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Von Huntington bis Sarrazin

Das Leserforum der Braunschweiger Zeitung diskutierte über den Terror des 11. September.

Von Christoph Matthies, 11.09.2011.


Braunschweig. Was genau ist seit dem 11. September 2001 geschehen? Wie haben die Terroranschläge auch uns verändert? Diesen und weiteren Fragen ging das Leserforum der Braunschweiger Zeitung am Donnerstag im Haus der Wissenschaft nach.

„Dass diese Anschläge auf die Muslime in der ganzen Welt abgewälzt werden, konnte man damals schon erahnen“, schilderte Hayri Aydin von der Türkisch Islamischen Gemeinde, was ihm vor zehn Jahren durch den Kopf ging, als er die brennenden Türme des World Trade Center sah. Zuvor hatten bereits der Amerikaner Lawrence Guntner und Philosophie-Professorin Nicole Karafyllis ihre persönlichen Erinnerungen an den 11. September dargelegt. „Unglaublich geschämt“ hätten sich die arabischen Hotelangestellten, als die westlichen Touristen vor dem Fernseher der Hotellobby die Berichterstattung über die Anschläge verfolgten, erinnerte sich Karafyllis, die sich damals in Tunesien aufhielt.
Immer wieder durfte sich am Donnerstag auch das Publikum des BZ-Leserforums zu Wort melden, manche Fragesteller und Stichwortgeber sogar in der Runde Platz nehmen. „Die Reaktion der Amerikaner war eine Katastrophe“, machte gleich der erste Gast seinem Unmut über die aggressive Antwort der USA Luft, die den Westen immerhin in zwei Kriege verwickelt habe. Tatsächlich hätten die Terrorakte der neokonservativen Bush-Regierung, etwa bei der gewünschten Erhöhung des US-Verteidigungshaushalts, durchaus in die Karten gespielt, räumte Politikwissenschaftler Ulrich Menzel ein. Später verwies der TU-Professor allerdings auf das Selbstverteidigungsrecht der Staaten: „Die USA haben sich angegriffen gefühlt, es drohte die Gefahr weiterer Anschläge“ – die Vorhersage Samuel Huntingtons vom „Kampf der Kulturen“ im 21. Jahrhundert schien sich zu erfüllen. Vor allem das Erdöl in der Region hätte bei den Kriegseinsätzen eine entscheidende Rolle gespielt, entgegnete Nicole Karafyllis, die mit diesem Einwurf die hörbare Zustimmung des Leserforums erntete.
Beifall bekam auch Domprediger Joachim Hempel, der es scharf verurteilte, die „Religion zu instrumentalisieren, um damit bestimmte andere Interessen zu kaschieren.“ Der Islam würde die Anschläge in New York unter keinen Umständen gutheißen, machte Hayri Aydin mit Nachdruck deutlich: „Wer einen Menschen tötet, ist keiner von uns“, habe der Prophet Mohammed den Muslimen überliefert. Auch Landesrabbiner Jonah Sievers verurteilte Terroristen, die das „Deckmäntelchen der Religion“ nutzten, um andere hinter sich zu scharen.
Doch es wurde auch leidenschaftlich gestritten: Bei ihrem Disput über das richtige Maß bei der Terrorbekämpfung wurde deutlich, dass die Polizeibeamtin Cordula Müller und ein Mitglied der Piratenpartei an diesem Abend keine Freundschaftsarmbänder mehr austauschen würden. Als „völligen Blödsinn“ bezeichnete Müller die Einschätzung des weiblichen Piraten, die Vorratsdatenspeicherung würde jeden Menschen unter Generalverdacht stellen.
„Warum werden alle Muslime über einen Kamm geschoren?“, fragte Mona Al-Masri, die beschrieb, wie sich ihr Leben als Muslima in Braunschweig seit dem 11. September veränderte. Klar, dass bei der Frage nach dem Islambild der Deutschen auch das Stichwort Sarrazin nicht fehlte. Am Ende waren sich alle einig, dass es vor allem mehr interkulturellen Dialog benötige, um Vorurteile abzubauen.
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