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Absturz in die 3. Liga wirft Fragen auf

Nicht mehr Trainer bei Eintracht: Torsten Lieberknecht. Foto: SH

Fußball: Eintracht-Verantwortliche geben auf Pressekonferenz Antworten – Aus für Lieberknecht.

Von Elmar von Cramon, 15.05.2018.

Braunschweig. Zehn Jahre und zwei Tage dauerte die Ära von Torsten Lieberknecht bei Eintracht Braunschweig, bis am Montag um 16.28 Uhr eine Pressemitteilung das Ende der gemeinsamen Zusammenarbeit bekanntgab. Tags zuvor war Lieberknechts Mannschaft von Holstein Kiel mit 6:2 demontiert worden und fand sich nach dem Abpfiff um 17.17 Uhr auf einem Abstiegsrang wieder.
Die Umstände des Abschieds vom Pfälzer hätten tragischer nicht sein können: Er selbst hatte den Verein einst vor dem Absturz in die vierte Liga gerettet und den Club nach 28 Jahren zurück in die Bundesliga geführt. In Kiel vergoss er wie seine Spieler nun bittere Tränen, weil die Mannschaft in den letzten Spielen unter seiner Regie zerfiel, anstatt den trotz aller Rückschläge machbaren Klassenerhalt unter Dach und Fach zu bringen.
Der Absturz in die 3. Liga nur ein Jahr nach dem knapp verpassten Bundesligaaufstieg trifft die blau-gelbe Fangemeinde hart und wirft viele Fragen auf, denen sich die Verantwortlichen Sebastian Ebel, Soeren Oliver Voigt und Marc Arnold gestern auf einer Pressekonferenz stellten. 

Sebastian Ebel über den Abstieg aus der 2. Liga: „Wir hätten uns nicht träumen lassen, über so etwas reden zu müssen. Wir werden das, was passiert ist, nicht mehr ändern können, haben aber analysiert, woran es gelegen hat, um daraus zu lernen und Erklärungen zu geben.
Das Leben geht weiter, und wir müssen uns bestmöglich auf die Situation vorbereiten. Das sind wir dem Verein, der Region, den Menschen und den Mitarbeitern schuldig. Wir haben im letzten Jahrzehnt sehr vieles aufgebaut und besitzen, wenn das Haus wie jetzt unerwartet zusammenbricht, ein gesundes Fundament.“
Die Fehleranalyse: „Die Erklärungen, die wir zu Wochenbeginn von Torsten Lieberknecht bekommen haben, teilen wir weitestgehend: Wir waren von Verletzungen der Leistungsträger gebeutelt, wodurch die notwendige Hierarchie in der Mannschaft fehlte. Dazu kam eine sehr starke Kopflastigkeit der Mannschaft, die das Umschalten von Auf- zu Abstiegskampf nach der verlorenen Relegation nicht verkraftet hat. Auch die vielen Unentschieden haben den Blick auf die Situation verstellt, so dass uns die dramatische Situation kalt erwischt hat. Auch die einvernehmlich vom Trainer gewünschten und vom sportlichen Leiter initiierten Verstärkungen in der Winterpause haben bis auf eine Ausnahme nicht zu den gewünschten Ergebnissen geführt.“
Die negative Entwicklung in den vergangenen Monaten: „Wir hatten den Ernst der Lage spätestens im Winter erkannt und als Aufsichtsrat sehr intensiv mit Trainer und Geschäftsführung kommuniziert. Das Auseinanderfallen der Mannschaft in den letzten drei Spielen war für uns nicht zu erwarten. Im Nachhinein haben wir überlegt, ob es Punkte gab, wo wir hätten reagieren können. Wir wissen nicht, was andere Entscheidungen zur Winterpause, nach dem Aue-Spiel oder zu anderen Zeitpunkten für Ergebnisse gebracht hätten.
Wir sind im Rahmen der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu der Entscheidung gekommen, keine Veränderungen vorzunehmen, weil wir davon überzeugt waren, dass wir die nötigen Punkte hätten erreichen können. Ob eine andere Entscheidung richtig gewesen wäre, ist hypothetisch. In den letzten Spielen sind wir in eine Abwärtsspirale geraten, hatten ähnliche Situationen mit dem Trainer aber gemeistert. Wir haben uns intensiv mit Mannschaftsrat und Spielern unterhalten und hatten zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass ein Graben zwischen Mannschaft und Trainer besteht oder er die Spieler nicht mehr erreicht.“
Das Ende der Zusammenarbeit mit Torsten Lieberknecht: „Da der Vertrag von Torsten für die 3. Liga keine Gültigkeit mehr besaß, haben wir uns entschieden, die Zusammenarbeit zu beenden. Dass es unter diesen Voraussetzungen passiert, ist bitter und tut allen besonders weh. Dennoch ist es für Eintracht im Sinne eines Neuanfangs wichtig und auch für Torsten ein Zeitpunkt, an dem das Aufladen der Akkus wichtig ist. Als vordringlichste Aufgabe müssen wir jetzt einen neuen Trainer präsentieren und einen Kader zusammenstellen.“
Soeren Oliver Voigt über die wirtschaftliche Situation nach dem Abstieg: „Nach 40 Millionen Euro Umsatz in der 2. Liga planen wir mit 14 Millionen Euro Umsatz in der 3. Liga. Dies kann sich in den kommenden Wochen noch ändern, da wir den einen oder anderen der noch unter Vertrag stehenden Spieler verkaufen werden. Wir versuchen, die Situation so gut zu gestalten, wie es geht und zeitnah auf die Sponsoren zugehen, deren Verträge teilweise ebenfalls nur für die 2. Liga gültig waren. Wir müssen eine der Situation angemessene Einnahmen-Ausgaben-Situation schaffen und wollen zusammen mit unseren Sponsoren eine Aufbruchsstimmung erzeugen. In solchen Niederschlägen gibt es häufig die Chance, sich neu zu entwickeln und sich teilweise auch neu zu erfinden.
Infrastruktur und Nachwuchs: „Der Abstieg ist kein Genickbruch, Eintracht Braunschweig wird weiter existieren. In den letzten Jahren ist viel entstanden, wie zum Beispiel unser mit drei Sternen zertifiziertes Nachwuchsleistungszentrum und andere infrastrukturelle Pluspunkte wie ein top ausgebautes Stadion, eine Geschäftsstelle und die Trainingsanlagen. Wir werden das alles fortführen und wollen auch mit der U17 und U19 wieder aufsteigen. Zudem soll es eine engere Verzahnung der nun zwangsabgestiegenen U23 und dem NLZ geben.“
Über Vereinsmitarbeiter und Fans: „Alle noch laufenden Verträge werden fortgeführt, so dass wir mit hoffentlich allen Mitarbeitern den nötigen Elan entwickeln, die Aufgabe anzunehmen, das Schiff wieder ins richtige Fahrwasser zu bringen.
Seit der Fanversammlung sind wir in die Umsetzung gegangen, die Nähe zu den Fans zurückzubringen, die in den letzten Jahren verloren gegangen ist. Wir stehen im Rahmen einer Arbeitsgruppe in enger Abstimmung mit dem Fanrat und haben in den letzten Monaten den Dialog auf neue Beine gestellt und neue Akteure aus der Fanszene mit einbezogen. Auch aufgrund der hervorragenden Arbeit unserer Fanbeauftragten und des Sicherheitsbeauftragten Bastian Böhm sind wir in den letzten Monaten sehr stark zusammengerückt und werden mit den Fans trotz des Abstiegs auf einer sehr guten Basis zusammenarbeiten.“
Marc Arnold über die weitere Personalplanung: „Die Mannschaft ist noch mal zusammengekommen und ich habe mich bei Torsten und seinem Trainerteam bedankt und verabschiedet. Die Mannschaft ist in den Urlaub entlassen, einige werden morgen noch einen Laktattest absolvieren. Wir werden jetzt Gespräche führen, um in den kommenden zwei Wochen einen neuen Trainer zu präsentieren, der nach einem gewissen Anforderungsprofil gesucht wird und die Nachwuchsarbeit wieder in den Vordergrund rücken will. Mit dem neuen Trainer soll die Kaderplanung so schnell wie möglich vorangetrieben werden, so dass zum Trainingsstart der Großteil der Kader stehen soll, auch wenn man beim einen oder anderen Transfer Geduld haben muss, um die notwendige Qualität zu finden, die uns in die Lage versetzt, eine sehr gute Drittligasaison zu spielen. Ich werden mit allen bisherigen Spielern sprechen, ob sie für die 3. Liga zur Verfügung stehen, auch wenn die endgültige Kaderplanung erst in Absprache mit dem neuen Trainer erfolgt. Außer Salim Khelifi hat bislang kein Spieler erklärt, den Verein zu verlassen.“
Die Kritik an seiner Person: „In vielen Bereichen wurden Fehler gemacht, auch ich nehme mich von der Kritik nicht aus, weil man zum Zeitpunkt der getroffenen Entscheidungen von diesen überzeugt ist. Sicherlich haben viele Transfers nicht wie gewünscht eingeschlagen, müssen aber auch in der Gesamtentwicklung der ganzen Mannschaft betrachtet werden.
Ich versuche, die Dinge professionell zu betrachten und Kritik zu registrieren und zu akzeptieren. Ich lasse sie aber nicht zu nah an mich herankommen, weil ich meiner Arbeit ansonsten nicht mehr so nachkommen könnte, wie der Anspruch an mich selbst ist.“
Über das Anforderungsprofil des neuen Trainers: „Wir brauchen einen Trainer, der die Zuschauer mitnimmt, aber auch eine gute Verbindung zwischen Profifußball und Nachwuchs repräsentiert. Wir wollen jemanden finden, der inhaltlich und menschlich zu uns passt.“
Der Abschied seines langjährigen Weggefährten Torsten Lieberknecht: „Man hat in den letzten Spielen gesehen, wie nah ihm die ganze Situation gegangen ist, weil er sich über all die Jahre zu einhundert Prozent mit dem Verein identifiziert hat. Wie für uns alle ist es auch für ihn sicherlich eine schwierige Phase. Er wird sicherlich alles zusammen mit seiner Familie aufarbeiten. Ich hoffe, dass er sich in den nächsten Wochen erholen wird, wie es danach für ihn weitergeht, darüber habe ich aber keine Informationen.
Sein Abschied von langjährigen Spielern wie Ken Reichel, Domi Kumbela oder Mirko Boland hat auch mich berührt. Torsten und ich haben immer gesagt, dass der Tag, an dem wir nicht mehr zusammenarbeiten werden, kein schöner wird. Unsere Freundschaft wird darunter aber nicht leiden.“
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