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„Zum Leben ja sagen können“

Der Epiphaniasempfang zum Thema Sterbehilfe, zu dem mehr als 150 Menschen in die Christuskirche gekommen waren, bot reichlich Gesprächsstoff (v.l:): Pfarrer Nikolaus Lorenz, die SPD-Bundespolitikerin Dr. Carola Reimann, Pfarrer Olaf Engelbrecht, Otto Schlieckmann (Vorsitzender des Kirchenvorstandes) und Pröpstin Uta Hirschler. Foto: Susanne Hübner

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Carola Reimann fordert Ausbau der Palliativ- und Hospizarbeit.

Von Marion Korth, 16. Januar 2015.

Braunschweig. Das war kein „Gute-Laune-Thema“, das sich „Die Brücke“, der Zusammenschluss der vier evangelischen Kirchengemeinden im Norden, für seinen Epiphaniasempfang zum Jahresbeginn ausgesucht hat, dafür war es brisant und hochaktuell. Es ging um Sterbehilfe.

Wie weit darf sie gehen, wie kann sie geregelt werden? Gemeinsam mit ihrem CDU-Kollegen Peter Hintze hat die SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Carola Reimann ein Positionspapier vorgelegt, über dessen Inhalt sie am Dienstagabend in der Christuskirche sprach. So weit wir in den Niederlanden oder Belgien, wo eine aktive Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen erlaubt ist, wolle von den Bundespolitikern, egal welcher Partei, niemand gehen. Eine gesetzliche Neuregelung soll aber den Weg öffnen, dass ein Arzt auf freiwilliger Basis einem sterbenskranken und leidenden Patienten auf dessen ausdrücklich erklärten Wunsch hin Medikamente zur Verfügung stellt, damit dieser seinem Leben selbst ein Ende setzen kann. Denkbar sind starke Schmerzmittel, die der Patient nach eigenem Ermessen überdosieren kann. Reimann: „Wichtig ist uns die eigene Entscheidung.“
Die Hilfestellung zum Selbstmord ist straffrei, doch einige Ärztekammern in Deutschland untersagen jede Form der Hilfestellung zur selbstvollzogenen Lebensbeendigung ihrer Patienten. Diesen Widerspruch aufzulösen, sei wichtig, um Rechtssicherheit und die Grundlage für ein offenes Gespräch zwischen Arzt und Patienten zu schaffen, sagte Reimann. Und sie ist wichtig, um schwer kranke Menschen nicht kommerziell arbeitenden Sterbehilfevereinen oder einem Sterbehilfetourismus zu überlassen.
Die SPD-Politikerin wünscht sich zivilrechtliche Regelungen im Bürgerlichen Gesetzbuch, in denen auch die Regelungen zur Patientenverfügung festgeschrieben sind. „Suizid ist nicht der beste Weg und auch keine einfache Lösung“, betonte Reimann. Deshalb fordert sie die Fortentwicklung der Hospiz- und der Palliativarbeit, „damit sterbenskranke Menschen ja zum Leben sagen können“. Die Beratung der Patienten über alle in Frage kommenden Möglichkeiten der Palliativversorgung und deren Ausschöpfung stehen daher an erster Stelle.
Reimann hatte anfangs klargemacht, dass es in der Debatte nicht nur um rechtliche, sondern mindestens ebenso um ethische und moralische Fragen geht. „Ich finde es gut, dass wir dieses Thema jetzt diskutieren und wir nehmen uns im Bundestag viel Zeit dafür.“
Die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende nutzte die Zuhörerfragen, um eindringlich für die Patientenverfügung zu werben. In dem Fall, dass der Patient seinen Willen nicht mehr äußern kann (zum Beispiel nach einem Unfall oder Schlaganfall), gibt sie Angehörigen und Ärzten mehr Sicherheit, welche Behandlungen gewollt sind und welche nicht.

DISKUSSIONSVERANSTALTUNG

Die SPD-Bundestagsfraktion, deren stellvertretende Vorsitzende Dr. Carola Reimann ist, lädt zu einer Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „Hilfe im Sterben – Hilfe zum Sterben – Zum Umgang mit der Sterbehilfe“ ein. Die Veranstaltung findet am Donnerstag (22. Januar) ab 18 Uhr im Vortragssaal der Stadthalle Braunschweig statt.


Blick in die Niederlande

Die Niederlande hatten 2001 als erstes Land der Welt ein Sterbehilfegesetz verabschiedet. Hier sind Sterbehilfe und ärztliche Hilfe bei der Selbsttötung nicht strafbar, wenn ein Patient aussichtslos krank ist, unerträglich leidet und nachdrücklich um Sterbehilfe bittet. Nach dem Jahresbericht der regionalen Prüfungskommission für Sterbehilfe beendeten 2013 4829 Menschen auf eigenen Wunsch ihr Leben; das ist ein Anstieg von rund 15 Prozent im Vergleich zu 2012. Darunter waren fast 100 Demenzkranke in einem frühen Stadium der Krankheit und rechtlich einwilligungsfähig.


Drei Fragen an ...

Pröpstin Uta Hirschler:

? Was wiegt für Sie schwerer: die Achtung vor dem Leben oder der Wunsch eines Sterbenskranken, unerträgliche Leiden abzukürzen?

! Ich möchte den sterbenskranken Lebenden ansehen und fragen: Was macht sein Leiden unerträglich? Und was lindert diese Unerträglichkeit?
Nicht selten habe ich erlebt, dass Menschen am meisten und tatsächlich unerträglich darunter leiden, in ihrer nicht endenden Unselbstständigkeit dieser Welt keinen Nutzen mehr bringen zu können und sich selbst als Last zu fühlen. Dann erscheint als Linderung, den eigenen Tod herbeizuführen. Das verstehe ich und betrauere, wenn sich kein anderer Weg finden lässt. Aber ich sehe auch, welches Leid dieser Weg Angehörigen bereiten kann. Sprachlich reden wir die Fakten schön, wenn wir dann von Sterbehilfe und nicht mehr von Selbstmord sprechen.

? Gibt es einen Satz in der Bibel, den Sie in diesem Zusammenhang bedenkenswert finden?

! „Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, so bist du auch da.“ Psalm 139, 8

? Welche Chance oder welche Gefahr sehen Sie in der Debatte über das Thema Sterbehilfe?

! „Nicht durch die Hand eines anderen sollen die Menschen sterben, sondern an der Hand eines anderen!“ Das sagte der frühere Bundespräsident Horst Köhler. Ich sehe in der Debatte über das Thema Sterbehilfe die Chance, die Palliativmedizin zu stärken und Menschen so zu begleiten, dass sie versöhnt mit sich selbst sterben können. mak

„Der Arzt hilft mir im Sterben, aber er tötet mich nicht“

Präsidentin der Ärztekammer lehnt Hilfe zum Selbstmord ab

Von Marion Korth, 16. Januar 2015.

Hannover. „In Belgien können jetzt sogar Kinder um Tötungshilfe bitten“, sagt Dr. Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen. Für sie eine schreckliche Vorstellung. Der Patient in Deutschland darf auf etwas anderes vertrauen: „Der Arzt hilft mir im Sterben, aber er tötet mich nicht.“ Auch nicht indirekt, indem er dem Patienten ein Medikament für einen selbstvollzogenen Selbstmord überlässt.

Wenker ist überzeugt: „Der Patient möchte doch keine Zyankalikapsel. Er möchte Sauerstoff, er möchte sediert werden, er braucht ein neues Schmerzmittel.“ Den Patienten mit einem tödlich wirkenden Mittel allein zu lassen, das wäre in ihrer Berufsauffassung zutiefst „unärztlich“.
Die Beihilfe zum Selbstmord ist straffrei, das Berufsrecht der Ärzteschaft sieht sie dennoch nicht vor. In den Regeln zur Berufsausübung verpflichtet sich jeder Arzt unter anderem, „… Leiden zu lindern und Sterbenden Beistand zu leisten“. Das gelte in ganz Deutschland. Darüber hinausgehend hätten 10 von insgesamt 17 Ärztekammern die Aussagen zum Beistand für Sterbende in ihrem Berufsrecht noch verstärkt. In Niedersachsen heißt es: „Ärzte haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Es ist ihnen verboten, Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“ Ein Verstoß habe nicht automatisch den Verlust der ärztlichen Zulassung zur Folge, wohl aber die Rechtfertigung vor einem ärztlichen Standesgericht. Wenker: „Wir halten diesen Rechtfertigungsdruck für nötig.“
Die Präsidentin der Ärztekammer begrüßt die Debatte über die Sterbehilfe und verbindet sie mit der Forderung nach einer flächendeckenden Altenpflege, Hospiz- und Palliativarbeit. „Die Gesellschaft hat die Geduld mit dem Sterben und den Sterbenden verloren“, sagt Wenker. So habe eine Krankenkasse die palliativmedizinische Versorgung einer Patientin nach vier Wochen streichen wollen, weil sie immer noch lebte.
Die Präsidentin der Ärztekammer rät jedem, rechtzeitig eine Patientenverfügung auszufüllen, um einen Sterbeprozess verkürzen zu können, indem beispielsweise keine Antibiotika oder Blutkonserven mehr gegeben würden. Schmerzen, Angst, Einsamkeit: Es liege in der ärztlichen Verantwortung herauszubekommen, an welchem Punkt im Sterbeprozess der Patient steht und ihn zu begleiten, betont Wenker.
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