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„Wir kämpfen trotzdem weiter“

DGB-Regionsvorsitzender über den Kampf gegen Windmühlen und die Hoffnung auf Zukunft.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 29.04.2012.


Braunschweig. Zwischen Party und Gewerkschaftsdemo: Der 1. Mai ist gesetzlicher Feiertag und wird unterschiedlich genutzt. Nach wie vor treffen sich Menschen auch zu politischen Kundgebungen: In Braunschweig ab 10.30 Uhr auf dem Burgplatz.

„Ja, manchmal ist es schon wie ein Kampf gegen Windmühlen, aber wir kämpfen trotzdem weiter“, sagt Michael Kleber, DGB-Regionalvorsitzender in Braunschweig. „Gute Arbeit für Europa, gerechte Löhne, soziale Sicherheit“ – unter diesem Motto stehen am 1. Mai die Kundgebungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).
Gefordert wird vor allem „gute Arbeit“. Dazu gehört in erster Linie gerechter Lohn, erklärt der Gewerkschafter, daneben aber noch viel mehr: Arbeitszeitmodelle, mit denen sich Beruf und Familie vereinbaren lassen und – ganz wichtig – ein Klima, das Mitarbeiter motiviert. „Wertschätzung“ heißt das Zauberwort, das Kleber vor allem in Mittel- und Kleinbetrieben immer wieder vermisst. „Wir haben festgestellt: Je stärker die Mitbestimmung in einem Betrieb ausgeprägt ist, desto besser läuft es für alle.“
Volkswagen, Siemens, Salzgitter-Stahl seien nur einige Beispielbetriebe aus der Region, deren Erfolgsbilanz ganz eindeutig auch und gerade starken Personal- und Betriebsräten zu verdanken sei. Dieses Wissen um den Zusammenhang zwischen Unternehmer- und Arbeitnehmerinteressen sei in bestimmten Bereichen und kleineren Betrieben häufig noch nicht angekommen. „In den Gesundheits- und Pflegeberufen und vor allem im Handel ist noch viel Nachholbedarf“, sagt Kleber. Hier gehe es vor allem um vernünftige Löhne und Arbeitszeitmodelle.
Aber auch im Osten habe die Gewerkschaft noch ordentlich aufzuholen. Kleber, der seit zwei Jahren DGB-Regionsvorsitzender ist, kommt ursprünglich aus Dessau und hat gleich nach der Wende einen Betriebsrat mitgegründet. Der Diplomingenieur übernahm schon bald den DGB-Regionsvorsitz Dessau-Wörlitz.
„In dem Bereich, für den ich heute zuständig bin – Wolfsburg, Braunschweig, Salzgitter, Gifhorn, Helmstedt, Wolfenbüttel und Peine – sind rund 180 000 Menschen gewerkschaftlich organisiert“, erklärt Kleber, „das sind mehr, als in ganz Sachsen-Anhalt“, macht er deutlich.
„In der DDR waren die Menschen zu 95 Prozent organisiert“, blickt Kleber zurück, „eine Zwangsmitgliedschaft, die noch immer nachwirkt“, erklärt er den niedrigen Organisationsgrad in weiten Teilen Ostdeutschlands.
Aber Kleber ist zuversichtlich, dass sich das wieder ändert. „Meine ostdeutschen Mitbürger sind ja damals mit wehenden Fahnen zum Kapitalismus gelaufen“, sagt Kleber, „heute aber spürten viele die Schattenseiten.“ Im Westen hätten die Menschen schon seit den 50er Jahren schmerzhaft gelernt, dass der Markt nicht automatisch auch gut für die Menschen sorge. Ohne die Kämpfe der Arbeitnehmer wäre die heutige Tariflandschaft nicht denkbar.
Dazu komme eine generelle Kapitalismuskritik, die Frage nach der Gesellschaft der Zukunft werde immer lauter gestellt. „Noch vor fünf Jahren wusste kein Mensch, wie man das Wort Ratingagentur überhaupt schreibt“, sagt Kleber und spricht von einem schädlichen Finanzkapitalismus, durch den Staaten erpresst würden, sich Kommunen hoffnungslos verschuldeten.
Zur Diskussion über all diese Themen lädt der DGB ein: Nach der Kundgebung am 1. Mai und der Rede von Helga Schwitzer vom IG-Metall-Vorstand geht es in einem Demonstrationszug zum Gelände des ehemaligen FBZ. Dort gibt es Bratwurst, Musik, Getränke – und Gespräche.
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