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EM-Tagebuch: Hauptstadt Paris ist eine Festung

Großer Optimismus bei den deutschen Fans vor dem Spiel gegen Polen. Foto: imago

Fußball: Scharfe Kontrollen und schwer bewaffnete Polizisten ersticken Gewalt im Keim – Planungen der Fans vorerst auf Eis gelegt.

Von Jonas Dräger, 17.06.2016.

Paris. Die französische Polizei hat aus den Vorfällen der vergangenen Tage ein wenig gelernt. In Paris und rund um das Stadion patrouillieren Sicherheitskräfte mit Maschinengewehren.
Fliegt Air France oder geht es wieder in die Hose? Nach dem Reinfall am Sonntag waren meine Bedenken groß – unbegründet! Man könnte sogar behaupten, dass bei der Fluglinie einige Mitarbeiter die neue Braunschweiger lesen. Neben einem Fensterplatz gab es sogar einen Schokoriegel gratis. Die beiden Plätze neben mir bleiben zudem frei. So macht fliegen Spaß.

In Paris angekommen dann die große Verwunderung. Die Polizei ist allgegenwärtig. Es wird streng kontrolliert. Am Flughafen darf ich gleich mehrfach den Ausweis zücken und mit meinen dürftigen Kenntnissen der französischen Sprache erklären, auf welchem Weg ich gedenke, Richtung Stadion zu ziehen. Eiffelturm, Louvre, Arc de Triomphe, Notre Dame fällt alles aus. Mit der Metro geht es direkt zum Stadion. Und das dauert. Fast zwei Stunden bin ich unterwegs, da ich mich nicht in jede völlig überfüllte U-Bahn quetschen möchte. Gut drei Stunden vor Spielbeginn ist dann das Stade-de-France in Saint-Denis erreicht. Rund 81 000 Zuschauer sollen reinpassen, das Spiel galt im Vorfeld als ausverkauft.
Rund um das Stadion herum zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Franzosen, Polen und Deutsche versuchen, noch Tickets loszuwerden. Das war schon in Lille so. Die teuren Tickets der Kategorie eins und zwei für mehr als 100 Euro finden kaum Abnehmer. Sie gehen teilweise deutlich billiger weg. Die Polizei duldet den Verkauf. Die Beamten konzentrieren sich auf das Wesentliche. Deutsche und polnische Fans werden genau observiert, schließlich sollen bis zu 500 Hooligans aus Polen und rund 300 aus Deutschland in der Stadt sein. Davon kriegt man im Stadion und davor aber nichts mit. Es bleibt bei verbalen Gesangsduellen.
Da tragen allerdings die Polen den Sieg davon. Sie sind leicht in der Überzahl und eindeutig lauter. Das mag wohl auch an dem Spiel ihrer Mannschaft liegen. Vorab gab es in Schwarz-Rot-Gold niemanden, der mit einem Remis gerechnet hat. Die Elf von Bundestrainer Jogi Löw enttäuscht allerdings erneut. Es läuft wenig zusammen bei unseren Jungs. Viele deutsche Fans sind frustriert.
Maik (38) und Jan (42) aus Oberhausen sind seit dem Eröffnungsspiel der Euro in Frankreich. Ihr Glaube an den Titel ist dahin. „Das wird nix. Ich glaube wir scheitern gegen Italien“, lautet ihre gemeinsame Prognose.
Meine Sitznachbarn gehen zumindest noch davon aus, dass wir Gruppenerster werden und somit im Viertelfinale auf Italien treffen. Das wäre auch mein Wunsch. Es würde bedeuten, dass wir im Achtelfinale erneut nach Lille fahren und das Viertelfinale in Bordeaux bestreiten. Entsprechend habe ich auch schon Flüge und Unterkünfte im Auge, teilweise schon gebucht. So wie mir geht es vielen anderen auch. Direkt nach Spielende wandert der Blick auf die Smartphones. Es wird gerechnet, einige kontrollieren die Stornierungsbedingungen für bereits gebuchte Hotels. Der Optimismus ist verflogen.
Für Maik und Jan ist hingegen am Dienstag das Abenteuer Frankreich beendet. Sie hatten nur Tickets für die drei Vorrundenspiele und haben die Zeit im offiziellen Camp des Fanclub Nationalmannschaft verbracht. Eine kostspielige Angelegenheit. Gut 700 Euro hat jeder bisher investiert – für die Übernachtung im Zelt!
Pünktlich zum Spielende ist dann auch meine Laune auf dem Tiefpunkt. Das Telefon streikt. Alle Erinnerungsbilder sind plötzlich schwarz, telefonieren klappt auch nicht mehr. Glücklicherweise treffe ich meine Autobesatzung für die Rückfahrt auf dem Weg nach draußen. Bei 81 000 Besuchern, die zeitgleich das Stadion verlassen, ein echter Glücksfall. Mit dem Golf geht es mit drei Göttinger Fußballfreunden in die Heimat. Und die Jungs haben es eilig. Einer muss am Freitag noch auf eine Hochzeit. Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf französischen Autobahnen wird dann auch nicht ganz ernstgenommen. Nach gut sieben Stunden haben wir unser Ziel erreicht, ich muss noch schnell per Zug die letzten Kilometer bis Braunschweig absolvieren. Dienstag geht es dann zurück nach Paris.
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