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Thorsten Stuckmann: „Besser hätte mein Debüt nicht laufen können“

Thorsten Stuckmann spielte gemeinsam mit Torsten Lieberknecht bei der Braunschweiger Eintracht. SH

Der ehemalige Eintracht-Keeper erinnert sich an den Derbysieg 2003 und spricht über England.

Von Elmar von Cramon, 13.04.2017.

Braunschweig. Ans Niedersachsenderby gegen Hannover hat Thorsten Stuckmann allerbeste Erinnerungen: Beim sensationellen 2:0-Erfolg der Blau-Gelben als Drittligist gegen den damaligen Bundesligisten am 29. Oktober 2003 absolvierte der heute 36-Jährige sein erstes Pflichtspiel für die Löwen. Nach weiteren Erfolgen im DFB-Pokal stieg er 2005 mit Eintracht in die Bundesliga auf und wechselte 2007 zu Alemannia Aachen. Nach 150 Zweitligaeinsätzen wagte er 2011 den Sprung auf die Insel und trat zunächst für Preston North End und die Doncaster Rovers an. Im vergangenen Herbst folgte ein Kurz-Engagement beim schottischen Erstligisten Partick Thistle, bevor er zu seinem aktuellen Club FC Chesterfield in die englische League One wechselte. Die NB sprach mit dem ehemaligen Eintracht-Keeper über das Derby, seine Zeit bei Eintracht und das Leben in England, wo er sich mit seiner Frau Sina und den gemeinsamen zwei Kindern mittlerweile ebenso zu Hause fühlt wie in Deutschland.

? Ihr Einstand in blau und gelb endete mit einem spektakulären Derbysieg. Welche Erinnerungen haben Sie an die damalige Begegnung?

!Ich war damals Ersatzkeeper hinter Alex Kunze und habe erst eine Stunde vor dem Spiel in der Mannschaftsbesprechung erfahren, dass ich spiele. Aufregung und Vorfreude waren in diesem Moment gleichermaßen groß. Vor dem Hintergrund, was dieses Spiel für die Fans bedeutet, war es für mich natürlich eine Riesensache. Besser hätte mein Debüt nicht verlaufen können.
Ich erinnere mich, dass ich auf dem Weg ins Stadion bei Daniel Graf im Auto saß und alle sehr angespannt waren, weil diese ganz besondere Atmosphäre spürbar war. Als wir zum Aufwärmen auf den Platz gingen, war das Stadion bereits bis auf den letzten Platz gefüllt. Unser Trainer Uwe Reinders musste anschließend kaum noch etwas sagen, weil wir alle die Chance ergreifen wollten, für unsere Fans das Derby zu gewinnen. Noch heute habe ich übrigens den Spielball von damals, den mir unser Zeugwart Bussi Skolik nach der Partie geschenkt hat.

?Die Mannschaft manifestierte nicht zuletzt durch diesen Sieg den Ruf eines Pokalschrecks und schaffte in der darauffolgenden Saison den Aufstieg. Was hat das Team damals ausgezeichnet?

!Ich habe weder davor noch danach in einer Mannschaft gespielt, in der ein so großer Zusammenhalt geherrscht hat. Wir haben viel zusammen unternommen und hatten die richtige Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern. Alles passte während dieser Zeit sehr gut, sodass wir die mannschaftliche Geschlossenheit auf dem Platz in Erfolge ummünzen konnten und so auch kleinere Rückschläge verkrafteten. Damals gab es weder Facebook noch Instagram, sodass man außerhalb des Platzes auch mit Sachen davonkam, die heute nicht mehr möglich sind (lacht).

?Wie momentan bei Eintracht, ging es auch in ihrer Aufstiegssaison 2004/05 an der Tabellenspitze eng zu. Wie sind Sie mit dem Druck umgegangen, Woche für Woche gewinnen zu müssen?

!Es herrschte die richtige Mischung aus Anspannung und Lockerheit. Man wusste, wann man ein Späßchen machen konnte und wann es sich zu konzentrieren galt. Die erfahrenen Spieler wie Jürgen Rische, Torsten Lieberknecht oder Alex Kunze haben das Ganze auch gut gesteuert. Daneben besaßen wir die Qualität, in schwierigen Situationen zu liefern, was Eintracht in dieser Saison ebenfalls gelingt.

?Wie sehen Sie die Entwicklung Eintrachts in dieser Saison?

!Man sieht, dass sich die Verantwortlichen durch den Verlust der Tabellenführung nicht beirren lassen haben und das ruhige Weiterarbeiten zuletzt für spektakuläre Siege gesorgt hat. Torsten Lieberknecht und Marc Arnold haben in den vergangenen Jahren durch Ruhe und Kontinuität für Erfolge gesorgt. Es ist beeindruckend zu sehen, wie sich der Verein und die Infrastruktur rund ums Stadion entwickelt haben.

?Nach ihrer Zeit in Braunschweig wechselten sie zunächst nach Aachen und anschließend nach England. Wie haben Sie die Zeit dort seitdem erlebt?

!Wir wurden überall mit offenen Armen empfangen und haben viele Freunde gefunden. Mit dem englischen Humor muss man natürlich erst mal zurechtkommen. Vor allem in der Kabine spielt das eine Rolle. Ich habe ihn jedenfalls kennen und schätzen gelernt. Beispielsweise haben wir einem Freund nach der gewonnenen WM 2014 sein ganzes Auto mit Deutschlandfahnen „zugepflastert“. Solche Späße sind hier durchaus an der Tagesordnung.
Außerdem wird der eigene Blickwinkel interessanter, wenn man den Vergleich zwischen den Kulturen außerhalb des Fußballplatzes betrachtet. Man lernt Dinge wertzuschätzen, die in Deutschland sehr gut geregelt sind, wie zum Beispiel das Gesundheits- und Sozialsystem.

?Wie steht es um die Unterschiede in Sachen Fußball?

!In Deutschland herrscht eine gewisse Disziplin, hier wird vieles lockerer gesehen, was mich speziell zu Beginn meiner Zeit hier erstaunt hat. Ich würde mir hier manchmal mehr an gewissen Grundtugenden, die man uns Deutschen nachsagt, wünschen. In England musste ich bislang jedenfalls kaum Strafgelder in die Mannschaftskasse entrichten. Auf der anderen Seite ist diese gewisse Lockerheit aber auch förderlich. Sie hat mir vor Augen geführt, dass ich in Bezug auf manche Dinge früher vielleicht zu verbissen gewesen bin.

?In England führten Sie jedenfalls die Tradition fort, als deutscher Torhüter für Angst und Schrecken im Elfmeterschießen zu sorgen....

!...und das, obwohl ich in Deutschland nie ein Elfmeterspezialist gewesen bin. Mein erstes Spiel für Preston war ein Pokalmatch, das wir gewannen, nachdem ich drei Bälle beim Elfmeterschießen parieren konnte. Auch in der regulären Spielzeit kann ich hier eine ganz gute Quote vorweisen und habe sechs von zwölf Strafstößen gehalten. Der letzte Spieler, der vom Punkt aus gegen mich getroffen hat, war Wayne Rooney im Pokalspiel gegen Manchester United.

?Das betreffende Spiel im FA-Cup 2015 war sicherlich eines Ihrer Karrierehighlights auf der Insel. An welche Spiele erinnern sie sich außerdem besonders gern?

!Neben dem Spiel gegen Manchester sicherlich auch unser Zweitligaaufstieg mit Preston im Londoner Wembleystadion. Und natürlich das besagte erste Spiel mit den drei gehaltenen Elfmetern.

?Vor ihrer Zeit in Chesterfield standen sie bei Partick Thistle in der schottischen Premiership unter Vertrag. Wie haben Sie die Zeit erlebt, in der sie zum Beispiel im Lokalderby gegen die Glasgow Rangers antraten?

!Sportlich war es sehr reizvoll, auch wenn ich in den Auswärtsspielen bei Celtic und den Rangers nur auf der Bank saß. Im Rückspiel gegen die Rangers stand ich vor heimischer Kulisse dann aber zwischen den Pfosten. Leider verloren wir in letzter Minute unglücklich mit 1:2, trotzdem hinterlässt so eine Begegnung bleibende Erinnerungen. Privat war es schwieriger, weil meine Familie in Doncaster blieb und ich meine Frau und unsere Kinder nur am Wochenende gesehen habe.

?Wie sehen Sie die Unterschiede zwischen britischem und deutschem Profifußball?

!Problematisch sehe ich in England die Abhängigkeit der Clubs von ihren Besitzern, die in Deutschland durch die 50+1-Regel nicht so ausgeprägt vorhanden ist. Auch die immer höheren Gehälter in der Premier-League sind sicherlich ungesund für den Fußball und könnten irgendwann eine Blase platzenlassen.
Auf dem Platz ist der Fußball in Deutschland technisch und taktisch anspruchsvoller, während es in England deutlich körperbetonter zur Sache geht. Speziell als Torwart merkt man schnell, dass bestimmte Sachen nicht abgepfiffen werden. Vom Niveau her sind die Spielklassen vergleichbar. Ein englischer Zweit- oder Drittligist würde sicherlich auch in der jeweiligen deutschen Spielklasse gut zurechtkommen.

?Wie sehen ihre Zukunftspläne aus?

!Ich freue mich, dass ich hier momentan das Vertrauen genieße, allerdings läuft mein Vertrag nur bis zum Sommer. Die Saison war bislang ein Wechselbad an Höhen und Tiefen, weil ich im Sommer und Winter zunächst keinen Club fand und während der sportlich zwar reizvollen Zeit in Schottland von meiner Familie getrennt war. In Zukunft würde ich mir mehr Kontinuität wünschen, deshalb ist unser Plan A, im Sommer nach Deutschland zurückzukehren. In den letzten beiden Spielzeiten habe ich über 60 Spiele absolviert, deshalb würde ich gerne noch zwei bis drei Jahre spielen.

?Spielt der Brexit dabei ebenfalls eine Rolle?

!Nein, eher nicht. Wir haben bereits vor fünf Jahren gesagt, dass wir gern nach Deutschland zurückkehren würden, wenn unser ältester Sohn eingeschult wird. Auch hätte meine Frau die Möglichkeit, in ihren alten Job zurückzukehren. Das sind Dinge, die uns wieder eher zurück nach Deutschland ziehen würden. Einen Verbleib auf der Insel könnten wir uns aber ebenfalls vorstellen.

?Sie arbeiten seit einiger Zeit bereits an ihrer beruflichen Laufbahn nach ihrer aktiven Zeit und haben die Firma „TS Together Stronger“ gegründet. Worum geht es dabei?

!Schon während meiner Zeit in Deutschland habe ich bei der BSA-Akademie ein Fernstudium im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung begonnen. In der Zeit nach meiner aktiven Laufbahn würde ich gerne länderunabhängig im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements tätig werden. Ein Pilotprojekt, bei dem ich Vorträge über Gesundheit am Arbeitsplatz und gesunde Ernährung halte, hat bereits begonnen. Außerdem biete ich Teambuildingmaßnahmen an, bei der mir meine Erfahrung als Fußballprofi zugutekommt. Für ein erfolgreiches Unternehmen ist ein funktionierendes Team genauso wie die Gesundheit der Mitarbeiter eine wichtige Grundlage.
Zukünftig möchte ich mittelständischen Unternehmen dabei helfen, Gesundheitsstrategien zu entwickeln, die sowohl Geschäftsführung als auch Mitarbeiter zufriedenstellen.

?Zurück zum Anfang. Wie lautet Ihr Tipp für den Ausgang des heutigen Spiels zwischen Eintracht und Hannover?

!Ich glaube, dass mit dem Sieg gegen Dresden eine gute Grundlage für einen weiteren Derbysieg gelegt wurde. In so einem Spiel vor 50 000 Zuschauern anzutreten, wünscht man sich als Fußballer und alle wissen, worauf es ankommt. Von der Tabellensituation könnte Eintracht sicher auch mit einem Punkt leben, trotzdem glaube ich an einen Sieg für Torsten und seine Jungs.
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