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Capoeira: Kraftakt in der Königsklasse

In der „Ronda“ schließt sich der Kreis: Ich empfinde es als Ehre, als Benny mich in die Mitte der Capoeiristas einlädt. Die wohlwollende Freundlichkeit, mit der ich aufgenommen wurde, findet hier ihren Höhepunkt. Fotos: Susanne Hübner
 
Handstand, Kopfstand, Sprünge: Jonas zeigt, wie viel Capoeira mit Akrobatik zu tun hat.

Hohe Anforderungen, hoher Spaßfaktor: Capoeira ist eher ein Kampfsport als ein Tanz – Gefragt sind: Akrobatik, Kraft und Ausdauer.

Von Marion Korth, 02.12.2016.

Braunschweig. Nichts geht mehr: Die Füße hintereinander verkreuzt wie festgefroren, Leere im Kopf, Hilflosigkeit im Blick „Alles in Ordnung?“ fragt Benny. Ich nicke, immerhin, das funktioniert. Ansonsten Totalausfall, alle Leitungen blockiert, ich weiß nicht mehr, wo links oder rechts ist, geschweige denn, dass ich meinen Beinen befehlen kann, wie sie mich aus dieser Zwangshaltung befreien sollen. Capoeira, Kampftanz mit brasilianischen Wurzeln, ist kein Kinderspiel, sondern hohe Kunst.

Übungsleiter Benjamin Pardylla hat mich für eine Trainingseinheit beim MTV unter seine Fittiche genommen, mich, eine absolute Anfängerin, keine Ahnung von Kampfsport, keine Turnerin, weder erfahren in Hanteltraining noch in Step Aerobic. Mit 48 Jahren dürfte ich zudem die Älteste in der Gruppe sein.

Eine Herausforderung – für uns beide. Benny meistert sie mit Bravour. Ruhig, konzentriert, ernsthaft und vor allem mit Engelsgeduld. Einfach mitmachen und Bescheid sagen, wenn etwas wehtut, das ist die Ansage für den Anfang. Dann geht’s auch schon los. Aufwärmtraining, Jonas führt die Gruppe an, in ruhigem Lauftempo geht’s in Runden und Schleifen durch die Halle, dann seitwärts, Beine überkreuzen, wenig später hüpfen wir wie Hasen in kleinen Sprüngen, um schließlich wie die Eidechsen flach über den Hallenboden zu kriechen, wobei der Körper allein von Händen und Füßen getragen wird. Warm ist mir sowieso schon, jetzt verlassen mich zum ersten Mal die Kräfte. Kniekontakt mit dem Boden – „Du hast geschummelt“, ruft mir jemand zu: erwischt! Egal, weitermachen, bloß keine Schwäche zeigen. Dachte ich eben noch, gleich zusammenzubrechen, legt sich irgendwo in mir ein Hebel um, die Kraft kommt zurück, mein Herz beruhigt sich, während es in meinem Kopf zu rattern beginnt, um den Übungsanweisungen auch nur annähernd folgen zu können.

Für Natalia (28) ist es auch das erste Training. Oder nicht ganz, sie ist bei einem Capoeira-Workshop anderswo auf den Geschmack gekommen. Benny bringt uns die Ginga bei, jenen schwingenden Grundschritt der Capoeira, aus dem jeder Angriff, jeder Rückzug, jede Drehung erfolgt. Die Haltung ist geduckt, der Körper unter Spannung, die rhythmische Bewegung erfasst jede Faser, wir fixieren uns gegenseitig, die Blicke ineinander verhakt, es ist förmlich zu spüren, wie Energie sich in und schließlich zwischen uns auflädt. Und sich irgendwie entladen muss …
Auf zum Angriff, nächste Lektion: erste Tritte, sich wegducken. Und weil das alles noch viel zu statisch ist, geht’s gleich weiter: „So und jetzt ein Rad schlagen“, sagt Benny, zeigt uns in Zeitlupe, wie der Bewegungsablauf aussehen soll. „Das kann ich nicht“, sage ich und verstumme. Ausflüchte lässt Benny nicht gelten. Also ran ans Radschlagen, auch wenn’s dafür keine Schönheitspunkte gibt. „Geht doch“, meint Benny knapp.

Was ihn persönlich an Capoeira fasziniert, will ich wissen. „Du überwindest Grenzen“, sagt er. Immer wieder bekomme er drei Dinge zu hören: „Das kann ich nicht, das traue ich mich nicht, das habe ich noch nie gemacht.“ Ein Blick zu den anderen zeigt, dass Capoeira dort beginnt, wo wir sonst aufgeben. Capoeira, so scheint mir, ist hartes, langes Training und eine Sache der inneren Einstellung. Das eine funktioniert nicht ohne das andere. „Klar, jeder hat seine körperlichen Grenzen“, räumt Benny ein. Aber auch seine Stärken: Wo Jonas mit geschmeidiger Akrobatik glänzt, setzt Uwe Kraft und Dynamik ein. In der Ronda (portugiesisch für Kreis) werden die Grenzen aufgelöst. Es ist ein magischer Moment, als Uwe zu seinem Musikbogen, der Berimbau, greift und zu singen beginnt, die Trommeln den unnachgiebigen Rhythmus aufnehmen, die Capoeiristas klatschend und singend einfallen. Der „Tanz“ kann beginnen, die Ronda wird zur Kampfarena, zum Hexenkessel. Ein Karussell beginnt sich zu drehen, schnell und immer schneller. Sprung, Drehung, Tritt in rasanter Folge, ist das jetzt Sebastians Bein oder das von Jonas? Allein vom Zuschauen kann einem schwindlig werden.

Sobald ein Kämpfer die Ronda verlässt, wird schon der nächste aus dem Kreis der Umstehenden aufgefordert. Jeder kämpft gegen jeden, Jungs gegen Mädchen, Fortgeschrittene gegen Anfänger. Dann steht plötzlich Benny vor mir: „Wir möchten, dass Du auch in die Ronda kommst …“

• Wer sich für Capoeira interessiert, ist beim Training dienstags in der MTV-Halle, Güldenstraße 11, um 18 Uhr willkommen. Nur um Weihnachten herum pausiert der Trainingsbetrieb. Ausdauer und Beweglichkeit sind von Vorteil. Ansonsten gilt: je jünger, desto weniger Angst. Capoeira fordert Körper und Kopf – ideal, um sich auszupowern.



INFO

Belegt ist die Existenz der Capoeira seit dem 18. Jahrhundert. Mit den aus Afrika verschleppten Sklaven entwickelte sie sich in Brasilien aus verschiedenen Tänzen und Kulten. Sklaven wehrten sich damit gegen die mit Schusswaffen bewaffneten Sklavenhalter. In Städten wurde die Capoeira als Straßenkampftechnik eingesetzt. Quelle: Wikipedia
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