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Trachten: Mehr als reiner „Dirndl-Gaudi“

Beim Sommerfest der SPD-Landtagsfraktion stellte Manuela Kretschmer (Vorsitzende Landestrachtenverband Niedersachsen) Christoph Bratmann (MdL), Ulrich Markurth (Oberbürgermeister der Stadt Braunschweig), Klaus-Peter Bachmann (MfL) und Christos Pantazis (MdL v.l.) das Konzept für den „Tag der Tracht“ vor. Foto: oh
 
ypische Tracht einer Bäuerin aus Bortfeld wie sie Mitte des 18. Jahrhunderts getragen wurde. Foto: oh

Der Niedersächsische Landestrachtenverband will bei Festen in Wolfsburg und Braunschweig mit Vorurteilen aufräumen.

Von Birgit Wiefel, 19.08.2017.

Wolfsburg/Braunschweig. In Bayern gehören sie dazu wie die Alpen und das Bier. Zehntausende werfen sich jedes Jahr zum Oktoberfest in Dirndl und Lederhose und finden nichts dabei. Anders im Braunschweiger Land: Zwar gab es auch hier eine traditionelle Kleidung – aber kaum jemand kennt sie.

Der Niedersächsische Landestrachtenverband will das ändern und präsentiert sich beim Tag der Niedersachsen in Wolfsburg am Sonntag, 3. September, mit dem größten Trachtenumzug Norddeutschlands. Außerdem veranstaltet er einen landesweiten „Tag der Tracht“ am 15. Oktober in Braunschweig. Wir haben uns vorab mit der Vorsitzenden Manuela Kretschmer über ein Fest und einen Verband unterhalten, dem nicht selten mit Misstrauen begegnet wird. Zu Unrecht.

?Frau Kretschmer, in den Kaufhäusern hängen die Ständer wieder voll mit Dirndl für die Oktoberfeste. So ganz out scheinen Trachten ja doch nicht zu sein ...

!Mit echten Trachten hat das nichts zu tun. Für mich ist das eher Partymode, denn es fehlen ganz wichtige Elemente. Eine Frau hätte früher zum Beispiel nie ein Dirndl ohne Brusttuch getragen. Sich so offenherzig zu präsentieren, wäre ausgeschlossen gewesen.

?Bayern, Baden-Württemberg, Hessen – in Süddeutschland sind Trachten durchaus gesellschaftsfähig, sind bei besonderen Anlässen genauso akzeptiert wie das „kleine Schwarze“. Hier tauchen sie dagegen überhaupt nicht mehr auf, obwohl es in Bortfeld ja eine eigene Tracht gab. Ist der Norddeutsche nüchterner?

!Nein. Ob die typische Kleidung überlebt hat, liegt und lag auch immer an den Landesherren. Kleideten die sich in Tracht, trugen sie auch die Untertanen; legten sie keinen Wert darauf, weil sie zum Beispiel als modern und städtisch gelten wollten, verschwand die Kleidung auch aus dem Alltag der „kleinen“ Leute. Im Braunschweiger Land ist genau das passiert; in der Gegend um Schaumburg haben sich die Traditionen dagegen länger gehalten. Nicht umsonst ist Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe deshalb auch Schirmherr für den „Tag der Tracht“. Ich finde es schade, dass Trachten noch nicht einmal in einer modernen Variante überlebt haben.

?Aber ist es nicht einfach auch eine natürliche Entwicklung in einer globalisierten Welt, in der Menschen immer mobiler werden.

!Vielleicht. Aber umso wichtiger ist es, seine Wurzeln zu kennen, um in einer schnelllebigen Gesellschaft nicht „zu schwimmen“. Außerdem: Wie die Tracht sagt auch die heutigen Kleidung viel über mich aus. Damals lies sich an ihr ablesen, welcher Region, welchem Stand man angehörte, heute ordne ich mich mit Jeans oder Kostüm einer bestimmten Gruppe zu. Kurz: Das Thema ist gar nicht so angestaubt und antiquiert wie man immer denkt.

?Dreht sich der „Tag der Tracht“ auch um solche Fragen?

!Ja. Mit unserem Motto „Tracht oder Folklorismus? – Historisch oder Kostümierung?“ wollen wir neben der Präsentation typischer Trachten und ihrer Bedeutung auch die Möglichkeit zu Gesprächen und Diskussionen geben.

?Nach 2016 ist es das zweite Mal, dass der Niedersächsische Landestrachtenverband einen solchen Tag ausrichtet. Wollen Sie mehr in die Offensive gehen?

!Zunächst einmal hat uns der Deutsche Trachtenverband eingeladen, uns an den bundesweiten Aktionen zu beteiligen. Natürlich wollen wir damit öffentlich und politisch auch besser wahrgenommen werden und so manches schiefe Bild über uns geraderücken. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte gegenüber Gruppen, die Traditionen pflegten, Misstrauen. Das ist verständlich, weil es Zeiten gab, in denen diese Dinge missbraucht wurden. Dieses Misstrauen spüren wir heute wieder. Doch auch, wenn es uns manchmal nachgesagt wird: Wir haben weder etwas mit Reichsbürgern noch mit einer „neuen Rechten“ zu tun. Ganz im Gegenteil: Unsere Feste sind grenz- und sprachübergreifend. Vor allem aber wollen wir, dass Traditionen nicht irgendwann aussterben ...

Info:

Der Niedersächsische Landestrachtenverband zählt aktuell 7 500 Mitglieder. Am 15. Oktober veranstaltet er zum zweiten Mal den „Tag der Tracht“ – dieses Mal in Braunschweig. Nach einem Eröffnungsgottesdienst in der Magni-Kirche finden im Schlossmuseum, im Städtischen Museum und in den Schloss-Arkaden Ausstellungen, Führungen und Podiumsdiskussionen sowie Trachten- und Volkstänze statt. Der Verband sucht dafür noch Unterstützer. Kontakt: www.landestrachtenverband-niedersachsen.de
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