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Zielorientiert, schnell und manchmal stur

Zwischenbilanz: Die neue Braunschweiger sprach mit Oberbürgermeister Dr. Gert Hoffmann über Arbeit, Klima und Lockrufe aus der Wirtschaft

Von Ingeborg Obi-Preuß

Braunschweig. „Das Fundament ist gelegt.“ Fast sieben Jahre Oberbürgermeister von Braunschweig, davon gut anderthalb Jahre in der zweiten Amtszeit. Für die nB zieht Dr. Gert Hoffmann eine Zwischenbilanz. Fazit: Die Reizthemen sind vom Tisch, aber andere wichtige Aufgaben müssen erfüllt werden. Und alles möglichst „Zack, zack!“

„Ganz oben auf meiner Liste steht das Thema Kinderbetreuung“, sagt der Oberbürgermeister. „Schule, Ganztagsbetreuung, Ausbau der Horte“, nennt er Stichworte zu einem Gesamtpaket, das „unglaubliche, finanzielle Anstrengungen“ erfordere. „Nach wie vor kreisen deshalb meine Gedanken vor allem ums Geld“, macht er deutlich.
Das hat sich – im Vergleich zur ersten Amtszeit – also kaum verändert. Denn mit seinem durchaus umstrittenen „Sparpaket“ setzte er das Wahlkampf-Versprechen zur Haushaltskonsolidierung zielstrebig um. „20 Prozent Minus für alles und jeden“ hieß und heißt die Parole, dazu Privatisierung und Verkauf städtischer Unternehmen wie der Braunschweiger Versorgungs-AG. Bundesweit erregte dieser Kurs Aufsehen, die meisten Schlagzeilen waren voller Anerkennung, vor Ort gab es auch heftigen Widerstand. Gert Hoffmann ließ sich nicht beirren, 2005 legte er einen positiven Haushaltsabschluss vor.
Eine gewisse Sturheit ist dem 62-Jährigen eigen, Streit kann er gut aushalten. Everybody's Darling ist der geborene Berliner noch nie gewesen. An ihm scheiden sich die Geister. „Ich bin streng“, sagt er, „ich erwarte viel.“ Schwächere Naturen könnten unter seinem Führungsstil durchaus leiden, das ist ihm klar, aber nicht wirklich sein Problem. „Wem die Freizeit prinzipiell wichtiger ist als der Job, gehört zumindest nicht in meinen engsten Mitarbeiterkreis“, macht er seine Anforderungen deutlich.
Dieser engste Kreis ist mit ihm vertraut, hier achtet er auf ein gutes Betriebsklima. Auf viele andere Befindlichkeiten kann er sich „zum Glück ganz gut draufsetzen. Ich habe viel zu viel zu tun, um mir Gedanken darüber zu machen, wer was über mich denkt“, sagt Hoffmann.
Der Mann hat keine Zeit zu verplempern, er drückt aufs Tempo. „Zack, zack!“ heißt die stehende Redewendung, die ihn durch seine berufliche Laufbahn begleitet. „Durchpeitschen“ nennen seine politischen Gegner diesen Stil.
Auf jeden Fall Eigenschaften, die in vielen Unternehmen mächtig angesehen sind. Und so hatten ihn auch die zahlreichen „Lockrufe aus der Wirtschaft“ ernsthaft vor der Übernahme einer zweiten Amtszeit als Oberbürgermeister zögern lassen. „Am Ende meiner beruflichen Laufbahn noch einmal richtig dickes Geld zu verdienen, das war schon eine sehr verlockende Aussicht“, gibt er zu.
Und doch ist er geblieben. Warum? „Ich wollte es rund machen“, sagt der Jurist, „es macht ungeheuer viel Freude, etwas fertig machen zu können. Auch und gerade in der Politik.“ Dazu kommt eine gefühlte Verpflichtung seiner Partei, der CDU, gegenüber, die so schnell keinen neuen Kandidaten hätte aufbauen können, und nicht zuletzt wollte er der politischen Opposition nicht in die Hände spielen. „Besonders die Schlossgegner hätten mir nachgesagt, ich würde weggehen und ein politisches Desaster hinterlassen.“
Ratschläge hat er in dieser Frage nur von seiner Familie angenommen, „denn das sind die einzigen, die keine eigenen Interessen dabei haben“, erklärt der Politiker. Die Meinung von Ehefrau Doris und den erwachsenen Kinder Silke (30) und Carsten (33) war einstimmig: weitermachen. 58 Prozent im ersten Wahlgang für Dr. Gert Hoffmann. Ein klares Ergebnis. „Das zeigt mir, dass die Braunschweiger den eingeschlagenen Weg mit mir weitergehen wollen“, sagt der Oberbürgermeister.
Etwas ruhiger als in der ersten Amtszeit sei das Tagesgeschäft jetzt schon, „allerdings immer wieder mit Ausreißern nach oben“, spricht er von langen Tagen bis in die Nacht und kurzen Wochenenden. Immerhin, ein Abend am Wochenende ist frei. Den verbringt er zu Haus mit seiner Frau. Komme, was wolle (jedenfalls fast). Das ist neu, das „leistet“ er sich. „Ich brauche diese Zeit“, sagt Hoffmann, „ich brauche einen Abend in der Woche zur Entspannung.“
Das heißt dann im Idealfall ein nettes Abendbrot, klassische Musik, ein Buch – und Ruhe. Fernsehen? „Fast nie“, sagt er, „manchmal zappen meine Frau und ich nachts in einen alten Edgar-Wallace-Film und bleiben hängen.“ Die Ausnahme. Gut frühstücken am Sonntag ist noch ein Luxus, den Gert Hoffmann liebt, manchmal bleibt Zeit zum Golfen, noch seltener für eine Runde Tennis.
Und da der Sport relativ kurz kommt, achtet der Mann auf Kalorien. „Ich esse ja sehr häufig auswärts, werde eingeladen, da locken leckere Buffets, tolle Restaurants. Und ich bin gefährdet“, gibt er zu, „besonders beim Nachtisch.“
Aber Gert Hoffmann verbindet zwei Eigenschaften, die seiner Figur zugute kommen: Er ist relativ eitel und relativ sparsam. „Ich will keinen Bauch haben“, sagt er, „und wenn ich mir einen neuen Smoking kaufen müsste, weil ich zu dick geworden bin, würde ich mich schwarzärgern.“
Also ist an „normalen“ Tagen im Rathaus Schmalhans der Küchenmeister: Magerquark zum Frühstück, Mittags einen Salat mit Fisch oder Huhn, „und ansonsten lebe ich wie ein Kamel von seinen Höckern.“
Alkohol kommt ebenfalls nur selten ins Glas. Alles auch Tribute an das Alter. „Ich merke schon, dass ich mit 62 Jahren nicht mehr die gleiche Kraft habe wie vor zehn oder zwanzig Jahren“, sagt er. „Ich passe besser auf mich auf, gönne mir ab und zu eine Mittagspause und habe das Privileg, dass ich morgens meistens erst um neun Uhr meinen Arbeitstag beginne.“
Gert Hoffmann wirkt zufrieden. Stimmig. Ein „alter Hase“ im Geschäft, dem so leicht keiner mehr etwas vormacht. Ein guter Menschenkenner, der sein Gegenüber geradezu erspürt. Was er gar nicht mag, sind Menschen, die ihn drängen oder für ihre Zwecke benutzen wollen. „Das wittere ich sofort“, sagt er, „ da kann ich richtig böse werden.“
Ein bis zwei neue Freunde hat er in seiner Zeit als Oberbürgermeister gefunden, Freundschaften, „die auch über meinen Job hinaustragen.“
Dabei sind ihm gute Mitarbeiter fast wichtiger, denn er hat noch viel vor. In die erste Reihe schickt er inzwischen immer häufiger seine Dezernenten, der Oberbürgermeister zieht lieber die politischen Fäden.
Meistens geht es dabei ums Geld. „Ich sehe schwarze Wolken aufziehen“, sagt er mit Blick auf die steigenden Energiepreise. Er zwingt weiterhin zum Sparen. Auch bei seinen anderen Plänen macht er Druck: Neben dem Thema Kinderbetreuung liegt ihm der Bohlweg am Herzen. Der jetzt gestartete Gestaltungswettbewerb sei enorm wichtig. „Ich kenne keine andere westdeutsche Stadt, in der noch so deutlich Kriegsschäden zu sehen sind wie am Bohlweg“, sagt er und spricht von den Baulücken. „Die Neugestaltung vom Hagenmarkt bis zum Kennedyplatz müssen wir unbedingt hinkriegen.“
Und dann ist da noch das „ewige“ Thema Eintracht-Stadion. Der Ausbau ist beschlossen, die Namensrechte verkauft, aber immer wieder melden sich Fans zu Wort und fordern einen Neubau, weil ein Fußballstadion mit einer Aschenbahn heute nicht mehr passend sei. „Alles Quatsch“ bescheinigt der Oberbürgermeister diesen Menschen in seiner bekannt deutlichen Art. „Wer je bei Eintracht war, weiß, wie die Stimmung ist, wenn die Mannschaft siegt. Hat da jemals die Bahn gestört? Nein! Wer je in Berlin beim Fußball war, hat da je die Bahn gestört? Nein!“. Und auch im Münchener Olympiastadion habe er reine „Hexenkesselspiele“ erlebt, und niemand habe sich an der Bahn gestört.
„Wir brauchen keinen Fußballtempel“, macht er klar, „wir brauchen den Ausbau und müssen die Nordkurve schließen.“ Und dann müsse nur Eintracht noch das Tor treffen. „Und alles ist super.“
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