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Hilfe für Frauen: Mitten im Zentrum und doch diskret

Sind froh über die neuen Räume in der Münzstraße (v.l.): Rona Kiekeben, Roswitha Gemke, Jette Walla, Ellen Görtz und Ann-Kristin Hartz (fehlt auf dem Foto) von der Frauen- und Mädchenberatung bei sexueller Gewalt. Foto: Thomas Ammerpohl

Die Frauen- und Mädchenberatung bei sexueller Gewalt ist umgezogen.

Von Birgit Leute, 14.12.2014.

Braunschweig. Noch stapeln sich in einer Ecke Kartons, aber die meisten Räume sind mit Sesseln, Tische und Teppichen schon wohnlich gestaltet: Die Frauen- und Mädchenberatung bei sexueller Gewalt ist umgezogen. „Hoffentlich das letzte Mal“, wünscht sich Roswitha Gemke.

Vor einigen Wochen wurden der Beratungsstelle die Räume in der Goslarschen Straße gekündigt. Der Vermieter hatte kurzfristig Eigenbedarf angemeldet. Für Roswitha Gemke und ihren Kolleginnen mehr als ärgerlich.
„Abgesehen von den Kosten, die uns mit dem Druck neuer Briefbögen und Visitenkarten entstehen, ist es für Frauen, die Rat suchen, verwirrend: Nach fünf Jahren an dem Standort hatte sich die Adresse gerade herumgesprochen, jetzt kommt schon wieder eine neue“, bedauert Gemke.
Trotz allem findet sie den neuen Standort in der Münzstraße 16 gut, „die Beratungsstelle liegt jetzt sehr zentral und hat doch einen geschützten, unauffälligen Eingang“, so die Diplom-Sozialpädagogin.
Das sei wichtig für die Frauen und Mädchen, die zum Teil lange sexueller Gewalt ausgesetzt seien und erst eine Schwelle überwinden müssten, um Hilfe zu suchen.
Beratungsangebote für Opfer sexueller Gewalt gibt es seit rund 25 Jahren in Braunschweig. Anfangs nur mit einer dünnen Personaldecke und an verschiedenen Standorten. Der heutige Verein wird städtisch gefördert, ist gut mit anderen Beratungsstellen vernetzt und über die Stadtgrenzen hinaus bekannt.
„60 Prozent der Frauen in Deutschland über 15 Jahren wurden schon einmal sexuell belästigt“, nennt Gemke Zahlen. „Und damit sind nicht einfach nur taxierende Blicke in der Disco oder auf der Straße gemeint“, ordnet sie ein. Nur die wenigsten Fälle kämen zur Anzeige, noch weniger Täter würden in einem Prozess verurteilt. „Die Opfer sind in einer schlechten Position: Sexuelle Gewalt findet meist im sozialen Umfeld, hinter verschlossenen Türen statt. Es fehlen Zeugen“, sagt Gemke.
Der Verein will die Frauen mit verschiedenen Angeboten auffangen. „Wer zu uns kommt, schlägt sich manchmal schon jahrelang mit Schuld- und Schamgefühlen herum, vielleicht hat sich die Tat sogar in der Kindheit ereignet“, weiß Gemke. Für diese Frauen bietet die Beratung Krisen-, Trauma- und wenige Langzeitberatungsplätze an. Auch Lehrer, die den Verdacht haben, dass Mädchen in ihrer Klasse sexuelle Gewalt in der Familie erführen, können sich an die Beratungsstelle wenden.
Und: Seit kurzem bietet die Beratungsstelle auch eine psychosoziale Prozessbegleitung an, mit der Frauen vor, während und nach Strafprozessen unterstützt werden.
„Sexuelle Gewalt ist nicht das Problem einer einzelnen Frau, sondern der Gesellschaft“, betont Gemke. Sie spiegele die Stellung der Frau allgemein wider und auch wer die Macht besitze. „Denn darum geht es im Kern bei sexueller Gewalt: Um Macht und Dominanz“, sagt Gemke.
Alle Infos rund um den Verein stehen im Internet unter www.trau-dich-bs.de.


Drei Fragen an Staatsanwalt Fabian Londa:

? Was macht es so kompliziert, sexuelle Gewalt zu verurteilen? Ist das nicht klar vom Gesetzgeber geregelt?

!Natürlich: Sexuelle Nötigung oder Vergewaltigung ist im Paragraf 177 des Strafgesetzbuches dargelegt. Danach liegt eine Straftat immer dann vor, wenn das Opfer durch Gewalt oder einer Bedrohung für Leib und Leben zu sexuellen Handlungen gezwungen wurde. Dieser Paragraf steht allerdings durch die sogenannte „Istanbul-Konvention“ auf dem Prüfstand.

?Um was handelt es sich dabei?

!Der Europarat hat eine Konvention erarbeitet, die Frauen und Mädchen besser vor Gewalt schützen soll: die „Istanbul-Konvention“. Danach soll der Tatbestand der Vergewaltigung bereits erfüllt sein, wenn die Handlung allein gegen den Willen der Frau ausgeführt wurde, ohne dass es beispielsweise einer Gewaltanwendung bedarf.

?Macht das eine Verurteilung durch einen Richter einfacher?

!Nicht unbedingt. Das Problem ist: Sexuelle Nötigung findet meist im häuslichen Bereich statt. Es gibt selten Zeugen, so das Aussage gegen Aussage steht. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat zur Lösung der bestehenden Beweisschwierigkeiten ein eigenes Modell entwickelt. Hiernach werden die Aussagen der Opfer möglichst früh auf Video aufgezeichnet, um die Tat im späteren Gerichtsverfahren aus der Sicht des Opfers rekonstruieren zu können und dem Gericht die Bewertung der Aussage zu erleichtern. Dies soll zu mehr Verurteilungen führen.


Zahlen:

Jede siebte Frau in Deutschland erlebt schwere sexuelle Gewalt, hat der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF) errechnet, aber nur ein Bruchteil der Taten wird angezeigt.
Ein Phänomen, das auch die Braunschweiger Polizei kennt. So machten im Jahr 2013 „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ nur
0,67 Prozent aller angezeigten Delikte aus. „Die Dunkelziffer dürfte aber wesentlich höher sein“, sagt Polizeisprecher Wolfgang Klages. Er appelliert an Frauen, ihre Scham zu überwinden und Anzeige zu erstatten. „Ohne diese können wir nicht handeln.“
Sexualdelikte seien keine Lappalie, betont der Polizeisprecher. „Sie zählen zu den Straftaten gegen das Leben und damit zu den Kapitaldelikten.“
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