Anzeige

Zivildienst vor dem Wechsel

Paritätischer: Wenig Zeit für die Umsetzung.

Von Annette Heinze, 21.11.2010.

Braunschweig. „Essen auf Rädern“, Begleitdienst für Behinderte, Altenpflege – rund 90 000 Stellen für Zivildienstleistende gibt es bundesweit. Sie fallen weg.

Nach dem Willen der Bundesregierung werden Wehr- und Zivildienst ab Mitte nächsten Jahres komplett ausgesetzt. „Dafür wird es einen neuen Freiwilligendienst geben“, erklärte jetzt Florian Bernschneider, Braunschweiger FDP-Bundestagsabgeordneter. Für die Wohlfahrtsverbände werde der Wechsel ohne großen bürokratischen Aufwand vor sich gehen, versicherte Bernschneider im Pressegespräch.
Eine Position, die beispielsweise der Paritätische Wohlfahrtsverband in Niedersachsen nicht teilt: „Wir sehen das nicht ganz so optimistisch“, sagt Cornelia Rundt vom Vorstand des Wohlfahrtsverbandes auf Anfrage der nB. Die Zeit zur Umsetzung der neuen Strukturen sei jetzt sehr kurz.

Die Lücke, die der Zivildienst hinterlässt, soll der „Bundesfreiwilligendienst“ schließen. Eckpunkte hat Bundesfamilienministerin Kristina Schröder vorgestellt. Das neue Angebot steht Männern und Frauen aller Altersgruppen offen. Außerdem gibt es mehr Geld, der FDP-Bundestagsabgeordnete Florian Bernschneider rechnet mit 200 bis 300 Euro als „Taschengeld“. Auch die Förderung der Weiterbildung werde verbessert: Der Bund zahle künftig bis zu 250 Euro Zuschuss, bisher gab es für Zivildienstleistende 72 Euro.
Für die Wohlfahrtsverbände werde der Wechsel im Juli ohne großen bürokratischen Aufwand vor sich gehen, meint Bernschneider. Die Träger blieben die gleichen: „Wer jetzt die Voraussetzungen für den Zivildienst erfüllt, wird sie auch für den Freiwilligendienst erfüllen.“
Der politische Entscheidungsprozess habe lange gedauert, die Zeit zur Umsetzung sei kurz, sagt dagegen Cornelia Rundt, Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Niedersachsen. Der Bundesfreiwilligendienst müsse auf einer neuen Rechtsgrundlage gegründet werden. Der Zivildienst habe auf dem Dienstrecht der Bundeswehr basiert.
„Wir müssen künftig deutlich stärker werben“, sagt Cornelia Rundt. Der Paritätische hält zurzeit in Niedersachsen 1156 Zivildienststellen. Sie sei aber „guten Mutes“, auch künftig genügend Bewerbungen zu erhalten. Die Perspektive sei 2011 wegen des Doppel-Abiturjahres gut, die Motivation zur Freiwilligkeit hoch.
„Am realen Leben vorbei“ geplant sei aber der Zugang des Freiwilligendienstes für alle Altersklassen: Dass ein 40-jähriger Banker plötzlich freiwillig Essen ausfahren wolle, glaube sie nicht, sagte Rundt. Ruheständler engagierten sich zwar gerne ehrenamtlich, in der Regel aber weniger verbindlich.
Der Schwerpunkt der Bewerber werde bei jungen Menschen, besonders bei Frauen liegen. Diese absolvierten bisher überwiegend das Freiwillige Soziale Jahr. Männer gingen dem Bereich wohl verloren. Viele hätten die Arbeit als Zivildienstleistende „zwangsweise“ erfüllt, dann Gefallen an der Arbeit gefunden und eine Ausbildung gemacht.
Dass Engpässe in sozialen Bereichen, wie der Kranken- und Altenpflege entstehen, glaubt auch Florian Bernschneider nicht. Mehr als ein Viertel der Zivildienstleistenden habe im gärtnerischen oder hausmeisterlichen Bereich gearbeitet. Diese Stellen seien verzichtbar.

Fakten: Rund 90 000 Zivildienststellen gibt es bundesweit. Der Bund förderte jährlich weitere 26 000 Stellen für Freiwillige. 9000 Stellen finanzierten die Wohlfahrtsverbände zusätzlich selbst. Das ergab insgesamt mehr als 100 000 Plätze bundesweit. Der neue Bundesfreiwilligendienst soll ab Juli 2011 35 000 Stellen fördern, damit dürften tausende von Stellen wegfallen.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.