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„Die kriminellen Machenschaften der Wettbetrüger können mir meine Freude am Job nicht nehmen“

Der gebürtige Braunschweiger Florian Meyer wurde von Bundesliga-Spielern zum besten Schiedsrichter der Hinrunde gewählt.

Von Jens Radulovic, 23.01.2011.

Braunschweig. Der gebürtige Braunschweiger Florian Meyer wurde in einer Umfrage des Fußball-Fachmagazins „Kicker“ unter 286 Bundesliga-Spielern zum besten Schiedsrichter der Hinrunde gewählt. Die nB sprach mit dem 42-Jährigen über die Schiedsrichterei.

Braunschweig in der Fußball-Bundesliga – das ist nicht nur die Geschichte der Deutschen Meisterschaft von 1967, sondern auch aktuell Realität. Denn der RSV ist mit dem Fifa-Schiedsrichter Florian Meyer seit Jahren erfolgreich im Fußball-Oberhaus vertreten.

?Wie kamen Sie zur Schiedsrichterei?

!Als junger Fußballer mit hohem Gerechtigkeitsempfinden ärgerte ich mich über Mannschaftsbetreuer, die im Zweifel Entscheidungen immer zugunsten der eigenen Mannschaft trafen. Weil nicht genügend geprüfte neutrale Schiedsrichter zur Verfügung standen, leiteten die Betreuer unsere Spiele. In meiner Schule, dem Gymnasium Raabeschule, warb ein Plakat für die Aufgabe als Schiedsrichter. Damit bot sich mir die Möglichkeit, meine Leidenschaft Fußball aus einem anderen Blickwinkel kennenzulernen. Ich nahm an dem Schiedsrichter-Anwärter-Lehrgang teil und absolvierte im Herbst 1982, einen Tag vor meinem 14. Geburtstag, die Prüfung. Seither bin ich mit großer Begeisterung Schiedsrichter. Seit 1997 leite ich Spiele in der 2. Bundesliga und seit 1999 in der Bundesliga. Seit 2002 bin ich international tätig und leite mittlerweile Spiele der Champions- und Europa-League, nationale Meisterschaftsspiele in anderen Ländern sowie EM- und WM-Qualifikationsspiele.

?Was macht einen guten Schiedsrichter aus?

!Ein Schiedsrichter verbindet in sich zahlreiche Eigenschaften wie Entscheidungsfreude, Einfühlungsvermögen, Konsequenz, Mut und Verantwortungsbewusstsein. Meine persönliche Leitlinie würde ich so beschreiben: kommunikativ, bestimmt, präventiv, unabhängig; je nach Spielcharakter und nach Spielerverhalten: wenn nötig, kleinlich, wenn möglich, großzügig.

?Was fasziniert Sie an der Schiedsrichterei?

!An der Schiedsrichterei fasziniert mich der allwöchentliche Umgang mit unterschiedlichen Menschen in immer wieder neuen Situationen. Die Aufgabe als Schiedsrichter fördert ständig die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Zudem hält sie sportlich überaus fit. Ein junger Mensch lernt als Schiedsrichter Verantwortung zu übernehmen, sekundenschnell Entscheidungen zu treffen, diese zu vertreten und sein eigenes Handeln selbstkritisch zu hinterfragen und Konflikte zu erkennen und zu lösen. Dies sind allesamt Fähigkeiten, die einem persönlich im Alltag in Familie, Beruf und Freizeit weiterhelfen.

?Ergreift Sie das Spielgeschehen auch emotional ?

!Im Spiel bin ich vollständig auf meine Aufgabe als Schiedsrichter konzentriert. Ab und an ergibt es sich, dass ich im Vorbeilaufen einen Spieler zu einer besonders schönen Aktion oder einem sehenswerten Torschuss beglückwünsche oder für eine faire Aktion meine Anerkennung äußere. Das halte ich im respektvollen Umgang zwischen Sportlern für selbstverständlich. Nach dem Spiel freue ich mich, wenn mir eine Spielleitung gut gelungen ist oder ärgere mich maßlos, wenn ich eine entscheidende Situation falsch eingeschätzt habe.

?Wie lässt sich die Schiedsrichterei mit Familie und Beruf vereinbaren?

!Bei gut 40 Spielleitungen jährlich im In- und Ausland mit der Anreise am Vortag sowie Lehrgängen und Fortbildungsveranstaltungen bin ich über 100 Tage im Jahr in Sachen Schiedsrichter unterwegs. Hinzu kommt das Training, das ein Bundesliga-Schiedsrichter zwischen den Spielleitungen nahezu täglich absolviert. Existentiell abgesichert ist jeder Schiedsrichter durch seinen zivilen Beruf. Gleichzeitig ist damit auch ein fundamentaler Aspekt gewährleistet: Die Schiedsrichter sind in ihren Entscheidungen vollkommen unabhängig! Ich bin als Kanzleimanager und als Geschäftsführer einer Wirtschafts- und Personalberatung selbständig tätig. Die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Schiedsrichterei ist eine Frage der persönlichen Organisation.

?Macht Ihnen die Schiedsrichterei nach den Wettskandalen noch genauso viel Freude?

!Die kriminellen Machenschaften der Wettbetrüger können mir die Freude an der wunderbaren Tätigkeit nicht nehmen. Sie stimmen mich allerdings sehr nachdenklich und zwar ganz generell darüber, wie niederträchtig manches Mal wertvolle Gesellschaftswerte im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten werden. Als leidenschaftlicher Schiedsrichter und Fußballer fühle ich mich ebenso wie zahlreiche weitere Fußball-Fans durch diese unsäglichen Vorgänge betrogen.

?Haben Sie auch noch Zeit für weitere Hobbys?

!Das Leben besteht für mich nicht allein aus Fußball und Schiedsrichterei. Wenn es meine Zeit erlaubt, genieße ich einen Theaterbesuch, reise und lese gerne, fahre Fahrrad, spiele Tennis und Badminton.
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