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Der tägliche Wahnsinn war das Normale

Mit Propagandafilmen wurden die Erwachsenen bei der Stange gehalten, mit Kasperletheater die Kinder. Selbst die Stallhasen waren hohe Politik. Kinder erhielten sie als Lohn. Keine Streicheltiere, sondern die Verheißung eines vollen Tellers war damit verbunden. Foto: Käthe Buchler/Städtisches Museum
 
„…, aber es wäre nun einmal wirklich an der Zeit, dass der Schwindel ein Ende nähme.“ (Rudolf Kappei an seinen Bruder Erich). Die Feldpostbriefe enthalten vor allem Alltägliches, nur manchmal lässt sich herauslesen, wie die Soldaten denken und was sie erleben. Zum Nachhören wurden die Texte aufgenommen. Liedgut aus der Zeit um 1910 hat der Männergesangsverein von Völkenrode mit neuen Aufnahmen zum Leben erweckt.

„Sonst geht’s uns gut“: Ausstellung im Altstadtrathaus beleuchtet die persönlichen Schicksale hinter der Kriegsmaschinerie.

Von Marion Korth, 15.11.2017.

Braunschweig. Es sind die persönlichen Momentaufnahmen, mit denen die neue Ausstellung „Sonst geht’s uns gut. Braunschweiger Biographien 1916.“ im Städtischen Museum die Zeit der großen Umbrüche und letztendlich Braunschweigs Weg in die Demokratie festhalten will. Dreh- und Angelpunkt ist das Jahr 1916.

„Warum 1916? Weil es mittendrin im Krieg war. Die Menschen wussten, was passiert, aber sie wussten nicht, was wird“, sagt Heidemarie Anderlik, stellvertretende Direktorin des Museums und Kuratorin. Sie spürte anhand Braunschweiger Dokumente und Braunschweiger Schicksale nach, was zwischen der Begeisterung 1914, als selbst die Sozialdemokraten ihre Skepsis fallenließen und Kaiser Wilhelm II. mit Bravo-Rufen politisch in den Krieg folgten, den ersten Streiks und Hungeraufständen im Heimatland bis hin zur völligen Zerschlagung der Monarchie nach Kriegsende 1918 eigentlich geschehen war.

Ein Foto zeigt einen kräftigen Mann, der selbstbewusst, ja stolz in die Kamera schaut. Das war, bevor Heinrich Hamann als Sanitäter im Ersten Weltkrieg seinen Dienst versah. Der Mann, der aus Jerxheim bei Königslutter stammte, war einiges gewohnt. Die Familie war arm, er hatte bis dahin als Krankenpfleger in der „Heil- und Pflegeanstalt Königslutter“ gearbeitet, die damals mehr „Irrenhaus“ als Pflegeeinrichtung war. Die Kranken wurden dort, so weit es ging, zur Arbeit angehalten – wenn nötig mit Gewalt. Nein, zimperlich war Heinrich Hamann sicher nicht gewesen.
Der Mann, der zu seiner jungen Frau aus dem Krieg zurückkam, war ein anderer. Die vierjährige Tochter wollte nur eines: dass dieser fremde, harte, unheimliche Mann wieder weg sollte. Hamann, 1885 geboren, starb bereits 1927. Nicht an einer sichtbaren Verletzung, aber doch an den Kriegsfolgen, wie in der Familie später erzählt wurde. Hamann war ein innerlich gebrochener Mann. Das zarte Hochzeitskleid in der Ausstellung, das seine Frau Olga getragen hatte, symbolisiert vielleicht mehr als die Filmaufnahmen von zerschossenen Städten und Geschütznebel an der Front, wie viele Träume durch diesen Krieg zerstört worden sind. Oder die Braunschweigerin Käthe Evers, die wie so viele Frauen die Kriegsmaschinerie am Laufen halten musste und Granaten in der Munitionsfabrik Rübeland im Harz herstellte. Bis zum 10. Januar 1918. Da kam es zu einer Explosion in den Arbeitsbaracken. Käthe Evers und Lotte Koch waren tot.

Es sind nebenläufige Sätze aus Feldpostbriefen, in denen die geringe Entlohnung im Vergleich zu den Offizieren angeprangert wird, in denen Sätze wie „Die Franzosen bekommen auch Gas zu schmecken, mit dem sie in letzter Zeit auch uns zugesetzt haben“, ahnen lassen, was da brodelt. Oder Rudolf Kappei, der 1918 fast genau dort in Frankreich in Stellung liegt, wo er im Herbst 1915 schon einmal war. „Frontberichte“ sind diese Karten trotzdem nicht, eher Beruhigung und Beschwichtigung und die Bitte um Alltägliches, wie warme Socken oder ein Stück Schinken.
Dabei war das Herzogtum Braunschweig aus monarchistischer Sicht vorbildlich. Kein einziger SPD-Abgeordneter im Landtag. In der Stadtverordnetenversammlung waren es Männer wie Wilhelm Bracke, die eine neue Geschichtsepoche einleiten wollten. Das Dreiklassenwahlsystem schloss die ärmeren Schichten praktisch aus. Selbst bei der Lebensmittelrationierung waren sie im Nachteil. Der in dokumentarischen Filmaufnahmen festgehaltene Pomp von Herzog Ernst August und Victoria Luise beim Besuch des Kaisers steht den Klagen über Hamsterkäufe und Wucherpreise bei den Lebensmitteln entgegen. Innenpolitisch hatte sich mindestens ebenso viel Sprengstoff angehäuft wie an den Fronten. Die Braunschweiger Industrie tat kräftig mit. Büssing baute nun keine Omnibusse für den Linienverkehr mehr, sondern Panzerspähwagen, Voigtländer keine Kameras, sondern Richtaufsätze für Maschinengewehre.
Der Erste Weltkrieg ist der „erste maschinelle Krieg“, der einzelne Mensch wird zum Rädchen. „In dieser Ausstellung wird die Maschinerie persönlich“, sagte Museumsdirektor Dr. Peter Joch bei der Vorbesichtigung.

Info

„Sonst geht’s uns gut. Braunschweiger Biografien 1916.“: Das Städtische Museum zeigt im Altstadtrathaus, Altstadtmarkt 7, von Mittwoch, 15. November 2017, bis 8. April 2018 eine Sonderausstellung über die Zeit des politischen Umbruchs im Ersten Weltkrieg, insbesondere im Jahr 1916. Der Eintritt ist frei.
Als Begleitprogramm bietet das Städtische Museum donnerstags und sonntags jeweils um 15 Uhr Führungen durch die Ausstellung an. Führungen für Gruppen und Schulen sind nach Voranmeldung auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich. Filme zur Geschichte des Ersten Weltkriegs werden am 19. und 26. November jeweils von 13 Uhr an gezeigt, weitere Termine werden bekanntgegeben.
Weitere Informationen gibt es unter der Telefonnummer 4 70 45 04.
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