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Bauchtanz: Einfach mal locker lassen

Oh je: Ich fühle mich vom Hals bis zur Hüfte wie ein Block.
 
Ästhetik pur und alles andere als schwülstig: Sabine Krüger, Martina Büttner-Koppenhüle und Tanztrainerin Alexandra Gruß (v.l.) zeigen Bauchtanz in seiner ganzen Schönheit und Lebensfreude. Fotos: Nizar Fahem

Eine Kunst kämpft gegen ihr Image – Bei einer Schnupperstunde wird mir klar: der Tanz fordert jeden Muskel.

Von Birgit Leute, 09.12.2016.

Braunschweig. Mit dieser Reaktion hätte ich rechnen müssen. „Du machst Bauchtanz?“ Breites Grinsen von den männlichen Kollegen, Alarmaugen bei den weiblichen: „Musst du dich da ausziehen?“ Nein – muss ich nicht. Alexandra Gruß kennt die bange Frage der Anfänger und beruhigt. „Im Training tragen wir Leggings, T-Shirt und Schläppchen oder dicke Socken“, zählt die Tänzerin am Telefon auf.

Klingt gut. Klingt nach Rücken-fit bloß ohne Isomatte. Ich gehe also ziemlich entspannt zu meiner ersten Schnupperstunde. Alexandra Gruß betreibt ein eigenes Studio in der Wendenstraße und unterrichtet seit fast 20 Jahren eine Kunst, die für westliche Menschen irgendwo zwischen 1001 Nacht und schlüpfrigem Go-go angesiedelt ist.

„Die Musik, die Kostüme, die Art mit der eigenen Weiblichkeit zu spielen – das ist für uns doch ziemlich fremd“, weiß Gruß. Als „Shaybara“ – so ihr Künstlername – tritt sie regelmäßig bei Geburtstagen oder Firmenfeiern auf und kennt die Reaktionen. Dabei habe Bauchtanz nichts mit Striptease zu tun. „Die Kunst ist uralt und wurde in der arabischen Kultur tatsächlich von Frauen und Männern ausgeübt“, gibt Gruß einen Einblick in die Geschichte. Dabei ging es nicht darum, möglichst schwülstig viel Haut zu zeigen. „Bauchtanz ist voller Ästhetik, Rhythmik, Humor und – trainiert viele, viele Muskeln“, sagt Gruß.

Recht hat sie: Schon bei den ersten Schritten und Bewegungen wird mir klar – Bauchtanz findet nicht einfach nur um die Hüften statt. Auch Arme, Schultern, Beine und Füße kommen zum Einsatz. Und damit es so richtig kompliziert wird, darf nie alles auf einmal, sondern immer nur isoliert bewegt werden. „Wenn wir mit den Schulter zucken, sollte es unten nicht klingeln“, erklärt „Shaybara“. Mit unten meint sie das Tuch, dass am Anfang der Stunde um meine Hüften geschlungen wurde und auf dem viele, viele silberne Plättchen gestickt sind. Diese Dinger – so wird mir bald klar – verraten alles. Vor allem die falschen Bewegungen.

Während Alexandra Gruß und ihre beiden langjährigen Schülerinnen Sabine Krüger und Martina Büttner-Koppenhüle Hip-Drop Körperwelle und Hüftacht aus dem Effeff beherrschen und ihren Körper locker lassen, laufen bei mir bereits nach zehn Minuten die Synapsen heiß. Irgendwo kommt leicht perlende türkische Musik aus den Lautsprechern, doch die höre ich nicht mehr. Beim „Shimmy“ – dem bekannten Zittern – strecke ich komplett die Waffen: Statt mit der Schulter, dem Bauch oder einer Brust zittere ich ersatzweise einfach mit den Händen und sehe aus, als würde ich gerade in eine 220-Volt-Steckdose greifen.

Ästhetik? Anmut? Verführung? Bei mir nicht. Stattdessen zieht sich ein fieser Muskelkater langsam die Oberschenkel hoch. Vortänzerin Alexandra Gruß dreht sich um und nickt mir zu: „Das mit den Händen ist ganz normal. Manche können den Shimmy sofort, manche brauchen eine Weile. Aber es klappt“, macht sie Mut. Dass es klappt, beweisen ihre Kursteilnehmer – meistens Frauen zwischen 16 und 70 Jahre, Deutsche, Türkinnen und Araberinnen bunt gemischt. „Es sind vor allem die über 50-Jährigen, die noch mal Lust bekommen, etwas ganz anderes auszuprobieren, vielleicht im Ägypten-Urlaub bei einer Übungsstunde am Pool auf den Geschmack gekommen sind“, weiß Gruß.

Was sie immer wieder am meisten fasziniert: Wie Tanz und Training die Frauen verändern – wie sie plötzlich aufrechter gehen, den Kopf hoch tragen, Selbstbewusstsein und Lebensfreunde ausstrahlen. „Wer längere Zeit mit der Kultur in Kontakt ist, kleidet sich auch weiblicher, greift lieber zu leuchtenden als zu dunklen Farben, entwickelt einen Vorliebe für alles was glitzert und funkelt“, erzählt Gruß, die alle ihre Kostüme selber schneidert und die Stoffe vorzugsweise in Amsterdam kauft, weil der Markt hier noch nicht so weit sei.

„Manche Ehemänner müssen mit dieser Wandlung erst einmal klar kommen, manche befürchten sogar einen zweiten Frühling“, sagt Gruß. Doch das Gefühl legt sich schnell – „denn vor allem bekommen sie eine gut gelaunte Partnerin“, sagt Gruß aus Erfahrung.


INFOBOX

Kurios: Der Begriff „Bauchtanz“ stammt gar nicht aus der arabischen Welt, sondern aus Frankreich. Als „dance de ventre“ taucht er zum Beispiel im 19. Jahrhundert in den Romanen von Emile Zola und
Gustave Flaubert auf. In Ägypten – seinem Ursprungsland – heißt er dagegen wörtlich übersetzt: „Tanz des Ostens“.
Über seine Bedeutung wird heftig gestritten – die einen sehen in ihm den Vorläufer des Striptease, die anderen eine alte Tradition, die früher sowohl von Männern als auch von Frauen gepflegt wurde. Tatsache ist: Bauchtanz ist eine echte Kunst, die Training, Rhythmusgefühl und Körperbeherrschung verlangt – und Neugier auf eine fremde Kultur, die viel Lebensfreude vermitteln kann.
Weitere Informationen zum Bauchtanz und Einsteigerkursen unter www.shaybara.de.
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