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Wenn das Telefon das Leben ersetzt

Immer mehr Menschen mit sozialen Ängsten suchen bei der Telefonseelsorge Rat und Hilfe

Von Birgit Leute

Braunschweig. „Ich schaffe es einfach nicht mehr, aufzustehen und vor die Tür zu gehen.“ Immer häufiger hören Heike Köhler und ihre Mitarbeiter von der Telefonseelsorge diesen Satz. Und warnen: „Die Zahl psychisch kranker Menschen, die bei uns Hilfe suchen, nimmt zu“, sagt die stellvertretende Leiterin.

An seelische Nöte sind die Damen von der Telefonseelsorge gewöhnt: Liebeskummer, die Trauer um einen Verstorbenen, Fragen nach dem Sinn des Lebens – es gibt viele Gründe, warum jemand die Nummer der Seelsorge, die vor mehr als 40 Jahren von der evangelisch-lutherischen Propstei eingerichtet wurde, wählt.
Wo es möglich ist, wird auch geholfen: „Oft reicht es, dass wir dem Anrufer das Gefühl geben, er stößt auf ein offenes Ohr, das sich auf seine Sorgen einlässt, aber doch auch eine gewisse Distanz bewahrt“, sagt Heike Köhler.
Jene Fälle, die sich seit etwa drei Jahren häufen, brauchen allerdings mehr. „Es sind Menschen mit sozialen Ängsten oder Depressionen, Menschen, die nicht bloß einen ‚Durchhänger‘ haben, sondern sich kaum noch auf die Straße trauen, und für die das Telefon oder das Internet längst zur einzigen Verbindung nach draußen geworden ist“, sagt Köhler.
Ist Braunschweig ein Einzelfall? „Nein“, schüttelt die Leiterin den Kopf. Auch in anderen Städten würden die Einrichtungen der Telefonseelsorge diese Beobachtung machen. Schuld sind nach Köhler der enorme Druck in der Arbeitswelt und ein Trend zur „Vereinzelung“. Köhler: „Wer sich früher traurig oder kraftlos fühlte, wurde in den allermeisten Fällen rechtzeitig von Eltern, Partner oder Kindern aufgefangen und wieder motiviert. In der heutigen Single-Gesellschaft bleibt eine Depression lange, manchmal zu lange, unbemerkt.“
Vor allem nachts suchten diese Menschen dann Hilfe. In solchen Stunden lasteten Sorgen um den Arbeitsplatz, Schuldenberge oder die Einsamkeit besonders auf der Seele. „Und“, so Köhler, „um diese Uhrzeit hat auch keine psychotherapeutische Praxis geöffnet.“
Inzwischen werden die rund 100 ehrenamtlichen Mitarbeiter entsprechend geschult, erhalten Fortbildungen zu Themen wie Depression, sozialen Ängsten, Psychosen. Und sie erhalten regelmäßig Supervisionen. Köhler: „Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, denn während eines solchen Telefonates hat man nur sich selbst und sein Gespür für Menschen.“

Service
Die Telefonseelsorge ist unter der Nummer 0800/1 11 01 11 oder unter braunschweig@telefonseelsorge.de rund um die Uhr erreichbar. Jeder Anruf wird streng vertraulich behandelt; Anrufer und Angerufene bleiben anonym. Jährlich gehen 18 000 Anrufe bei der Einrichtung der evangelisch-lutherischen Propstei ein.
Die Mitarbeiter müssen über 25 Jahre alt sein und werden vor Aufnahme der Tätigkeit auf ihre Eignung hin überprüft. Nach den Sommerferien startet ein neuer, anderthalb Jahre dauernder Ausbildungskursus. Informationen unter tsbuero@gmx.de.
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