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„Das kostet Haut und Kraft“

Mit Mühe halte ich mich in der Wand und dann will der Fotograf auch noch einen freundlichen Blick in die Kamera.
 
Scheinbar mühelos hangelt sich Frank Meier die rote Route, das ist die zweitanspruchsvollste Kategorie, über den Felsvorsprung nach oben. Fotos (3). Ammerpohl

Neue inSport-Serie: Fordern Sie uns, wenn Sie einen ungewöhnlichen Sport betreiben – Beim Bouldern den Bodenkontakt verlieren.

Von Andreas Konrad, 11.11.2016.

Braunschweig. Was ich mir eingebrockt hätte, wenn ich mich mit Frank und Benny zum Klettern und nicht zum Bouldern verabredet hätte, möchte ich gar nicht wissen. Und dabei kannte ich nicht einmal den Unterschied. Die beiden waren gerade in Marokko, um sich an einer 130 Meter hohen Felswand zu verewigen. In fünf Tagen haben sie mit Kraft und Akkubohrhammer 73 Haken in die Wand geschraubt, jetzt trägt die Passage im Kletterführer ihren Namen. Im Kletterführer – das ist also Klettern, so richtig mit Seil und Sicherung.

Stattdessen stehe ich in der Friedrich-Seele-Straße im Aloha Sport Club und eben nicht in Afrika oder wenigstens im Harz. Vor mir türmt sich eine Landschaft aus künstlichem Fels gespickt mit unzähligen Volumen und Griffen, also großen und kleinen angeschraubten Elementen, auf. Noch bevor meine erste Frage den Weg vom Gehirn zu den Lippen gefunden hat, verpasst Frank meiner Euphorie einen fiesen Tiefschlag. „Der Unterschied zwischen Klettern und Bouldern ist, dass wir beim Bouldern ohne Sicherung in die Wand gehen. Auf dem Boden liegt lediglich eine Matte, dafür geht es aber auch nur vier Meter hoch. Früher war Bouldern das Training für Kletterer, bis sich daraus eine eigene Sportart entwickelt hat“, sagt er.

Moment! Keine Sicherung? Unschöne Szenen spielen sich vor meinem geistigen Auge ab. Ich male mir aus, was ich mir alles brechen oder reißen, aber mindestens zerren oder verstauchen könnte, wenn ich gleich aus „nur vier Metern“ Höhe auf die Matte klatsche.
Frank erzählt unbeirrt weiter von den Anfängerkursen, die er gibt, und von den Kindern, die ihn immer wieder erstaunten, weil sie vollkommen furchtlos draufloskletterten. „Sie machen sich einfach keinen Kopf.“
Komplett ertappt versuche ich, schnell die Bilder meines Aufpralls aus meinen Gedanken zu löschen und konzentriere mich auf Franks Ausführungen. „Die Startpunkte sind markiert, los geht es, wenn kein Körperteil mehr den Boden berührt, und Ziel ist es, mit beiden Händen für mindestens zwei Sekunden den obersten Griff anzufassen“, erklärt er die Regeln und klettert die erste Route hoch und auch wieder runter. Jetzt bin ich an der Reihe – und zu meiner Überraschung geht es ganz gut. Ich darf nur die gelben Steine benutzen, jeder Schwierigkeitsgrad hat eine eigene Farbe, und schon habe ich beide Hände am Zielstein. Erleichterung macht sich breit, aber noch bin ich ja nicht wieder unten. Frank bemerkt wohl, wie ich in luftiger Höhe etwas verloren wirke und eröffnet mir, dass man beim Abstieg auch die andersfarbigen Steine benutzen dürfe. Das macht die Sache einfacher und ermöglicht mir am Ende, zuerst mit den Füßen wieder auf der Matte zu stehen. Ohne Bänderriss und offenen Schienbeinbruch. Geschafft!

Rund 150 Routen in sechs Schwierigkeitsstufen bietet der Aloha-Kletterpark, und einmal in der Woche treffen sich Frank, Benny und weitere ehrenamtliche Helfer, um an einer Wand alles abzuschrauben, zu reinigen und neu zu modellieren – die Boulderer wollen Abwechslung und ein Teil des Sports besteht auch darin, sich vor dem Aufstieg einen Plan zurechtzulegen, wie man die Route bezwingen könnte. Das schafft auch willkommene Pausen, denn Bouldern ist schon anstrengend. „Anfänger halten sich zwei bis drei Stunden hier auf und Klettern zwischen 15 und 25 Routen“, weiß Frank.
Auch wir klettern weiter als plötzlich geccoartig ein Mädchen durch die Szenerie huscht. Hannah, 14 jahre alt und amtierende Norddeutsche Jugendmeisterin sowie dritte der deutschen Rangliste, wie ich erfahre. Unfassbar, wie schnell und sicher sie sich über die Routen bewegt. Als Kind habe sie irgendwann einmal etwas in der Zeitung gelesen, seit dem fasziniere sie der Sport. Inzwischen hat sie sogar eine eigene Kletter-Homepage (http://hannahpongratz.de/).

Noch ein paar Routen und langsam merke ich, dass nicht nur meine Kräfte schwinden, sondern sich auch meine Handflächen der Struktur einer Teflon-Beschichtung nähern. „Das kostet Haut und Kraft“, sagt Frank und erzählt mir, dass er bei der Beantragung seines Reisepasses für den Marokko-Trip Probleme hatte, einen Finger zu finden, der noch in der Lage war, einen Fingerabdruck abzugeben.
Solche Probleme werde ich nicht bekommen. Bevor mich jemand dazu bringt, in Marokko oder anderswo auf der Welt 130 Meter hohe Felsen hochzuklettern, muss noch einiges passieren. Aber beim Bouldern war ich nicht zum letzten Mal – ich kenne ja jetzt den Unterschied zum Klettern.

Bouldern

Bouldern (engl. boulder „Felsblock“) ist das Klettern ohne Kletterseil und Klettergurt an Felsblöcken, Felswänden oder an künstlichen Kletterwänden in Absprunghöhe. Seit den 1970er Jahren ist das Bouldern eine eigene Disziplin des Sportkletterns. Ob jung oder alt, das Bouldern erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Ohne Sicherungsseil und Klettergurt wird an kurzen, prägnanten Bouldern die eigene Kraft, Koordination und Psyche vor neue Herausvorderungen gestellt. Trotz der „nur“ vier Meter Höhe und der Absicherung im Fallbereich durch eine dicke Weichbodenmatte, ist und bleibt Bouldern mit Verletzungsrisiken verbunden.
Eine Tageskarte im Aloha Sport Club kostet 7,50 Euro. www.alohasport.de.
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