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„Bei Eintracht ist etwas ganz Stabiles entstanden“

War schon in Braunschweig und bei Hannover 96 tätig: Trainer Michael Krüger. Foto: imago

Fußball: Trainer Michael Krüger im NB-Interview über seine Zeit bei den Blau-Gelben und den spannenden Titelkampf der abgelaufenen Saison.

Von Elmar von Cramon, 16.06.2017.

Braunschweig. Michael Krüger führte Eintracht Braunschweig 2005 in die 2. Fußball-Bundesliga zurück und war bis Oktober 2006 für die Blau-Gelben tätig. Nach Engagements beim 1. FC Saarbrücken und Alemannia Aachen führte ihn sein Weg nach Afrika, wo er bis 2015 Clubs aus Ägypten, Äthiopien und dem Sudan trainierte. Dort konnte er fünf Titel gewinnen und wurde so zum erfolgreichsten deutschen Trainer in Afrika.
Zuletzt war er als Coach für die U23 von Hannover 96 verantwortlich. Für die NB spricht der 63-Jährige über seine eigene Zeit bei den Blau-Gelben, den spannenden Titelkampf seiner beiden Ex-Vereine und die Relegation gegen den VfL Wolfsburg.

?Herr Krüger, wie haben Sie die abgelaufene Spielzeit erlebt?

!Dass Eintracht von Anfang an in der Spitzengruppe dabei gewesen ist, hat mich nicht überrascht, weil dort seit Jahren konstant gut gearbeitet wird. Bei Hannover war es ähnlich wie in Stuttgart, es herrschte ein Wahnsinnsdruck, direkt wieder aufzusteigen. Man wusste ja aus der Vergangenheit, wie schwer das werden würde, weil es zahlreichen langjährigen Bundesligisten bisher nicht gelungen ist. Letztlich haben sie dem Druck standgehalten. Wäre der Aussetzer in Bielefeld nicht gewesen, wäre Eintracht wahrscheinlich dabeigewesen.

?Was hat Eintracht ausgezeichnet?

!Sie sind über den Teamgeist gekommen und personell sehr gut besetzt. Defensiv wurde meist sehr gut gearbeitet, es gab viele Spiele ohne Gegentor und viele Spiele, die in letzter Minute gewonnen wurden.
Ich denke, dass die Mannschaft genau wusste, was sie kann und was nicht. Individuell mögen Hannover 96 oder der VfB Stuttgart einen Tick besser aufgestellt gewesen sein; in der rauen Zweitligaluft zählt das aber nicht, weil dort ein anderer Fußball gespielt wird.

?Gab es bei Eintracht einen Spieler, der Ihnen besonders gut gefallen hat?

!Manche Spieler funktionieren nur in einem bestimmten Umfeld. Deshalb ist es immer schwer vorauszusehen, wie die Eingewöhnung im neuen Klub gelingt und ob der Trainer einen unterstützt. Sicherlich hat Onel Hernandez eine sehr positive Entwicklung genommen. Ich habe ihn immer gern gesehen, weil er Tempo und Wucht besitzt. Geht seine Entwicklung so weiter, kann er ein richtig guter Spieler werden.

?Als Sie 2005 selbst mit Eintracht aufgestiegen sind, zog sich ein ähnlich spannendes Aufstiegsrennen durch die gesamte Spielzeit. Welches Nervenkostüm muss man als Trainer in so einer Situation mitbringen?

!Man muss unaufgeregt weiterarbeiten. Als wir 2005 aufgestiegen sind, war das im Vorhinein ja eigentlich nicht geplant. Stehst du aber im Winter oben und bist wenige Spieltage vor Saisonschluss noch im Aufstiegsrennen dabei, versuchst du natürlich alles. Die Mannschaft wollte das Ziel unbedingt erreichen, hat alles mobilisiert und sich von ihrem Weg auch nicht mehr abbringen lassen.

?War absehbar, dass Ihrem ehemaligen Schützling Torsten Lieberknecht eine so erfolgreiche Zukunft als Trainer bevorstehen würde?

!Torsten war schon immer sehr interessiert an Dingen, hat viel nachgefragt und sich viele Gedanken gemacht. Er hat häufig nach den Gründen für bestimmte Entscheidungen gefragt, das fand ich sehr positiv. Es gibt Trainer, die das nicht mögen, ich fand solche Gespräche aber immer klasse.

?Wie kann die Entwicklung für Eintracht in den nächsten Jahren gehen?

!In den vergangenen Jahren ist dort etwas ganz Stabiles entstanden, trotz des Abstiegs ist unaufgeregt weitergearbeitet worden. Klar ist die 1. Liga ein attraktives Ziel, weil eine Fahrt nach Dortmund auch den Fans mehr Spaß macht als eine nach Sandhausen. Wir haben uns damals ja auch auf die Allianz-Arena gefreut, keine Frage. Dafür arbeitet man am Ende des Tages als Trainer und Spieler. Sowohl das Trainerteam als auch manche Spieler haben den Aufstieg schon einmal mitgemacht und wissen, worauf es ankommt. Mit ihren mannschaftlichen Qualitäten und in kämpferischer Hinsicht haben sie sehr gute Chancen. Relegation ist bis zu einem gewissen Grad ein Lotteriespiel.

?Wie haben Sie die Relegationsspiele zwischen Eintracht und dem VfL Wolfsburg erlebt?

!Es waren zwei typische Relegationsbegegnungen, in denen großer Fußball nicht zu erwarten gewesen ist. Die individuelle Qualität der Wolfsburger spielte keine Rolle, auch war deren Nervosität, alles zu verlieren, deutlich zu spüren. Nüchtern gesagt hätte Eintracht einfach die Chancen im Rückspiel nutzen müssen, um zu gewinnen. Nutzt der Gegner stattdessen seine, ist der Sieg auch verdient.
Gestört hat mich die Gewalt nach dem Spiel. So was geht mir auf den Zeiger und niemand kann mir erzählen, dass das echte Fans sind. Schon die Böller während des Rückspiels waren ein absoluter Stimmungskiller und haben die Gesundheit von Menschen gefährdet. Das Rückspiel zwischen 1860 München und Regensburg einen Tag später war für mich dann der absolute Negativ-Höhepunkt der diesjährigen Relegation.

?Wie stehen Sie diesem Modus im Allgemeinen gegenüber?

!Ich bin ein Gegner der Relegation, weil ein unmenschlicher Druck aufgebaut wird, nur um ein wenig mehr Nervenkitzel für Medien und Fans zu produzieren. In der Regionalliga ist das Ganze ja noch schlimmer, weil dort sogar die Meister in eine Relegation müssen und für den Verlierer die Arbeit einer ganzen Saison in zwei Spielen zunichte gemacht wird.
In der 2. Liga tat sich der Relegationsverlierer danach auch häufig schwer. Für Eintracht wird es darauf ankommen, schnell die Kurve zu kriegen. Mental halte ich Torsten und seine Mannschaft für stark genug, die Relegation wegzustecken.
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