Anzeige

„Fernsehschauen ist damit nicht gemeint …“

Wie wär’s mit einer kleinen Auszeit? Wer sich dauerhaft keine Ruhepausen gönnt, läuft Gefahr, krank zu werden. Foto: Korth
 
Dr. Kim Prüß. Foto: oh
Psychologin Dr. Kim Prüß: Wem es schwerfällt, nichts zu tun, sollte es mal mit Sport versuchen. Von Marion Korth, 08.07.2017. Die AOK rät dazu, sich Auszeiten zu gönnen. Wir fragten die Diplom-Psychologin Dr. Kim Prüß, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pädagogische Psychologie an der TU, ob Nichtstun uns gesund und glücklich macht. Ihr Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt ist Stress und Stressbewältigung.

? Können Sie aus Ihren Erkenntnissen heraus bestätigen, dass ständige Erreichbarkeit und unser Drang, uns selbst noch in der Freizeit zu „verplanen“, uns unglücklich oder sogar krank machen?

! Wenn ständige Erreichbarkeit verbunden ist mit unablässigem Termindruck und ständiger Alarmbereitschaft, kann das durchaus sein. Der natürliche Rhythmus des Menschen ist Arbeit – Ruhe – Arbeit – Ruhe. Wenn wir uns diese Ruhe-Pausen dauerhaft nicht gönnen, also chronischen Stress erleben, kann das tatsächlich krank machen. Eine Vielzahl von Krankheiten ist mit chronischem Stress assoziiert. Darunter können beispielsweise Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, verschiedenste Autoimmunerkrankungen und Entzündungsreaktionen, Kopf- oder Rückenschmerzen fallen, um nur einige Möglichkeiten zu nennen. Emotional können sich langfristig Ängste, Ärger, Depression oder auch Langeweile zeigen. Auch Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sind möglich. Hinzu kommt, dass bei steigendem Stress oft auch das Verhalten ungünstiger wird: hastiges Essen, vermehrtes Rauchen, unkoordiniertes, gereiztes Verhalten usw.
Das Gesundheitsrisiko steigt insbesondere dann, wenn chronischer Alltagsstress mit besonderen Belastungen durch kritische Lebensereignisse oder auch Übergänge in neue Lebensphasen zusammentrifft.
Ich habe allerdings nichts gegen gute Planung – sie ist oft Voraussetzung dafür, um sich zum Beispiel bei der Herausforderung, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen, überhaupt Auszeiten gönnen zu können.

? „Nichtstun“ wird oft mit Faulheit gleichgesetzt und ist damit negativ behaftet. Warum könnte es Sinn machen, diese Haltung zu überdenken?

! Wenn Nichtstun das Gegenteil von „Multi-Tasking“ ist, dann ist das allein schon ein gutes Argument. Denn dass Multi-Tasking ineffizient, mit einer höheren Fehleranfälligkeit, schlechterer Leistung und einem erhöhten Unfallrisiko verbunden ist, ist wissenschaftlich belegt. Es gibt gute Gründe für das Verbot, beim Autofahren das Handy zu benutzen.
Echtes Nichtstun ist für viele aber gar nicht so leicht. Fernsehschauen ist damit schließlich nicht gemeint. In Form von Entspannungstrainings, Achtsamkeitsübungen oder Meditation kann es wieder erlernt werden. Das kann sich lohnen, denn so werden nicht nur das Wohlbefinden, sondern beispielsweise auch die Selbstwahrnehmung und die Selbstregulation verbessert.

? Liegt in der Ruhe also die Kraft?

! Das darf man ruhig so sagen – aber bloß nicht verallgemeinern! Wir brauchen auch Aktivierung, um voranzukommen. Richtig „dosierter“ Stress ermöglicht eine Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten und optimale Leistungen.
Tatsächlich finden manche kognitiven Prozesse aber nur in einem entspannten Zustand statt. Unsere Gehirnareale arbeiten dann auf eine ganz andere Art und Weise zusammen.
Im Gegensatz dazu werden unter akutem Stress die Wiedergabe gelernter Gedächtnisinhalte, Transferleistungen und kreatives Denken beispielsweise gehemmt.


? Die Arbeit hört nicht auf. Immer ist irgendetwas zu tun, wenn nicht im Beruf, dann zu Hause in der Freizeit. Haben Sie einen Tipp, wie wir uns eine kleine Auszeit verschaffen können, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben?

! Es mag helfen, sich zu vergegenwärtigen, dass Menschen effektiver arbeiten, wenn sie häufiger Pausen machen. Viel passender wäre also ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir keine Auszeiten verschaffe.
Eventuell hilft es auch, daran zu denken, dass ich – für mich und für andere – am besten langfristig gesund und ausgeglichen bleiben kann, wenn ich jetzt auf mich achte.
Wer sich auf „Nichtstun“, Meditation, Achtsamkeits- oder andere Entspannungsübungen nicht einlassen mag, kann sich vielleicht mit Sport anfreunden. Sport ist nicht nur gut für den Körper, das Gehirn und die Seele, er ist auch ganz prima für ein gutes Gewissen!
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.