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Auf den – sportlichen – Spuren der Samurai

Kendo: Für eine Übungseinheit zusammen mit den Kämpfern des Löwen Dojo Braunschweig auf dem „Weg des Schwertes“ wandeln.

Von Jens Radulovic, 18.04.2010

Braunschweig. „Hallenschuhe brauchen Sie nicht, wir trainieren barfuß“, gibt mir Dido Demski, Vorsitzende des Löwen Dojo, telefonisch mit auf den Weg zum Kendo-Training. „Kendo“ bedeutet wörtlich übersetzt in etwa „Der Weg des Schwertes“. Für eine Übungseinheit begleite ich die Kämpfer des Löwen Dojo auf diesem Weg.

Mein erster Eindruck, als ich an der Illmenauhalle ankomme: Das Dojo (die Übungshalle) sieht einer ganz normalen Sporthalle zum Verwechseln ähnlich. Wer mittelalterliche Samurai-Folklore erwartet, ist hier fehl am Platz, Kendo hat seine Ursprünge zwar in der alten japanischen Schwertkampfkunst, ist aber eine ernstzunehmende Sportart nach klaren Regeln.
Nach und nach treffen die Mitglieder der Trainingsgemeinschaft ein. Einige betreten die Halle im Trainingsanzug, andere in Rüstung. Rüstungsträger Tobias Eckhardt erklärt: „Bevor man eine Rüstung anlegen darf, muss man einige Prüfungen ablegen. Ich wurde nach etwa einem Jahr zum Rüstungsträger, andere haben das auch schon nach einem halben Jahr geschafft.“
„Eine Rüstung muss es gar nicht unbedingt sein“, denke ich, „mir würde schon etwas an den Füßen reichen.“ Der Hallenboden ist kalt – und hart.
Zu Beginn werden wir aufgeteilt. Ich lande mit den anderen Anfängern in der einen, die Rüstungsträger in der anderen Gruppe. Unser Übungsleiter Detlef Viebranz, der auch Präsident des Deutschen Kendobundes ist, gibt uns eine Kurzeinführung in die richtige Haltung des „Shinai“, des Bambusschwertes: „Ihr müsst das Shinai mit der linken Hand am unteren Ende des Griffes so anfassen, dass es ganz locker in der Hand liegt und durch bloßes Drücken der Hand nach oben wippt.“ Ich nehme das Schwert und drücke: Nichts passiert. „Du hältst es falsch, etwas drehen und locker halten“, gibt mir ein „Mitschüler“ wertvolle Tipps. Dann klappt es. Jetzt werden Griffhaltung der anderen Hand und die Ausholbewegung zum senkrechten Schlag in Richtung Kopf (sogenannter Men) durchexerziert. Ich merke: Kendo ist eine technisch sehr komplexe Sportart. Und wir haben uns bislang noch nicht einmal vom Fleck bewegt.
Das kommt nun. Wir stellen uns an einer Seite der Halle auf und durchschreiten sie im „Tsuri-Ashi“, einem Gleitschritt. Bei dem stellen wir den rechten Fuß voran und schieben uns mit dem linken Fuß nach vorne. Mit zunehmender Dauer der Schrittübungen ersetzen Schmerzen das Kältegefühl an den Füßen.
Zum Glück stehen anschließend erneut Schlagübungen an. Zusammen mit den Rüstungsträgern stellen wir uns im Kreis auf, simulieren Men und zählen dabei hoch – auf japanisch. Um ein wenig Vokabel-Lernen kommt man als Kendoka nicht herum. Dazu wird jedem Neueinsteiger ein kleines Buch mit den wichtigsten Informationen gegeben. Aber zum Nachlesen habe ich jetzt keine Zeit. Also lasse ich das Zählen weg und konzentriere mich auf die Ausholbewegungen mit dem Shinai. Die rufen durch die mehrfache und schnelle Wiederholung bald ein Brennen in den Armen hervor.
Die Gruppen werden erneut getrennt, diesmal bleibe ich bei den Rüstungsträgern, um nach der Schwertführung die zweite Kunstfertigkeit beim Kendo kennenzulernen: das Anlegen der Rüstung. Heike Kunde, selbst Rüstungsträgerin, assistiert mir dabei, denn ohne sie würde ich der Aufgabe völlig hilflos gegenüberstehen: Die Rüstung eines Kendoka besteht aus einer Jacke (Gi), einem Hosenrock (Hakama), einem Schutz-Gürtel um die Hüfte (Tare), dem Brustpanzer (Do), der Kopfhaube (Men) – und die alle gilt es mit mehr oder weniger komplizierter Schleifen- und Knotentechnik am Körper zu befestigen – sowie den Handschuhen (Kote). Nach den ersten erfolglosen Versuchen, mir das Kopftuch, das unter dem Helm getragen wird, anzulegen, weiß ich, warum es vier bis sechs Monate dauert, bis man zum Rüstungsträger werden kann.
Anschließend wird es ernst: Ich stelle mich Heike zum Gefecht. „Keine Sorge, Du kannst richtig zuschlagen, die Rüstung schützt einen gut“, sagt die zierliche Frau, „soll ich mal einen Schlag setzen?“ „Klar“, antworte ich. Die Expertin wird schon wissen, was sie tut.
Heike holt mit ihrem Shinai bis hinter ihren Rücken aus – und versetzt mir einen mustergültigen Hieb auf den Helm. Sie hat Recht: Es schmerzt nicht. Aber der Einschlag des Bambusschwertes erschüttert meinen ganzen Körper von oben nach unten durch. Und es dröhnt mir ganz gewaltig in den Ohren: Schallgedämpft ist der Helm nicht.
Abschließend setzen sich alle im Seiza (Fersensitz) vor unseren Lehrer Detlef und verharren schweigend einige Sekunden, die Hände meditativ gefaltet. Und nun durchweht er doch noch das Dojo, der Hauch fernöstlicher Mystik...
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