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Wenn das Einkommen nicht zum Leben reicht

Großangelegte Studie in der Region: Ergebnis könnte überraschen

Von Martina Jurk

Braunschweig. Es könnte eine Überraschung werden: Menschen aus der Mittelschicht fallen unter die Armutsgrenze. Das Diakonische Werk Braunschweig hat dazu eine Befragung von Familien mit geringem Einkommen in Auftrag gegeben.

„Möglicherweise müssen wir unser Bild von den Menschen neu überdenken“, sagt Uwe Söhl vom Diakonischen Werk. Selbst Vollbeschäftigte mit geringem Einkommen seien zusätzlich auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen, um über die Runden zu kommen. Wie vor allem Alleinerziehenden und Familien mit Kindern in Zukunft besser geholfen werden kann, ihren Alltag angemessen zu bewältigen, ist der Sinn einer Befragung in der Region. Damit beauftragt wurde die Gesellschaft für Organisation und Entscheidung. Mehr als 12 000 Informationsblätter wurden bereits verteilt. Die Teilnahme an den Interviews ist freiwillig und kostenlos.
Im Frühjahr 2010, dem europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung, werden Handlungsempfehlungen herausgegeben, die zu einer öffentlichen Diskussion anregen sollen.

Wie versuchen Alleinerziehende und Familien, mit dem wenigen Geld auszukommen, was tun sie, wenn es nicht reicht? Auf diese und andere Fragen sucht die Sozialstudie Antworten, damit den Betroffenen am Ende besser geholfen werden kann. Mit der Befragung hat das Diakonische Werk die Bielefelder Gesellschaft für Organisation und Entscheidung (GOE) beauftragt. Informationsblätter wurden und werden überall dort verteilt, wo einkommensschwache Familien vermutet werden, also in Beratungsstellen, Argen, Wohngeldstellen, Tafeln, im städtischen Fachbereich Gesundheit und Soziales, in Stadtteiltreffs, aber auch in Schulen und Kindertagesstätten. Mit Hilfe einer Antwortkarte, per E-Mail, SMS oder einem kostenlosem Telefonat können sich Familien bereiterklären, an der freiwilligen Befragung teilzunehmen. Das Interview dauert zirka 75 Minuten. Unter allen teilnehmenden Haushalten werden 15 Gewinne von je 175 Euro verlost. 45 geschulte Interviewer, darunter Studenten der Sozialpädagogik, aber auch Freiwillige Mitarbeiter von Stadtteiltreffs oder dem Verein Alleinerziehender Mütter und Väter, führen bis Ende Oktober zirka 2000 Befragungen durch.
„Bereits zwei Tage nachdem die ersten Infoblätter verteilt wurden, kamen schon die ersten Rückmeldungen“, sagt Andreas Kämper von der GOE. Fühlten sich die Menschen angesprochen, hätten sie auch das Bedürfnis, darüber zu reden, quasi ihr Herz auszuschütten. „Wir bekommen das ganze Leben präsentiert“, weiß Kämper. Die Gesellschaft, die es seit 1992 gibt, verfüge über ausreichend Erfahrungen mit Studien dieser Art aus den Bereichen Wohnungswirtschaft, Stadtentwicklung, Soziales und Integration. „Nach Auswertung der Daten liefern wir Entscheidungsgrundlagen“, erklärt Andreas Kämper.
„Wir halten es für notwendig, mehr über die soziale Situation in der Region Bescheid zu wissen“, betont Uwe Söhl vom Diakonischen Werk. Nach Auswertung der Befragungen sollen Handlungsempfehlungen für die Region und die einzelnen Gemeinden als Broschüre herausgegeben werden. Mit den Akteuren, also den Sozialarbeitern vor Ort, würden sie dann besprochen. Beteiligt an dem Projekt sind die Städte Braunschweig und Salzgitter sowie die Landkreise Goslar, Wolfenbüttel und Helmstedt. „Ohne die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz wäre das nicht möglich“, sagt Uwe Söhl. Die Stiftung finanziert maßgeblich die Befragung, weil sie auch soziale Projekte unterstützt. Stiftungsdirektor Tobias Henkel vermutet, dass die Ergebnisse der Befragung „einige Dinge umwälzen werden.“ Eine andere, bessere und zielgerichtetere Förderung sozialer Projekte könnte auch für die Stiftung von Bedeutung sein.
Was erwartet die Interviewteilnehmer, was wird gefragt? Andreas Kämper nennt die Schwerpunkte wie Angaben zu den Personen, Ausbildung, Schulabschluss, Wohnen, Wohngebiet, Infrastruktur, Wirtschaften, Ernährung, Betreuung von Kindern, Freizeit, soziales Netz, Alltagsprobleme, Gesundheit, Erwerbstätigkeit beziehungsweise Erwerbslosigkeit, Einkommen, Aktivitäten bei Erwerbslosigkeit und Alltagsbewältigung, subjektive Einschätzung der Situation. „Wir wollen wissen, wie die Menschen mit geringem Einkommen mit dieser Situation zurecht kommen, wie sie an wichtige Informationen gelangen und an wen sie sich wenden, um ihre Lage zu verbessern“, meint Uwe Söhl. Es gebe beispielsweise viele Menschen, die keinen Antrag auf Mittel aus dem Schulkostenfonds gestellt hätten. „Wir wollen die Gründe herausfinden, damit die Kommunen und Wohlfahrtspfleger reagieren und es eventuell anders machen können.“
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