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Die Faszination der 22 bunten Bälle

Kritisch beäugt Wolfgang Misch meine etwas unorthodoxe Technik mit dem Hilfsqueue.
 
In diese kleine Tasche soll die Kugel gespielt werden. Fotos (2): cm

Neue inSport-Serie: nB-Mitarbeiter versuchen sich in ungewöhnlichen Sportarten – Heute: Die Billard-Variante Snooker.

Von Christoph Matthies, 22.10.2016.

Braunschweig. Es gießt in Strömen, als ich in Volkmarode nach dem Vereinsheim des Klubs Billard Sport Braunschweig (BSB) Ausschau halte. „Bestes Snooker-Wetter“, denke ich mir, immerhin kommt die Billard-Variante aus Großbritannien und genießt auf der häufig verregneten Insel ein besonders hohes Ansehen. Und natürlich bin ich froh, dass ich mir an diesem Abend eine Indoor-Sportart zum Ausprobieren ausgesucht habe.

Im Vereinsheim erwartet mich sofort diese besondere Atmosphäre, wie sie mir aus Billard-Filmen wie „Die Farbe des Geldes“ (mit Paul Newman und Tom Cruise) oder „Poolhall Junkies“ in Erinnerung geblieben ist. Und doch ist hier alles ganz anders: Keine zwielichtige, zugequalmte Kneipe, sondern ein gepflegtes Vereinsheim, in dem Billard als Sport betrieben wird und wo sieben Pool- und drei Snooker-Tische zum Spielen einladen. Auch verschlagene Zockertypen zwischen Genie und Wahnsinn, wie man sie aus den Kinofilmen kennt, sehe ich hier nicht.
Stattdessen nehmen mich Ulli Claus und Wolfgang „Wolle“ Misch freundlich in Empfang. Ulli ist der Sportwart des Vereins, Wolle hat 30 Jahre lang Erfahrung im Pool-Billard gesammelt, bevor ihn vor etwa einem Jahr die Snooker-Leidenschaft packte. Er wird in den kommenden zwei Stunden mein Lehrer sein.

Tisch groß, Taschen klein

„Okay, bei dir müssen wir ganz von vorne anfangen“, schmunzelt Wolle, nachdem er mich gebeten hat, mich für den ersten Stoß in Position zu bringen. Als interessierter Laie, der gern die spannenden Snooker-Übertragungen auf Eurosport mit Kult-Kommentator Rolf Kalb verfolgt, aber selbst seit Jahren (oder Jahrzehnten?) keinen Queue mehr in der Hand gehalten hat, sind schon die Basics Neuland. Allein die Größe der Snooker-Tische, die im Fernsehen kleiner wirken, beeindruckt mich. Die Pool-Spielfelder, die man etwa aus Kneipen kennt, wirken dagegen fast wie Kicker-Tische.

Dadurch, dass der Tisch beim Snooker größer ist, die Kugeln (auch Bälle genannt) und Taschen aber deutlich kleiner als beim Pool-Billard, sind erste Erfolgserlebnisse für Anfänger hier schwerer zu verzeichnen. „Snooker und Pool haben so viel gemeinsam wie Fußball und Handball“, zitiert Ulli den populären Eurosport-Kommentator.

Tatsächlich hat der Snooker-Sport, der mit Spielern wie Steve Davis oder Ronnie O’Sullivan echte Superstars hervorgebracht hat, ein ganz eigenes Regelwerk. Rote und andersfarbige Kugeln gilt es abwechselnd zu lochen. Die 15 roten Kugeln bringen je einen Punkt, die sechs bunten Kugeln, die nach dem Lochen zurück auf den Tisch gelegt werden, je nach Farbe zwischen zwei und sieben Punkten. Ziel ist es, mehr Punkte als der Gegner zu haben, wenn der Tisch komplett abgeräumt wurde. Das gilt dann als gewonnener „Frame“, von denen in einer Partie, je nach Turnierformat, mehrere ausgespielt werden, um den Sieger zu ermitteln.

Nachdem ich die richtige Position zum Tisch gefunden habe und schließlich auch einen stabilen „Bock“ baue (wie die Handstellung bezeichnet wird, auf der ich den Queue entlangführe), kann ich auch schon erste kleine Erfolge verzeichnen. Ich treffe die Kugeln – was für blutige Anfänger bei langen Stößen gar nicht selbstverständlich ist – und tatsächlich auch die engen Taschen.
Nachdem mir mein Lehrer zeigt, wie sich die Rotation des weißen „Cue Balls“ nutzen lässt, um beim Lochen in bessere Positionen zum Weiterspielen zu kommen, versuche ich mich an meinen ersten Stoppbällen. Einmal nimmt Wolle sogar das Wort „Talent“ in den Mund – wie ich vermute allerdings eher ironisch, denn der 54-Jährige aus Wolfenbüttel hat, wie mir früh aufgefallen ist, einen sympathischen kleinen Schalk im Nacken.

Physik, Winkel, Taktik

Mit echtem Snooker, wie man es von den Profis kennt, hat das, was ich hier fabriziere, freilich noch nichts zu tun. „Es gibt bei diesem Spiel sehr viele Geheimnisse“, erzählt Wolle und erklärt mit einige Grundlagen, die man beachten sollte. „Bevor du einen Stoß machst, musst du ein Bild im Kopf haben, wie die Kugeln laufen sollen“, ist eine davon. Ähnlich wie beim Schach würden die Profis schon einige Stöße im Voraus planen. Ich merke schon jetzt, dass Snooker kein Sport für Dummköpfe ist – und das, obwohl wir die großen Fässer wie die Physik der Kugeln, die Winkel und Bahnen oder die taktischen Kniffe noch gar nicht aufgemacht haben.

Mein Fazit nach zwei Stunden Theorie und Praxis ist eindeutig: Snooker ist ein faszinierender Sport, der am Tisch noch mehr Spaß macht als bei den spannenden TV-Übertragungen. Gerade deshalb ist es schade, dass das Spiel hierzulande „noch in den Kinderschuhen“ steckt, wie Wolle mit Bedauern feststellt. Auch um dies zu ändern, freut sich der BSB über neue Mitglieder, egal ob im Bereich Snooker oder Pool.


INFOBOX

Snooker, eine Variante mit einer weißen, 15 roten und sechs bunten Kugeln, ist für viele die „Königsdisziplin“ des Billard. Vor allem in Großbritannien, aber auch in Asien, ist die Snooker-Begeisterung groß, während der Sport in Deutschland ein Nischendasein fristet. Doch auch hier erfreuen sich die TV-Übertragungen der Profi-Turniere auf Eurosport und Eurosport 2 großer Beliebtheit. Ab Sonntag zeigen die Sender die International Championship aus China.
Wer in der Löwenstadt Snooker spielen möchte, ist beim Billard Sport Braunschweig e.V. gut aufgehoben. Der Klub existiert seit 2010, das rauchfreie Vereinsheim mit sieben Pool- und drei Snooker-Tischen befindet sich in Volkmarode (Am Feuerteich 10). Gegenwärtig messen sich dort 60 Mitglieder in beiden Disziplinen – auch im Spielbetrieb in Ober- und Verbandsliga.
Infos über Verein und Mitgliedschaft bekommen Sie auf www.billard-bs.de und per E-Mail: info@billard-sport-braunschweig.de
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