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Wenn Schule zum Tatort wird

Grenze zur Gewalt unter Schülern ist fließend

Von Martina Jurk, 24.02.2010

Braunschweig. Der Gang zur Schule ist für manche Kinder eine Tortur. Nicht der Unterricht macht ihnen Angst, sondern die Pause oder der Heimweg.

Sticheln, anmotzen, beleidigen, schubsen – für viele Schüler ist das Alltag. Auf beiden Seiten. Da sind zum einen die „Angreifer“, zum anderen diejenigen, die sich das gefallen lassen. Doch die Grenze zur Gewalt ist fließend. „Einwirkung auf andere Menschen ist ein Haftgrund, auch für Kinder und Jugendliche“, sagt Gabriele Butte, Jugendbeauftragte bei der Braunschweiger Polizei. Angst und Ohnmacht sowohl der Kinder als auch der Eltern seien schlechte Berater. Gabriele Butte entwickelte das „Planspiel Gewalt“ für Fünft- und Sechstklässler. Mehr als 500 Schüler haben bislang daran teilgenommen.

„Wir finden keine Ruhe mehr“, sind Elke und Torsten Weimer verzweifelt. Ihr zwölfjähriger Sohn wird von Mitschülern drangsaliert. Tim (Namen von der Redaktion geändert) traut sich nicht mehr allein auf die Straße.Seit diesem Schuljahr besucht Tim eine Braunschweiger Förderschule. Dort werde er seitdem gehänselt von vier Mädchen aus seiner Klasse und zwei 16-jährigen Jungen. Nach der Schule gehe es weiter im Wohngebiet, beschreibt Mutter Elke die Situation. Im September vergangenen Jahres habe sie Anzeige erstattet und die „Bande“ zur Rede gestellt mit dem Ergebnis, dass der Sechstklässler erst recht bedroht, getreten und geschlagen wurde. „Irgendjemand fand Tim und brachte ihn ins Krankenhaus“, ist die Mutter aufgebracht. Daraufhin habe sie sich nicht getraut, den Fall erneut bei der Polizei anzuzeigen.
Anlass für die ganze Geschichte sei Tims Frisur gewesen. Sich einer vermeintlichen gesellschaftlichen oder modischen Norm anzupassen, lehnen die Eltern des Zwölfjährigen ab. Schließlich entschieden sie sich doch schweren Herzens, dass Tim sich von seinem Zopf trennt. „Wir hatten Angst, wie weit die Bande noch gehen würde“, meint Elke Weimer. Auch von der Schule und Tims Lehrern habe sie keine Unterstützung erhalten, behauptet sie. Im Gegenteil: „Die Lehrer haben Tim verbal fertig gemacht. Er solle sich entscheiden, ob er ein Mädchen oder ein Junge sein wolle.“ Elke Weimer ging zum Jugendamt, untersagte diesem dann aber später, sich an Tims Schule zu wenden. Auch dafür war wohl Angst das Motiv. „Offen darüber reden in dem Kreis, den es betrifft. In die Klasse gehen, das Thema eröffnen, transparent machen“, rät Martin Albinus vom Jugendamt. Wie die Schule mit solchen Situationen umgehe, sei ein entscheidender Faktor. Die Schulleiterin räumt ein, dass es Probleme gibt, „im üblichen Rahmen“. In jedem Fall würde die Schule das regeln, auch Gewaltprävention gehöre zum Unterricht. Wer allerdings provoziere, könne auch mal den Kürzeren ziehen, so die Schulleiterin, die anonym bleiben will.
„Bei Gewalt gegenüber anderen verfügen die Schulen über eine Reihe von Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen, wie zum Beispiel Ausschluss vom Unterricht oder Versetzung an eine andere Schule“, sagt Walter-Johannes Herrmann von der Landesschulbehörde. Fortbildung an den Schulen, Klassenräte und Streitschlichter seien Hilfsangebote, die genutzt werden könnten. Die Schulen würden pädagogische Konzepte erstellen, die Gewaltprävention in allen Facetten zum Thema machen.
Für Familie Weimer ist das alles nur Gerede, die Realität sehe für sie anders aus. Vater Torsten bringt Tim morgens zur Schule, seine Mutter holt ihn wieder ab. Den letzten Ausweg sehen sie in der Flucht aus Braunschweig. Sie hoffen, dass damit die Probleme verschwinden.
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