unternehmen, Verbänden der Wind- und anderer Energieunternehmen finanzierte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass mit der bisherigen Übertragungstechnik 3600 Kilometer neue Trassen mit Kosten von 9,8 Milliarden Euro gebaut werden müssen. Bei erdverlegten Stromtrassen wären dies 22 bis 29 Milliarden bei einem Bedarf von 3400 Kilometern.
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