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Noch werden die Tage kürzer...

Sechs tolle Alben von Ende August bis jetzt. Foto: André Pause

Pauses Plattenkiste: Sechs Alben, mit denen es sich in der guten Stube in den Winter hören lässt.

Von André Pause, 30.10.2013.

Braunschweig. Soundexperimente, Lo-Fi, Noise-Pop, Alternative-Rock. André Pause hat mal wieder in die Plattenkiste geguckt und sechs empfehlenswerte Alben herausgezogen.

Arcade Fire – „Reflektor“: Die Kanadier fahren drei Jahre nach ihrem Monumentalwerk „The Suburbs“ den Überraschungskurs. Für „Reflektor“ drehte man die Bombast-Regler im Vergleich zu 2010 sanft nach links, dafür ist mehr Partyexperiment und Tanzfläche: Das überschnappende „Here Comes The Nighttime“ hat Rios Karneval im Rücken, und „We Exist“ kommt daher wie Ferrys „Psycho Killer“ mit Faltencreme. Mit Ende der ersten CD/LP des Doppelalbums geht’s vorerst raus aus dem instrumental üppig eingerichteten Arcade-Fire-Versuchslabor. Scheibe Zwo öffnet die Schleusen für Owen Palletts orchestrale Arrangements und Streicherpassagen weiter.

Bill Callahan –„Dream River“: Der Singer-Songwriter Bill Callahan hat eine besondere Gabe. Er musiziert Bilder. Reale oder fantastische – man weiß es nicht genau. Die sonor, mit einer Mischung aus Erzählung und Gesang (durchaus nicht ohne Humor, aber weniger sarkastisch als zuletzt) vorgetragenen, detaillierten Alltagsbeobachtungen fügen sich zum Gesamteindruck vor dem geistigen Auge. Bemerkenswert: Der Misanthrop hat anscheinend Pause. Callahan berichtet heuer vom Sommerjob als Bootsmaler oder von der Fahrt auf der winterlichen Straße. Die Instrumentierung dagegen ist unprätentiös wie eh und je. Na gut, die Flöten...

Crocodiles – „Crimes Of Passion“: Bereits Ende August erschienen macht die Platte auch im x-ten Hörgang noch Freude. Gut, es ist, wie sagt man so schön: „more of the same“ (vergleiche: Babyshambles „Sequel To The Prequel“ und so weiter). Aber: Wenn’s denn schön ist ... Auch mit ihrem vierten Werk machen die US-Boys eigentlich alles wie immer seit 2008. Hymnische Melodiebögen umfluten den hallenden Garagengesang von Brandon Welchez, mal knarzgitarrig und noisig vorangetrieben wie in „Teardrop Guitar“ oder „Marquis De Sade“, mal himmlisch leicht und zuckerwattesüß im „She Splits Me Up“.

Lee Ranaldo And The Dust – „Last Night On Earth“: Eine Bitte: Wenn Ihr sonst nix hört – hört wenigstens die sympathische Sonic-Youth-Gitarrenlegende. Es könnte schließlich die letzte Nacht auf Erden sein. O.k., Witz ist Mist, aber das Album dafür umso feierlicher. Neun Songs, einer ist 3,33 Minuten, der Rest zum Teil bannig über fünf Minuten. Hier dürfen aus Gitarren-Riffs noch Wände werden. Von Geknörmel bis Steel Guitar und Wah-Pedal („Lecce, Leaving“) ist alles erlaubt.

Manic Street Preachers – „Rewind The Film“: In Deutschland waren die walisischen Indie-Männer nach ihren drei Überalben Mitte der 90er bis Anfang der Nullerjahre irgendwie wieder in Vergessenheit geraten. Anders als in Großbritannien, wo ihnen der Charterfolg beinahe konstant treu blieb. Mit „Rewind The Film“ ging es in der hiesigen Bestenliste nun wieder etwas noch oben. Auch wenn der Titel es andeutet: Die Platte ist keine direkte Rückwärtswendung des Trios. Eher findet eine Erweiterung des Portfolios statt. Insgesamt kommen MSP heute eine Spur souliger daher. Das Titelstück ist eine von Ex-Pulp-Gitarrist Richard Hawley gesungene Version von David Axelrods „Little Girl Lost“, „Show Me The Wonder“ klingt als hätten Tom Jones und Tony Christie Hand an den Sound gelegt. Verrückt...

Tindersticks – „Across Six Leap Years“: Gibt’s die nicht alle schon? Richtig, die zehn Songs des aktuellen Albums sind nicht neu, aber neu interpretiert. Weniger spröde arrangiert, beispielsweise im Fall von „Say Goodbye To The City“, das vor zehn Jahren auf „Waiting For The Moon“ erstveröffentlicht wurde, oder streicherentschlackt und pianoverstärkt bei „Dying Slowly“. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das alles ist immer und zu jeder Zeit Stuart A. Staples, ergo zu jeder Zeit Melancholie in rauen Mengen. Nun, noch werden die Tage kürzer. Und man MUSS das ja nicht alleine hören.
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