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Braunschweig – kein „Sommermärchen“

3000 deutsche Fans hofften und bangten beim „Public Viewing“ auf dem Platz An der Martinikirche mit ihrem Team – und wurden enttäuscht.

Von Jens Radulovic, 19.06.2010

Braunschweig. Mehr als 3000 feierwillige Fußballfans kamen Freitag zum „Public Viewing“ auf den Platz An der Martinikirche. Doch statt Party gab es beim Spiel gegen Serbien für die deutsche Nationalmannschaft eine Niederlage und Frust bei den Fans.

Die Heiligenfiguren an den Außenwänden der Martinikirche bekommen einiges geboten, denke ich, als ich mich beim „Public Viewing“ zum Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Serbien in der Arena einfinde.
Bereits um 13 Uhr meldet Benjamin Schmidt, Einsatzleiter des Sicherheitsdienstes: „Kapazitätsgrenze erreicht.“ 3000 Fans drängen sich in freudiger Erwartung. Am Merchandising-Stand bieten Händler kontaktfördernde Deutschland-Tanktops für Damen mit der Aufschrift „ballsicher“, „Handspiel“ oder „Halbzeitdiva“ an. Kaum habe ich den Platz betreten, als eine Jugendliche mit bedenklicher Schräglage an mir vorbei zum Ausgang wankt. Einige haben ihre Biervorräte wohl gleich im eigenen Magen am Sicherheitspersonal vorbeigeschmuggelt.
„Alter“, ruft ein blonder Sportsfreund neben mir einem Bekannten zu. „Hey, Alter, ey“, schallt es zurück. Freunde verstehen sich eben ohne viele Worte. Die Menge ist jung bis jugendlich und bunt geschminkt wie beim Karneval. Bei den Utensilien sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, Hauptsache die Farbkombination stimmt. Über den Köpfen schwebt ein Fahnenmeer in schwarz-rot-gold. Vor mir steht eine junge Frau mit Hasenohren in Deutschland-Farben auf dem Kopf, ihr Freund hat sich eine Fahne umgehängt. Beide zünden sich Zigaretten an. In der Luft hängt ein Geruchgemisch aus Nikotin und Bier. Jetzt gewinnt der Zigarettenqualm die Oberhand.
Während das Singen der Nationalhymne noch unkoordiniert daher kommt und im Geräuschteppich aus Vuvuzelas, Trillerpfeifen und Rufen untergeht, schallt es beim Anpfiff klar vernehmlich „Deutschland, super Deutschland“ aus den Fankehlen. Den Vorschusslorbeeren werden die deutschen Kicker auf der Großbildleinwand nicht gerecht: Miroslav Klose sieht Gelb-Rot, Serbien geht in Führung. Pfiffe, blankes Entsetzen.
Der Halbzeitpfiff löst die Blickstarre in Richtung Leinwand, der Nachbar wird als Gesprächspartner wiederentdeckt. Allgemeiner Tenor der Expertenrunden: Da geht noch was.
Der Zwangsoptimismus weicht im Laufe der zweiten Halbzeit schnell der Ernüchterung. „Super-Deutschland“ beißt sich an den Serben die Zähne aus, verschießt gar einen Elfmeter. Die Enttäuschung verwandelt sich in Frustration. Einige Jugendliche springen mit ausgestrecktem Arm auf und ab und rufen „Wer nicht hüpft, der ist kein Deutscher“, aber keiner der Umstehenden hüpft den Halbstarken in den braunen Sumpf hinterher.
Alles Hoffen und Bangen nützt nichts – Abpfiff. So schnell und so geknickt, wie die deutschen Spieler auf der Leinwand das Spielfeld verlassen, so schnell setzt die Massenbewegung in Richtung Arena-Ausgang ein. Bloß weg vom Ort der Niederlage, lautet jetzt die Devise.
Aber schon einige Meter weiter, auf dem Altstadtmarkt, haben sich die ersten Fans wieder gefangen. „Noch ist ja alles möglich. Jetzt kommt es auf die Tordifferenz an“, doziert ein junger Mann seiner Freundin vor. Sepp Herbergers Maxime „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ findet in den nächsten Minuten weitere Anhänger, der Frust ist verflogen.
Die Heiligenfiguren der Martinikirche ließ die Niederlage der Deutschen übrigens völlig kalt.
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