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„Präzision und Konzentration sind nötig“

In der Kegelgemeinschaft Fidele Brüder und Sichere Hand vereinen sich eine lange Geschichte und Zukunftssorgen.

Von Daniel Beutler, 21.03.2012.


Braunschweig. „Auf der Bahn ist man ganz allein beim Wurf. Das ist wie Boxen“, sagt Horst Schulz von der Spielgemeinschaft Kegelsportklub Fidele Brüder und Sichere Hand. Ein sinnbildlicher Satz für den Kegelsport.

Die Braunschweiger Kegler werden weniger. Beim Trainingsbesuch an einem Mittwoch erinnern sich einige noch an Zeiten, da hatte der Verein Braunschweiger Kegler, unter dessen Dach die verschiedenen Kegelklubs vereint sind, weit mehr als tausend Mitglieder. Diese Zeiten sind aber lange vorbei. Man muss sich irgendwie durchboxen.
Der Aktivenschwund zieht sich wie ein „Roter Faden“ durch den geschichtsträchtigen Sport, den schon die alten Ägypter betrieben haben sollen. Mittlerweile nehmen an Wettkampftagen nur noch vier, statt wie vor zwei Jahren sechs Spieler, pro Team teil. Aber ist Kegeln überhaupt ein Sport? „Natürlich! Bei 120 Würfen am Stück, die alle möglichst gut sein müssen, sind Präzision, Ausdauer und Konzentration nötig“, sagt Wolfgang Flegel.
Man kämpfe aber mit den Vorurteilen, die die gesellschaftlichen Kegelabende den Sportkeglern in Haus bringen. „Viele verbinden mit Kegeln einen Saufabend. Das stimmt hier aber nicht. Sicher spricht nichts gegen ein Bierchen beim Training. Aber man muss schon ernst bei der Sache sein“, sagt Flegel, der vergangenes Jahr deutscher Seniorenmeister wurde. „Das ist wie beim Badminton, da denkt auch jeder zu erst an Federball“, führt Hans-Ulrich Kiegland, der zweite deutsche Titelträger im Raum, aus. Kiegland spielt eigentlich für den Blinden- und Sehbehinderten Verein Braunschweig, trainiert aber mit der SG. Kegeln hat das Potenzial für einen Massensport, aber das Image eines verstaubten, muffigen Kabuffs. Zu Unrecht.
Die Stimmung ist gut, die Atmosphäre freundlich bei der Kegelmannschaft, die hauptsächlich die Variante Bohle spielt. Eine Wissenschaft für sich, mit komplexen Regeln, die jedem gesellschaftlichen Saufgelage den Spaß nehmen würde. Im Lehndorfer Kegelsportzentrum gibt es zudem Bahnen für die beiden anderen Varianten, Schere und Asphalt. Das gibt es so nur noch in Wolfsburg. „Früher gab es solche Anlagen auch in Berlin, Kassel oder Hannover. Aber die haben mittlerweile alle dicht gemacht“, berichtet Flegel. „Die Königsdisziplin“, wie Schulz sagt, also die Deutschen Dreibahnenmeisterschaften, bei der in drei Kegelarten je 120 Kugeln geworfen werden, findet daher auch im jährlichen Wechsel in Wolfsburg und Braunschweig statt. Im Mai ist die Löwenstadt wieder dran.
Die Region ist immer noch eine Hochburg. Eine der wenigen verbliebenen. Man weint den alten Zeiten nicht nach, aber es liegt schon eine melancholische Stimmung in der Luft, wenn die Runde von früher berichtet. Die Braunschweigerin Ingrid Reimann sei zum Beispiel 48 Mal deutsche Meisterin geworden. „Und bis vor vier Jahren hatten wir noch einen hauptberuflichen Bahnwart“, erzählt Schulz. Jeder hat eine Anekdote aus den alten, besseren Zeiten.
Und die Chronik ist lang. Seit 86 Jahren gibt es den KSK Fidele Brüder, seit über 50 Jahren die KSK Sichere Hand. Da liegt auch ungefähr der Altersdurchschnitt der SG. Sorgt man sich da nicht um die Zukunft? Einhelliges Kopfnicken. „Wir hatten früher eine erfolgreiche Jugendmannschaft, aber dann kommt das Studium, die Arbeit, die Familie und es fehlt die Zeit und das Geld“, sagt Flegel. Einige kommen später wieder. Aber längst nicht alle. „Wir hatten gehofft, dass Leute die auf die 40 zugehen und nicht mehr Fußball oder Handball spielen können, zum Kegeln kommen“, berichtet Dieter Dodzuhn. Die Hoffnung hat sich zerstreut.
Zeitgleich zum Training spielte die deutsche Fußballnationalmannschaft. Egal, üben sei wichtiger, denn ohne geht es nicht über Glückswürfe hinaus. Und spätestens nach der vierten Pumpe in Folge ist die Stimmung vergleichbar mit der, die man wohl nach einem Volltreffer von Box-Weltmeister Vitali Klitschko hat.
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