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Demenz: Wer gefordert wird, bleibt länger fit

In Querum richtet die Awo derzeit einen offenen Wohnbereich ein.

Von Birgit Leute, 14.08.2013

Braunschweig. Schon der Gedanke ist für Angehörige ein Alptraum: Ein Demenzkranker, der sich verirrt und nicht mehr nach Hause findet. Die Awo in Querum hat sich trotzdem für einen offenen Wohnbereich entschieden. Ende August ist das Gebäude komplett renoviert.

Ortstermin im Wohn- und Pflegeheim am Peterskamp. Die Tür zu Haus 4 steht sperrangelweit offen. Schon von draußen ist munterer Gesang zu hören. Christian Krüger, Sozialarbeiter bei der Awo, dirigiert einen Seniorenkreis auf der Terrasse – alle fröhlich, alle textsicher und entschieden das Gegenteil dessen, was sich Laien landläufig unter hilflosen Demenzkranken vorstellen.
„Es sind Patienten mit leichtem Krankheitsbild“, klärt Frank Rieke, Fachberater für Demenz bei der Awo. 15 Bewohner gehören derzeit dazu. Sie können kommen und gehen, wie sie möchten, auch das Grundstück verlassen, wenn sicher ist, dass sie im Straßenverkehr noch zurecht kommen. „Es ist längst erwiesen, dass eine offene, lebendige und gleichzeitig möglichst regelmäßige Lebenswelt viel besser für Demenzkranke im leichten und mittelschweren Stadium ist, als eine ängstlich kontrollierte Sicherheit“, sagt Rieke zum Konzept.
Wer gefordert wird, bleibt länger fit – das gilt auch für Menschen, die anfangen, zu vergessen. „Ein regelmäßiger Besuch im Frisiersalon gehört genauso dazu wie kleine Handreichungen bei der Hausarbeit. Kochen, Abtrocknen, Wäsche falten – diese Routinegriffe bleiben lange im Gedächtnis, selbst wenn andere Dinge langsam entfallen.“
Auch der Kontakt der Patienten untereinander ist ausdrücklich gewünscht, kann allerdings zu Situationen führen, die manchen Pfleger vor ganz neue Herausforderungen stellen. „Auch, wenn unsere Bewohner im Durchschnitt um die 80 Jahre alt sind – Gefühle lassen sich nicht einfach abstellen“, erzählt Rieke schmunzelnd und mit Blick auf nächtliche „Besuche“ der Patienten untereinander. Rieke nimmt‘s gelassen: „Auch das gehört zum Leben“, sagt er.
Die Idee des offenen Bereichs ist nicht neu. 2004 bis 2007 startete die Awo ein bundesweites Projekt dazu, die Pflegeeinrichtung in Querum gehörte zu den Pilothäusern. Inzwischen ist daraus eine feste Einrichtung geworden. Für 1,2 Millionen Euro wird derzeit ein bereits vorhandenes Gebäude so umgebaut, dass es alle Voraussetzungen für eine moderne dementengerechte Pflege abseits des „normalen“ Wohn- und Pflegeheims“ erfüllt – lebendig, offen für die leichten bis mittelschweren Fälle, abgeschlossen und ruhig für die schweren. Insgesamt stehen 49 Plätze zur Verfügung.
Warum überhaupt getrennt wird? „Weil die älteren Leute im Haupthaus genauso reagieren, wie die meisten von uns, wenn sie mit Menschen umgehen, die vergesslich werden: ungeduldig und brüsk“, sagt Rieke.
Informationen zum offenen Wohnbereich gibt die Awo unter Telefon 21 57-180. Außerdem bietet sie regelmäßig Beratungen für pflegende Angehörige an. So unter anderem in der Gesundheitswoche, die noch bis Freitag (16. August) über Demenz informiert. Die Teilnahme dazu ist kostenfrei. Weitere Informationen gibt es unter Telefon 21 57-0.
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