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„Alkopops der Tabakindustrie“

E-Zigaretten: Gesundheitsexpertin Dr. Carola Reimann vermisst klare gesetzliche Regelung.

Von Marion Korth, 11.01.2012

Braunschweig. Rauchen Sie noch oder dampfen Sie schon? E-Zigaretten haben sich zu einem Verkaufsschlager entwickelt, Kritiker warnen jedoch vor unbekannten Risiken. Für die Gesundheitsexpertin Dr. Carola Reimann ist die Sache klar: „So ein Zeug gehört in den Giftschrank.“

Die SPD-Bundestagsabgeordnete, Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, sieht eine große Regelungslücke klaffen. „Sich darum zu kümmern, wäre der Job der Drogenbeauftragten der Bundesregierung gewesen“, sagt Reimann. Schon längst hätten wissenschaftliche Studien in Auftrag gegeben werden müssen, um das Gefährdungspotenzial genau auszuloten. Bestandteile der Flüssigkeiten wie Polyethylenglycol seien sogar lebensmittelrechtlich zugelassen, würden eingesetzt, damit Stoffe sich besser zu einer gleichförmigen Masse verbinden. Reimann: „Aber niemand hat untersucht, was passiert, wenn man das einatmet.“ Auch sei unklar, welche Stoffe nach dem Ausatmen in die Raumluft gelangen.
Auch wenn es schon lange her ist, früher hat Carola Reimann selbst geraucht und sie weiß, dass es schwierig ist, damit aufzuhören. „Ich finde es gemein, wenn Rauchern jetzt vorgegaukelt wird, E-Zigaretten seien eine gute, harmlose Ausstiegsvariante“, sagt sie. Teer enthalten sie zwar nicht, aber in der Regel sei auch in den Kartuschen für E-Zigaretten das Suchtmittel Nikotin enthalten. Es fehle allerdings der Nachweis, ob die E-Zigaretten sich als Tabakersatztherapie bewähren.
Unabhängig vom Gefährdungspotenzial für den Nutzer hält sie E-Zigaretten „für die Alkopops der Tabakindustrie“, „süß und billig, die ideale Einstiegsdroge“. Die Flüssigfüllungen gibt es in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen, bis hin zu Schoko- oder Erdbeergeschmack.
Aus einem weiteren Grund müsste der freie Verkauf der nikotinhaltigen Liquids ihrer Meinung nach verboten werden. „50 Milligramm Nikotin sind für einen Menschen tödlich, mit einem Nachfüllfläschchen kann man eine ganze Familie um die Ecke bringen“, sagt Reimann. Dagegen sei das Risiko, dass jemand eine oder mehrere Tabakzigaretten isst, eher gering. Ihr Fazit: „Ich bin sehr für eine Apothekenabgabe und Warnhinweise auf der Packung.“
In Dänemark, Norwegen, Thailand oder den Niederlanden gebe es bereits klare gesetzliche Regelungen. In Deutschland sei das verschlafen worden.

Einheitliches Vorgehen gefordert: Niedersachsen wartet erst einmal ab
Im Alleingang hat Nordrhein-Westfalen den Handel mit nikotinhaltigen Liquids verboten und damit den Zorn der Branche auf sich gezogen. Der Verband des E-Zigarettenhandels hat zurückgeschlagen und wehrt sich gegen „geschäftsschädigende Falschaussagen“. An die Adressen des Gesundheitsministeriums Nordrhein-Westfalen und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wurden Unterlassungs- und Widerrufserklärungen versendet.
Und was macht Niedersachsen? „Es gibt Hinweise, dass E-Zigaretten nicht unbedenklich für die Gesundheit der Konsumenten sind“, sagt Thomas Spieker, Sprecher des Gesundheitsministeriums. Ein Verbot wie in NRW wird es nicht geben. „Wir wollen bei der behördlichen Einordnung von E-Zigaretten ein bundeseinheitliches Vorgehen der Behörden von Bund und Ländern. Niedersachsen wird deshalb das Bundesgesundheitsministerium um ein gemeinsames Vorgehen bitten und diese Bitte auch dem Vorsitzland der Gesundheitsministerkonferenz der Länder übermitteln. Wir wollen nicht warten, bis die EU-Kommission eine Aussage zur Überarbeitung der Tabak-Richtlinie trifft“, sagte Spieker.
Der E-Zigarettenhandel sieht keine Zulassungspflicht, es handele sich um ein Genuss- und nicht um ein Arzneimittel. In den Ländern zeichnet sich ein anderes Meinungsbild ab. Eine Umfrage habe ergeben, dass auf der Fachebene der Länder die Tendenz besteht, die E-Zigarette mit Nikotin-Lösung als Arzneimittel einzustufen. So lange keine Zulassung besteht, wären Handel und Abgabe der nikotinhaltigen Flüssigkeiten verboten.
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