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Die Suche nach dem perfekten Moment

Auf der Suche nach innerer Ruhe trainiert nB-Volontär Marc Wichert für die „Trainingszeit“ mit den Bogenschützen des PSV.

Von Marc Wichert, 07.08.2011

Braunschweig. Sport ist nicht gleich Sport. Es liegen Welten zwischen Fußball oder Formel 1 und Randsportarten wie Fechten – oder Bogenschießen. NB-Volontär Marc Wichert war diesmal beim Training mit Pfeil und Bogen dabei.
Das kann nicht so schwer sein, denke ich noch: Ich nehme den Bogen, drücke meinen Rücken durch, spanne meine Muskeln, hebe den Bogen, ziehe Sehne und Pfeil bis an mein Kinn – und schieße...

Bogenschießen ist ein Sport, bei dem ich immer an das Buch „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ denken muss. Das habe ich nie gelesen. Allein dieser Titel aber: Bis heute verbanden sich für mich Bogenschießen und fernöstliche Meditation wie Fußball und England.
Ich will wissen, was Schießen mit Meditieren zu tun hat. Daher ein Anruf bei Ralf Schünemann. Schünemann ist Trainer beim PSV Braunschweig, Abteilung Bogenschießen. Wir treffen uns eine Stunde vor dem regulären Training, Schünemann möchte mir noch etwas erzählen über seinen Sport. Die Anlage im Georg-Westermann-Stadion ist von viel Grün umgeben, strahlt Ruhe aus. Beste Voraussetzung zum Meditieren. Schünemann scheint noch nicht genau zu wissen, wo er beginnen soll, und erzählt zunächst, wie schade es sei, dass viele Krankenkassen die therapeutische Wirkung des Bogenschießens noch nicht erkannt hätten. „Das Schießen kräftigt die gesamte Muskulatur und ist hervorragend gegen Rückenleiden“, sagt er.
Was für ihn Bogenschießen ist, will ich wissen. „Ein Bogen ist ein Sportgerät, keine Waffe“, stellt er zunächst klar. Es scheint, als habe er das in der Vergangenheit oft klarstellen müssen, der Amokläufe und Waffengesetze wegen. Ich sage ihm, dass Bogenschießen von außen betrachtet einfach aussieht. Ist es einfach? „Jemand hat mal gesagt, dass es die schwierigste Sportart nach Golf ist“, antwortet Schünemann und in seinem Gesicht blitzt etwas auf. Er macht mich neugierig.
Unterdessen trudeln schon die ersten Schützen ein, begrüßen sich herzlich – „das ist hier wie Familie“, sagt eine – und bauen ihre Bögen zusammen. Hightech-Geräte werden da vor mir auf dem großen Tisch ausgebreitet. Der Compoundbogen, einer der zwei gebräuchlichen Bögen, ist das totale Gegenstück zum Plastikmodell aus Kindertagen. Es ist, als vergliche man einen getunten Renn-Porsche mit einem Weltkriegs-Kübelwagen. Dieser Science-Fiction-Bogen besteht unter anderem aus Wasserwaage, Scope, Peep-Sight, Release, Stabilisatoren und so weiter. Ob das alles nötig ist auf dem Weg zur inneren Erleuchtung?
Was ist es denn wirklich, was die Schützen dazu treibt, immer wieder, hundert, tausend Mal aus der gleichen Stellung auf eine unbewegliche Zielscheibe zu schießen? Der Trainer kann es nicht so genau sagen, weiß nur: „Wenn einen der Virus gepackt hat, macht Bogenschießen süchtig.“ Ich frage einen anderen, der gerade seinen Bogen zusammensetzt, Bastian heißt er. Er habe schon immer Interesse gehabt und vor einem Jahr beim Schnupperschießen mitgemacht. Spaß mache es. Und dann kommt‘s: „Es hat einfach was Meditatives.“ Also doch. Stichwort für mich, mich mit Pfeil und Bogen in die Reihe der Schützen einzugliedern.
Ich orientiere mich an den anderen und folge den Anweisungen meines persönlichen Trainers. Stelle mich im rechten Winkel zur Zielscheibe hin – meine ist lächerliche zehn Meter entfernt, die der anderen weit über 50. Umklammere das Griffstück mit der linken und hake die Bogensehne in Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand ein. Hebe den linken Arm und ziehe gleichzeitig die Sehne, sodass beide Arme auf Schulterhöhe kommen. Jetzt kommt der wichtigste Teil. „Den richtigen Moment des Loslassens zu finden, das ist das Schwierige“, erklärt mein Trainer. Als ich denke, dass Auge, Visier und Zielscheibenmitte eine Linie bilden, schieße ich... Und bin überrascht, wie schlecht ich bin. Langsam verstehe ich: Es ist nicht einfach. Und probiere ein zweites und drittes und viertes Mal. Und werde immer wieder korrigiert. Entweder ist mein Rücken rund, wo er gerade sein sollte, oder die durchgezogene Sehne mit dem abschussbereiten Pfeil reicht bis an mein rechtes Ohr, wo doch die Kinnunterseite der richtige Platz ist. An viele Dinge gleichzeitig zu denken, Haltung, Ruhe, Spannung, Kraft, Winkel der Arme, Stellung der Beine, und dabei den richtigen Moment zu finden: Das ist die Schwierigkeit des Bogenschießens.
Und die Meditation? Eine innere Ruhe scheint einzukehren, wenn immer wieder die gleichen Bewegungen ausgeführt werden, mit dem immer wieder gleichen Ziel: Im perfekten Moment ins Schwarze zu treffen.
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