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Wachstum braucht Gestaltung

Braunschweig wächst. Grund genug für die Stadt, Leitlinien für die Zukunft der Stadtplanung neu zu definieren. Foto: T.A.
 
Aktueller Planungsstand für neuen Wohnraum: Rot und Blau kennzeichnen Projekte in der Realisierung, Grün steht für Gebiete in Vermarktung,

Integratives Stadtentwicklungskonzept wird erstellt: 20 Jahre alte Pläne werden abgelöst.

Von Ingeborg Obi-Preuß, 18.02.2014.

Braunschweig. „Ich bau ’ne Stadt für dich, aus Glas und Gold wird Stein“ – ganz so wie im Chartbreaker geht es nicht zu, aber die Stadtplaner haben viel vor.

Ein „Integriertes Stadtentwicklungskonzept“ wird aufgestellt, Heinz-Georg Leuer und Thorsten Warnecke arbeiten am Gerüst. Der Stadtbaurat und sein neuer leitender Planer sammeln Daten, Fakten, Erfahrungen und Wünsche, um ein Zukunftsszenario für die Stadt vorzubereiten.
Wer will wo wohnen, mit wem und vor allem wie? Günstige Geschosswohnung, flotte Altbauräume oder gleich ein Stadtpalais? Allein oder in einer Wohngemeinschaft? Am Stadtrand oder mitten im Zentrum? Wo brauche ich besondere Plätze für Kinder oder für ältere Menschen? Wo gibt es Supermärkte, Schulen und andere Infrastruktur, wo soll in Zukunft neuer Wohnraum entstehen, wo der Verkehr fließen, wo die Autos parken ... Fragen über Fragen, die in diesem Jahr neu bewertet, beantwortet, und als Grundlage für ein „Integriertes Entwicklungskonzept“ dienen sollen.
Braunschweig wächst. Das ist Fakt. Wohin und wie, das ist – auch – eine Frage der Planung. Auf jeden Fall soll es „maßvoll und angemessen“ in die Zukunft gehen. Die letzten Grundsatzplanungen sind rund 20 Jahre alt, wurden aber laufend aktualisiert. Das Zwei-Standorte-Konzept des Klinikums beispielsweise ist so ein Ergebnis einer Neubetrachtung.
Jetzt will die Stadt insgesamt neue Leitlinien entwickeln und darauf aufbauend ein flexibles Entwicklungskonzept, das möglichst viele Faktoren berücksichtigt.
Ein integratives Stadtplanungskonzept ist auch von allen Oberbürgermeisterkandidaten als ein wesentliches Ziel genannt worden. „Integriert“, meint in diesem Fall, dass alle einzelnen Aspekte, die zu einer Stadtplanung gehören, zusammengeführt werden können. „Themen wie demografischer Wandel, Barrierefreiheit und Bildung gehören dazu“, erläutert Stadtbaurat Heinz-Georg Leuer, aber auch der Sport-, oder der Verkehrsentwicklungsplan sind Teile des Zielgerüstes.
Alle Informationen werden in aufwendigen Programmen verarbeitet und können dann, je nach Bedarf, am Computer in verschiedenen Simulationsmodellen sichtbar gemacht werden: Was passiert, wenn ...
„In den 70er und 80er Jahren wurden diese Pläne viel zu detailliert erstellt“, erzählt Thorsten Warnecke, der in Hildesheim einen Stadtentwicklungsplan mit an den Start gebracht hat. „Früher wurden solche Vorstellungen geradezu in Beton gegossen, heute halten wird das viel offener.“
Leitlinien und Leitziele stehen vor unflexiblen Plänen. Denn in die Zukunft schauen können die Planer nicht. Was sie auf jeden Fall verhindern wollen, ist eine zu starke Segregation – die räumliche Abbildung sozialer Ungleichheit. Ein Phänomen, das alle großen Städte kennen: Es gibt Studentenviertel, Künstlerviertel, Armutsviertel, Stadtteile, in denen überwiegend Migranten, ältere Menschen oder Familien leben. Dadurch können sich mitunter gute Netzwerke und Unterstützungsstrukturen bilden. Aber – es kann auch zu einer Art Gettoisierung und Diskriminierung führen, dann nämlich, wenn nicht die freie Wahl entscheidet, wo jemand wohnen möchte, sondern Zwänge, beispielsweise die Mieten. „Die Probleme, die Paris in vielen seiner Vorstädte hat, sind Ergebnis einer schlechten Stadtplanung“, sagt dazu Thorsten Warnecke.
Deshalb wird zum Beispiel im aktuell neu entstehenden Wohngebiete „Nördliches Ringgebiet“ großer Wert auf sozialen Wohnungsbau gelegt. „Wir haben den Vorteil, mit den drei großen Wohnbaugesellschaften in der Stadt zusammenzuarbeiten“, sagt Leuer. Die „gute Durchmischung“ ist erklärtes Ziel.
Allerdings hat auch die Planung ihre Grenzen, in rein private Bauvorhaben kann die Stadt nur wenig reinreden. „Aber bislang sind die Mieten in Braunschweig nicht exorbitant aus dem Rahmen gefallen“, betont Leuer. Zwar gebe es eine „erfreulich große Nachfrage“ nach Wohnraum in Braunschweig, da sei die Stadt aber auch ziemlich aktiv. In der näheren Zukunft sind an mehreren Standorten Neubau-Mietwohnungen geplant (siehe Plan).
Eine wesentliche Aufgabe von Stadtplanung sei es auch, neue Wohnideen anzubieten, sagt Warnecke. „Verschiedene Formen von Wohngruppen für ältere Menschen, aber auch für Studenten oder für Familien mit Kindern“, sagt der Stadtplaner, es gebe eine Menge Modelle und Vorschläge, wie Wohnen in der Zukunft aussehen kann. „Wichtig ist immer, die Pläne und Möglichkeiten mit den Menschen direkt vor Ort zu diskutieren.“ Allein im Nördlichen Ringgebiet hat es bereits sehr gut besuchte Abende gegeben, an denen die ersten Entwürfe vorgestellt wurden.
Denn jeder Stadtteil sei besonders und müsse auch aus sich heraus betrachtet werden. Dafür hat die Stadt Mitarbeiter, die zuständig sind für „ihr“ Viertel, die im Auge haben, wenn sich etwas verändert, die Leerstände melden, Vorschläge machen.
Die Planer müssen Entwicklungen verfolgen und weiterdenken. „Beim besagten Zwei-Standorte-Konzept des Klinikums beispielsweise wissen wir, dass irgendwann die Gebäude an der Holwedestraße leer stehen werden“, erklärt Leuer, „dafür müssen und wollen wir Ideen entwickeln.“
Andererseits müssen die Planer auch einfach reagieren können. So wie jetzt beim Gefängnisgelände. „Da hat uns das Land mitgeteilt, dass der Standort in zwei Jahren geschlossen wird“, sagt Leuer, „jetzt sind wir dran.“
Für solche – und alle anderen Fälle – soll ein „Integriertes Stadtplanungskonzept“ in Zukunft die Grundlage bilden.
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1 Kommentar
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Frank Dr. Schröter aus Lehndorf-Watenbüttel | 20.02.2014 | 09:48  
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