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„Ungeliebtes Kind“ ist flügge

Verkehrs-AG senkt in zehn Jahren Ausgaben um mehr als 100 Millionen Euro.

Von Martina Jurk, 04.08.2010

Braunschweig. Die Braunschweiger Verkehrs-AG ist ein defizitäres Unternehmen. Und dennoch gehört es zu den erfolgreichsten Dienstleistern. Zahlen belegen, dass vor allem in der Bevölkerung die Akzeptanz steigt. Immer mehr Braunschweiger fahren mit Bus und Bahn.

Vor zehn Jahren sah das noch ganz anders aus. Mit 32 Millionen Euro bezuschusste die Stadt den Verkehrsbetrieb. Heute sind es nur noch 18,8 Millionen Euro. Für den Aufsichtsratsvorsitzenden Carsten Müller eine Erfolgsgeschichte, die bundesweit ihresgleichen sucht. Der Verkauf des Betriebes wurde damals in Betracht gezogen. „Stattdessen hat die Verkehrs-AG vor zehn Jahren als einer der ersten Verkehrsbetriebe in Deutschland mit einem konsequenten Restrukturierungsprozess begonnen. Abläufe wurden optimiert, und es wurde kostenbewusst gewirtschaftet.“ Die Verschlankung in Verwaltung und Führungsebene sowie die Übernahme eines Teils der Leistungen durch die Mundstock-Tochter hätten dazu geführt, dass sich die Mitarbeiterzahl von 600 auf rund 470 reduzierte. Das gute Betriebsergebnis sei vor allem dem engagierten Mitwirken der Mitarbeiter zu danken. „Sie haben Einschnitte hingenommen und sind bis an ihre Leistungsgrenzen gegangen“, lobt Müller.
Kostenfaktor Schienennetz
Trotz der positiven Entwicklung bleibt es bei einem Defizit von 18,8 Millionen Euro. „Ein gutes städtisches ÖPNV-Angebot lässt sich strukturell nicht kostendeckend betreiben“, argumentiert der Aufsichtsratsvorsitzende. Im Gegensatz zu Städten, in denen nur Busse fahren, führe ein Schienennetz zu infrastrukturellen Zusatzkosten. Wirtschaftsdezernent Joachim Roth erläutert die Finanzierungsstruktur wie folgt: „In anderen Städten erhalten Verkehrsbetriebe vorab Zuweisungen, die nicht als ‘Verlust‘ auftauchen und damit ausgeglichen werden müssen.“ In Braunschweig werde das Ergebnis der Verkehrs-AG im Nachhinein über die städtische Beteiligungsgesellschaft (SBBG), zu der unter anderem auch Stadthalle, Stadtbad und Nibelungen Wohnbau gehören, konsolidiert. Das Schienennetz der Verkehrs-AG zähle als echter Kostenfaktor und sei aus Gründen der Transparenz nicht wie bei anderen Verkehrsgesellschaften ausgelagert worden.
205 Millionen Euro investiert
Seit 2001 sind 205 Millionen Euro (davon 43 Prozent Zuschüsse) maßgeblich in die Ausweitung des Streckennetzes nach Stöckheim (30 Millionen Euro), den Neubau des Stadtbahnbetriebshofs (46 Millionen Euro), die Anschaffung von neuen Niederflurbahnen und -bussen (59 Millionen Euro), den Haltestellenausbau sowie die Gleiserneuerung und Unterhaltung (25 Millionen Euro) investiert worden. Die Baumaßnahme Fallersleber Straße schlägt für die Verkehrs-AG mit sechs Millionen Euro zu Buche.
Überproportionaler Kundenzulauf
Als Wirtschaftsfaktor in der Region ist das Unternehmen also keinesfalls zu unterschätzen. Wie sieht es aber mit der Kundenzufriedenheit aus? Der neue Fahrplan im Herbst 2008 stieß in der Bevölkerung auf viel Kritik. Ein halbes Jahr später, mit dem Baubeginn der Fallersleber-Tor-Brücke, wurde ein neues Liniennetz vorgelegt. „Seitdem gibt es kaum noch Beschwerden“, meint Carsten Müller. 800 000 Fahrgäste mehr in den ersten fünf Monaten diesen Jahres im Braunschweiger Stadtgebiet und damit verbundene Umsatzerlöse „in bisher ungeahntem Ausmaß“ geben ihm Recht. Müller verspricht „noch mehr Komfort“ nach Gliesmarode und Volkmarode nach Abschluss der Bauarbeiten an der Fallersleber-Tor-Brücke.
„Die Verkehrs-AG hat ihr Ziel erreicht, sich am Markt zu behaupten. Mehr Leistungen wie beispielsweise die Neuanbindung Querums, der bessere Anschluss an die Theodor-Heuss-Straße, bessere Taktzeiten, Pünktlichkeit und Verlässlichkeit sowie ein überproportionaler Kundenzulauf gelten bundesweit als beispielhaft“, fasst der Aufsichtsratsvorsitzende zusammen.
Unmittelbar bevor steht der Umbau der Haltestelle Stadion auf der Hamburger Straße. Der Braunschweiger CDU-Landtagsabgeordnete Carsten Höttger hatte eine heftige Debatte darüber angestoßen, dass diese Baumaßnahme eine Verschwendung von Steuergeldern sei. Carsten Müller kann seine Freude nicht verbergen, dass der Bund der Steuerzahler inzwischen „grünes Licht“ für den vier Millionen Euro teuren Umbau gegeben hat.
Problemfall Regiostadtbahn
Es wäre unheimlich, wenn die Verkehrs-AG nicht auch Sorgen drücken würden. Die heißen „Regiostadtbahn“. Eigentlich eine gute Sache, aber für den Verkehrsbetrieb zu spät. „Uns rosten die Gleise in der Kurt-Schumacher-Straße weg“, sagt Carsten Müller. Seit Jahren seien diese „abgängig“, vorsorglich werde die Geschwindigkeit der Straßenbahnen in diesem Bereich gedrosselt. „Wir werden nicht mehr dauerhaft warten können“, ist Müller besorgt. Vor 2015 sieht er die Regiostadtbahn nicht in Braunschweig fahren. Davon abhängig seien ebenfalls die Umbauten Hagenmarkt und Kennedy-Platz.
Dass sich das Fortkommen der Regiostadtbahn verzögert, liegt seiner Ansicht nach an einer „nicht optimalen Projektsteuerung“. „Es sind vier bis fünf Jahre verschenkt worden.“ Schlimmstenfalls müssten die Gleise in der Kurt-Schumacher-Straße zweimal erneuert werden. Aber daran mag der Aufsichtsratsvorsitzende lieber nicht denken.
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