Anzeige

Weniger Stress, mehr Zeit

Land tritt bei „Turbo-Abi“ auf die Bremse.

Von Marion Korth, 22.02.2014.

Braunschweig. Hinter dem „Wie“ steht noch ein Fragezeichen, aber Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) will offenbar zum Abitur nach 13 Schuljahren zurückkommen.

Weg vom „Dauerstress“, das soll das Ziel sein. Nach der Einführung der verkürzten Schulzeit (G 8) hatte es Klagen gegeben: Der Unterrichtsstoff werde zu schnell durchgenommen, die Zeit zum Lernen sei zu knapp, Freizeitaktivitäten und ehrenamtliches Engagement kämen zu kurz. Für die Gesamtschulen war die Rückkehr zu 13 Schuljahren bis zum Abitur gleich beschlossene Sache, für eine Rückkehr zum alten System auch an Gymnasien (voraussichtlich ab Sommer 2015) hatte die Kultusministerin sich mehr Zeit nehmen wollen. Jetzt ist es so weit, am Montag soll eine Expertenkommission nähere Vorschläge zu den Einzelheiten machen. Der Stadtelternrat Braunschweig begrüßt den Vorstoß generell. „Die Schüler sollen die Zeit zum Lernen bekommen, die sie brauchen“, sagt Vorsitzende Petra Mellen. Diese Haltung würde die große Mehrheit der Eltern mit Kindern an Gymnasien vertreten. Trotzdem gibt es ein „Aber“: „Wir haben Befürchtungen, was die Umstellung angeht“, sagt Mellen.
Die Stadtelternratsvorsitzende Petra Mellen ist selbst Mutter, die Umstellung auf die verkürzte Schulzeit bis zum Abitur hatte auch ihre Schattenseiten. Das habe schon damit begonnen, dass zunächst keine verlässlichen und einheitlichen Schulbücher vorlagen, die dem gestrafften Unterrichtsstoff angepasst waren. Mehrere Schulbuchausgaben lagen parallel vor, etliche mit Fehlern. Letztendlich hätte man auch die Lehrer schwimmen lassen, die zusehen mussten, wie sie mit dem gekürzten Schulstoff und dessen Vermittlung klarkommen.
Der Vorstand des Stadtelternrates hofft nun, dass die Rolle rückwärts zum Abitur nach 13 Schuljahren sorgsam vorbereitet wird, um Unsicherheiten zu vermeiden. Mellen: „Eine gute und stressfreie Ausbildung hängt nicht nur von G 8 oder G 9 ab, sondern ist eine Kombination aus Vorgaben, Lehrern, Schülern und Schule.“ In jedem Fall bedauert der Vorstand, dass mit der schnellen Rückkehr zu G 9 die Chance, den Lernstoff einmal gründlich zu entrümpeln, verpasst worden sei.
Der Verband der Elternräte der Gymnasien Niedersachsens freut sich einerseits darüber, dass die Stimmen aller unmittelbar Betroffenen gehört worden seien, stellt aber auch fest, dass die Kultusministerin bislang keine konkreten Ausgestaltungshinweise zur Abschaffung des „Turbo-Abiturs“ gegeben hätte. Umsetzungsmodelle würden vorliegen, größeren Zeitbedarf für die Detailprüfung sieht der Elternverband nicht, spricht stattdessen von „zögerlicher Unentschlossenheit“.
Der wirtschaftliche Aspekt ist Petra Mellen in der gesamten Diskussion bislang zu kurz gekommen. „Das ist meine private Meinung, aber wir haben so viele Lehrstellen offen und haben einen Fachkräftemangel. Ich frage mich schon, ob es gut überlegt ist, wenn wir jetzt einen Jahrgang verlieren.“ In ihren Augen ist der Alleingang Niedersachsens zum Abi nach 13 Schuljahren problematisch. Bleiben die anderen Bundesländer bei der Verkürzung der Schulzeit, werden sich Bewerber aus Niedersachsen immer rechtfertigen müssen, warum sie 13 Jahre bis zum Abitur brauchten.
Die Diskussion um längere Arbeitszeiten für Gymnasiallehrer, die als Protest Klassenfahrten streichen wollen, hat mit dem Thema G 8 oder G 9 eigentlich nichts zu tun, Zusammenhänge gibt es trotzdem. Eine Stunde Mehrarbeit höre sich erst einmal wenig an, auf ein ganzes Lehrerkollegium hochgerechnet mache diese Stunde Mehrarbeit mindestens fünf Lehrerstellen aus, gibt Petra Mellen zu bedenken. Durch das zusätzliche Schuljahr stünden einem kleineren Kollegium mehr Oberstufenschüler und damit mehr Lerngruppen und mehr Arbeit gegenüber. Es geht nicht darum, Lehrer besonders in Schutz zu nehmen, aber: „Lehrer sind verbeamtet und dürfen nicht streiken, deshalb unterstützten wir sie bei ihrer Forderung, die von der Landesregierung angekündigte Mehrarbeit zurückzunehmen“, sagt Mellen.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.