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Gummibärchen und Möhren: Wie Kinder gut sprechen lernen

Gummibärchen, Apfelstücke und Plastikblümchen: Sabine Lohrke-Austen (l.) und Beate Hamilton-Kohn zeigen ein Tablett voller Spiele, die die Sprechmotorik verbessern sollen. Foto: T.A.

Gute Artikulation fällt Kindern immer schwerer – Das Dialogwerk entwickelt Konzepte für Kitas.

Von Birgit Leute, 30.07.2014.

Braunschweig. Apfelstücke, Gummibärchen: Das grüne Tablet sieht aus wie ein buntes Mittagsmenü. Doch hier geht es nicht ums Essen, sondern um Sprache. Warum, dass erklären Beate Hamilton-Kohn und Sabine Lohrke-Austen vom Dialogwerk Braunschweig.

Sprechen ist eine sportliche Höchstleistung: Mehr als
100 Muskeln müssen dafür bewegt und koordiniert werden. „Nur, wer in der Lage ist, Lippen und Zunge richtig einzusetzen, kann überhaupt ein Gefühl für Sprache entwickeln“, betont Beate Hamilton-Kohn, Leiterin des Projekts Dialogwerk.
In der Regel lernen wir das im Kindesalter, doch Fakt ist: Immer mehr Kinder sind heute gar nicht mehr in der Lage, sich gut zu artikulieren. „In den Kitas wird oft beobachtet, dass die Kleinen den Mund nicht mehr richtig schließen können, dass die Lippen und überhaupt die ganze Körperhaltung schlaff wirken, und die Aussprache verwaschen ist“, sagt Hamilton-Kohn.
Die Gründe hierfür sieht sie unter anderem in den Essgewohnheiten. „Wer immer nur weiches Weißbrot statt Brot mit Rinde oder mal eine Möhre isst, lange am Schnuller nuckelt oder eher aus Schnabeltassen als aus Bechern, Tassen oder Gläsern trinkt, der entwickelt einfach nicht genug Muskeln, um Zunge, Kiefer und Gaumen gut zu koordinieren“, betont sie.
Genauso schlecht seien die heutige Bewegungsarmut oder der Fernsehkonsum. „Kinder müssen eine gewisse Körperspannung aufbauen, ihre Muskeln trainieren“, so die Projektleiterin. Der Fernseher ersetze dagegen häufig das Miteinander in den Familien. „Eltern müssen sich aber mit ihren Kindern unterhalten, sie zum Sprechen auffordern. Beim Fernsehen blieben die Kleine viel zu passiv“, kritisiert Hamilton-Kohn. Der Denkzettel kam prompt mit der ersten Pisa-Studie, die die Kultusministerien aufschreckte. Seither werden Erzieherinnen in den Kitas noch einmal speziell geschult, auf Defizite in der Sprachentwicklung und speziell der Motorik zu achten. Das 2011 eingerichtete Dialogwerk – ein Projekt vom Haus der Familie – kümmert sich um die Weiterbildung und Beratung und hat Konzepte für den Kita-Alltag entwickelt, die sich auch gut zu Hause umsetzen lassen.
„Hier kommen die Gummibärchen ins Spiel“, zeigt Sabine Lohrke-Austen, Sprachberaterin im Dialogwerk, auf das bunte Weingummi. Mit der Zunge sollen die Kinder die Bärchen erforschen, mal die Ohren, mal die Nasen antippen. „Gummibärchenwaschanlage“ heißt dieses Spiel, das in den Kitas regelmäßig auf große Begeisterung stößt. Bei einem anderen Spiel müssen kleine Blumen aus Moosgummi mit dem Strohhalm angesaugt oder Blüten durch Pusten zum Drehen gebracht werden. „Bislang standen der Sprachförderung vor allem Kinder mit Migrationshintergrund im Fokus. Heute wissen wir aber, dass Sprachförderung allen Kindern zugute kommt, denn es geht um mehr als nur das Einüben von Wörtern oder der Grammatik“, unterstreicht Hamilton-Kohn.


Infos

Das Dialogwerk Braunschweig ist ein Projekt vom Haus der Familie und entstand im Auftrag der städtischen Jugendhilfe. 2011 gestartet, ist das Dialogwerk zunächst auf vier Jahre angelegt. Die Finanzierung erfolgt durch das niedersächsische Kultusministerium und die Stadt Braunschweig. Angeboten werden Fortbildungen und Beratungen für pädagogische Fachkräfte in Krippen und Kitas sowie Empfehlungen für Eltern. Infos: www.dialogwerk-braunschweig.de .
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