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Mit dem Eichhörnchen im perfekten Flow

„Ich bin ein wenig ein Weltverbesserer“, sagt Diplom-Psychologe Tobias Rahm. Seine These: Glück wirkt ansteckend. Foto: Korth
 
Eichhörnchen können auch für ein Glücksgefühl sorgen. Foto: Korth

Crashkurs im Glücklichwerden: Der Psychologe Tobias Rahm hat ein Fünf-Stunden-Training entwickelt, das unsere Sicht auf die Welt verändert.

Von Marion Korth, 01.08.2015.

Braunschweig. Da sitze ich nun, fühle mich wie in der Schulzeit, bin gleichzeitig erwartungsvoll und ein bisschen skeptisch: Kann man lernen, glücklich zu sein? „Ja“, sagt Tobias Rahm.

Sein Fachgebiet ist die positive Psychologie und Glücksforschung. Für seine Doktorarbeit entwickelt der Diplom-Psychologe am Institut für Pädagogische Psychologie der TU ein Glückstraining speziell für Lehrerinnen und Lehrer. Zum Glück funktioniert das Training aber nicht nur bei dieser Berufsgruppe. Das will er uns beweisen.

Glücklich zu sein ist nicht nur ein schöner Zustand, sondern auch ein erstrebenswerter: Glückliche Menschen leben nachgewiesenermaßen länger, haben mehr Energie, sind flexibler und kreativer im Denken und haben ein stärkeres Immunsystem.

Aber was ist eigentlich Glück? Rahm lässt uns Trainingsteilnehmer grübeln. Danach kommt eine wilde Sammlung zustande: Harmonie, Sicherheit, Essen und Trinken, Gesundheit, Freiheit. „Endorphine“, wirft eine Frau in den Raum. „Das hat noch nie jemand gesagt, gut.“ Rahm schreibt „Endorphine“ zu den anderen Begriffen an die Tafel. Weil Glück offenbar für jeden etwas anderes bedeutet, spricht er lieber von „positiven Emotionen“, und von denen kann man gar nicht genug haben.

Der absolute Glückstiefpunkt liegt um das 40. Lebensjahr herum, wenn Karriere und Familie alle Energie von uns fordern. Zeit für sich zu haben beziehungsweise sich nehmen zu können gehört zu den Voraussetzungen für Wohlbefinden, erfahren wir.

Ausreden gibt es keine. Unter den Menschen finden sich zwar naturgegeben Sonnenscheine und Miesepeter, aber eine Daumenregel besagt, dass nur die Hälfte der Glückspunkte auf unserem Konto auf Veranlagung zurückzuführen sind, zehn Prozent werden durch die Lebensumstände vorgegeben, bleiben 40 Prozent Gestaltungsspielraum, um die Glückspunkte zu mehren. „Da setzen wir an“, sagt Rahm. Trainingsziel ist nicht zuletzt, unsere Wahrnehmungen und Bewertungen zu verändern. Was wir noch nicht wissen: Wir werden Hausaufgaben bekommen, denn aller guten Dinge sind bekanntlich drei. Die müssen wir jetzt eine Woche lang jeden Abend möglichst kurz vor dem Zubettgehen notieren. „Das hilft auch, gut einzuschlafen“, versichert Rahm. Was haben wir Schönes erlebt, was ist uns besonders gut gelungen, wann haben wir uns wohl gefühlt – im Kopf wird der Tag noch einmal begutachtet und siehe da – schien er zunächst „stinknormal“ zu sein, so war er doch in der Rückschau ein echter Glücksfall. Und wir selbst waren ein bisschen unseres Glückes Schmied, denn jedem Glückseintrag stellen wir gegenüber, was wir zur Glückssituation beigetragen haben.

Am ersten Abend ist die „Glückssuche“ zugegebenermaßen ein bisschen zäh, am zweiten fallen mir auf Anhieb viel mehr als drei gute Dinge ein, die ich erlebt habe. Spannend ist das Forschen nach der eigenen Beteiligung, die nicht immer gleich auf der Hand liegt. Was habe ich damit zu tun, dass es in unserem Garten aus allen Knopflöchern blüht? Ist das nicht allein Sache der Blumen, der Natur? Erst dann fällt mir ein, dass ich zuvor gepflanzt, gesät und gegossen habe, die Blüten sozusagen Lohn meines Garteneinsatzes sind. Auch zu einem grandiosen Sonnenuntergang tragen wir nicht wirklich etwas bei, und doch sind wir es, die ihn gesehen haben, weil wir nicht mit Tunnelblick gehetzt unterwegs waren.

Tobias Rahm verspricht, dass die Drei-gute-Dinge-Übung bei fast allen Menschen eine nachhaltige Wirkung zeigt, die noch lange messbar ist, in der Hinsicht, dass wir Positives leichter wahrnehmen, dass wir uns häufiger gute Erlebnisse zuschreiben und damit zu einem besseren Selbstwert- und Selbstwirksamkeitsgefühl kommen.

Und wozu ist das alles gut? Rahm beschreibt eine fantastische Aussicht, eine durch positive Emotionen in Gang gesetzte, sich selbst befeuernde Spirale.
Ein Begriff aus der Psychologie gefällt mir in diesem Zusammenhang besonders: Flourishing – Aufblühen. Liegt das Verhältnis von positiven zu negativen Emotionen beim „normalen Gelingen“ bei 2:1, so beginnt ab einem Verhältnis von 3:1 das individuelle Aufblühen, das uns Lust darauf macht, Neues auszuprobieren, Ressourcen aufzubauen, indem neue Fähigkeiten trainiert werden, und damit hin zu einem persönlichen Wachstum zu kommen.
Bleibt noch die Frage, was das alles mit Eichhörnchen und dem perfekten Flow zu tun hat. Hier die Antwort aus dem Glückstraining: Sie stellen fest, dass es Ihnen total viel Spaß macht, die Eichhörnchen in Ihrem Garten zu beobachten. Am nächsten Tag bleiben Sie ein paar Minuten länger stehen. Um zu noch mehr netten Eichhörnchen-Begegnungen zu kommen, beschließen Sie, eine Eichhörnchen-Kinderstube zu tischlern. Das Ding wird zwar ein bisschen schief, aber Sie hauen sich nicht mit dem Hammer auf den Daumen und erweitern ihre handwerklichen Fähigkeiten phänomenal. Ja, die Arbeit mit Hammer und Säge macht Ihnen so viel Freude, dass Sie alles um sich herum vergessen – jetzt ist der perfekte Flow erreicht, lassen Sie es einfach fließen …

Weiterführende Literatur: „Wie wir aufblühen: Die fünf Säulen des persönlichen Wohlbefindens“, Martin E.P. Seligman; „Glücklich sein“, Sonja Lyubomirsky; „Die Macht der guten Gefühle: Wie eine positive Haltung Ihr Leben dauerhaft verändert“, Barbara L. Fredrickson.

Tipp: Wer mehr über seine persönlichen Stärken erfahren möchte, um diese häufiger einsetzen zu können, dem sei der Internet-Test der Universität Zürich empfohlen: www.charakterstaerken.org .

Rezept zum Glücklichsein:

• Alltagssituationen genießen.
• Sinn in täglichen Erlebnissen finden.
• Positives intensivieren (schöne Augenblicke länger auskosten).
• Freundlich und hilfsbereit sein.
• Die eigenen Stärken möglichst häufig einsetzen.
• Gute Beziehungen intensivieren.
• Im Hier und Jetzt leben.
• Mit offenen Sinnen durch die Welt gehen.
• Sich in der Natur aufhalten.

Rezept zum Unglücklichsein:

• Erwarten Sie stets Anerkennung und Dankbarkeit.
• Machen Sie es allen recht.
• Bereuen Sie.
• Erleben Sie nichts Neues.
• Nörgeln Sie gern und oft.
• Gucken Sie so viel wie möglich Fernsehen.
• Legen Sie viel Wert auf Geld.
• Vergleichen Sie sich ständig mit anderen.
• Versuchen Sie, alles perfekt zu erledigen.
• Regen Sie sich möglichst oft über viele Dinge auf.
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