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Wenn senkrecht nicht senkrecht ist: Im Clinch mit der Sprache

Jugendliche mit Migrationshintergrund haben oft Probleme im Unterricht – DaZ-Net als Lösung.

Von Birgit Leute, 16.05.2012

Braunschweig. Deutsch ist nicht gleich Deutsch – diese Erfahrung macht Robin Roddau-Senkpiel fast täglich im Unterricht. Vor allem Schüler mit Migrationshintergrund kämpfen mit der Fachsprache. Das DaZ-Net soll helfen.

Schulausflug ins Jüdischen Museum. Eine Klasse lernt anhand von Arbeitsblättern das Leben und Schicksal der jüdischen Bevölkerung in Braunschweig kennen. Dann eine schüchterne Frage: „Was bedeutet denn ’erniedrigen‘?“.
Szenen wie diese kennen Roddau-Senkpiel, Lehrer an der IGS Franzsches Feld, und seine beiden Kolleginnen Maren Müller (Grundschule Löwenherz, Wedtlenstedt) und Marianne Thier-Englisch (Hauptschule Heidberg) gut. „Die Schüler beherrschen die Alltagssprache, aber sie scheitern an den Fachbegriffen“, bringt Roddau-Senkpiel das Problem auf den Punkt.
Viele Stolperfallen
Dabei sind nicht nur Fächer wie Deutsch oder Geschichte betroffen. Auch die Mathematik und die Naturwissenschaften bieten reichlich Stolperfallen. „Eine Senkrechte in der Mathematik ist etwas anderes als das, was wir im täglichen Leben als ’senkrecht“ bezeichnen“, erklärt Roddau-Senkpiel.
Diese Feinheiten der Sprache zu begreifen, stellt eine riesige Herausforderung dar – nicht nur, aber besonders für Schüler aus Familien mit Migrationshintergrund. „Zu Hause wird in der Muttersprache gesprochen, das Deutsch wird im Alltag aufgeschnappt – mit allen Fehlern und Unkorrektheiten. Woher sollen die Jugendlichen den Sprachschatz erwerben?“, berichtet Thier-Englisch aus mehr als 20 Jahren Erfahrung.
Umso wichtiger sei es, ihnen und Schülern aus den sogenannten „bildungsfernen Schichten“ zu helfen. „Der Unterricht muss ‚sprachsensibler‘ werden“, fordern die drei Lehrer. Ein Schritt dahin ist schon getan: In Braunschweig startete wie schon in Hannover, Göttingen oder Hildesheim das DaZ-Net.
Zehn Schulen im Projekt
DaZ steht kurz für „Deutsch als Zweit- und Bildungssprache, Mehrsprachigkeit und interkuklturelle Kompetenz“. Die Lehrer lernen innerhalb des Programms stärker auf Verständnisprobleme einzugehen, die teilnehmenden Schulen – insbesondere jene mit einem hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund – verpflichten sich unter anderem den interkulturellen Gedanken und die Zusammenarbeit mit den Eltern zu verstärken.
Zehn Schulen in Braunschweig haben sich bislang für das Programm gemeldet. Roddau-Senkpiel, Müller und Thier-Englisch werden dabei künftig als Moderatoren ihre Kollegen ausbilden. Es gibt einen festen Ablaufplan, Arbeitsblätter, didaktische Werkstätten, in denen sich die Beteiligten untereinander austauschen. Aus der Praxis kann der Gesamtschullehrer schon Erfahrungen weitergeben: „Ich bilde zum Beispiel Tischgruppen, in denen die Schüler sich gegenseitig eine Fragestellung erklären müssen. Das schult die Ausdrucksfähigkeit .“
15 Zentren geplant
Insgesamt 15 DaZ-Net-Zentren sind vom Kultusministerium in Niedersachsen geplant. Langfristig sollen durch sie Kinder und Jugendliche vom Kindergarten bis zum Einstieg in den Beruf sprachlich gefördert und gebildet werden. „Das DaZ-Net ist offen. Alle Schulen – auch die Berufsschulen – sind eingeladen mitzumachen. Denn eins ist klar: In Zeiten des Fachkräftemangels ist es wichtig, dass der Nachwuchs sprachlich und damit auch fachlich gebildet wird“, betont Thier-Englisch.
Mehr Informationen zum Thema gibt es unter www.daznet.nibis.de.
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